Capricorni Pneumatici gehören seit den späten Achtzigern zu den eigenwilligsten und zugleich obskursten Erscheinungen der italienischen Experimental- und Ritualszene, ihr Name ist wohl Aleister Crowley entlehnt und verbindet Astrologie und die gnostiche Idee eines göttlichen Funkens. Nach einer produktiven Anfangsphase wurde es ruhig um das Projekt, das seit einigen Jahren nun wieder aktiv ist. Auf “Vala, Or The Four Zoas”, einer neu aufgelegten Aufnahme aus dem Jahr 1989, widmet sich das Projekt dem gleichnamigen mythologischen Werk William Blakes und dessen vier Grundkräften der menschlichen Seele. Die Musik illustriert diese Ideen nicht direkt, erschafft vielmehr Szenarien, in denen sich ihre symbolische Kraft erahnen lässt.
Der erste Track, “1st Zoa”, ist dem von der Gottheit Urizen allegorisierten Bereich von Vernunft und Ordnung zugeordnet und entfaltet sich als langsame, zähflüssige Klanglandschaft. Helle, organisch wirkende Drones, feine metallene Beigaben und ein stetiges Ausdehnen und Zusammenziehen des Materials erzeugen eine Atmosphäre kontrollierter Spannung. Die Musik bleibt über weite Strecken statisch, wirkt dabei aber nie leblos, sondern wie ein gedanklicher Raum, der sich fast unmerklich verändert.
Deutlich unruhiger präsentiert sich “2nd Zoa”, das der Grundkraft Tharmas gewidmet ist. Hier treten Rauschen, dumpfe Schläge und seltsame Bläserklänge in einen lose zusammenhängenden Dialog. Die Szenerie erinnert stellenweise an fragmentierten Jazz, dann wieder an ferne industrielle Geräusche. Die Zuordnung zu Triebhaftigkeit und unbewussten Emotionen erscheint nachvollziehbar. Das vergleichsweise kurze “3rd Zoa” bildet den intensivsten Abschnitt des Albums. Aus anfänglich unscheinbaren Geräuschen entwickelt sich ein raues, kratzendes Klanggeschehen, das zunehmend die Anmutung eines heraufziehenden Unwetters annimmt. Leidenschaft – Luvah – erscheint hier nicht als romantische Geste, sondern als elementare Kraft. Den Höhepunkt bildet das der Allegorie der Imagination und Kreativität, Urthona, gewidmete halbstündige “4th Zoa”. Verfremdete (kindliche?) Stimmen, krächzende Vögel, Windrauschen und tiefe Drones verschmelzen zu einem surrealen Hörspiel ohne Handlung. Immer wieder scheint sich eine musikalische Struktur herausbilden zu wollen, nur um erneut im Strom der Klänge aufzugehen. Gerade diese permanente Schwebe zwischen Konkretem und Abstraktem verleiht dem Stück seine hypnotische Wirkung, zugleich schlägt es klanglich eine Brücke zurück zum Auftakt des Albums (selbst die beiden thematisiereten Allegorien beginnen mit der gleichen Silbe) und schließt so den Kreis. Der als Bonus enthaltene Titel “Biarmonico” rundet das Werk mit einer besonders reduzierten, meditativen Drone-Komposition ab.
“Vala, Or The Four Zoas” ist keine leichte Kost und verweigert sich konsequent jeder Form von konventioneller Dramaturgie. Wer sich jedoch auf die langsamen Bewegungen, die typisch traumwandlerischen Sounds und die eigenwillige Verbindung aus Ritual, Musique concrète und Elektronik einlässt, entdeckt ein bemerkenswert geschlossenes Werk, das weniger von einzelnen Klängen als von deren geheimnisvollen Beziehungen zueinander lebt. (U.S.)
Label: Eighth Tower Records