Was bleibt vom Ambient, wenn dieser seine atmosphärische Komfortzone verlässt? Jeff Düngfelder alias Ümlaut löst auf “After Ambient” den beliebten “Genre”-Begriff weitgehend von seinen vertrauten Konventionen. Zwar enthalten die sieben Stücke einiges an schwebenden Flächen, Drones und lange nachhallenden Räumen, verweigern sich aber konsequent einer bloß atmosphärischen Funktion. Stattdessen entfalten sie sich als offene Szenarien voller Brüche, Richtungswechsel und feiner Verschiebungen.
Schon “Quiet Apparatus” eröffnet mit einem vielschichtigen Geflecht aus Rauschen, Wellenbewegungen und kleinsten Klangpartikeln, das sich unmerklich verdichtet und ständig neue Details freigibt. Auch die folgenden Stücke überraschen immer wieder mit melodischen Fragmenten, schabenden und klackernden Geräuschen oder flüchtigen Anspielungen auf vertraute musikalische Formen, die ebenso schnell wieder zerfallen. Selbst dort, wo sich beinahe songhafte Momente andeuten oder Gitarren- und sonstige Saitenklänge (gefühlt?) durchscheinen, bleiben sie Teil eines größeren, permanent im Wandel befindlichen Klanggeschehens.
Wie im Begleittext beschrieben, versteht Düngfelder Klang weniger als Atmosphäre denn als architektonisches Material. Tatsächlich wirken die Kompositionen oft wie Erkundungen imaginärer Räume, in denen Loops, Field Recordings, Synthesizer und Momente nahe der Stille gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Dabei entstehen immer wieder Szenarien, die Assoziationen an nächtliche Landschaften oder fremdartige Naturgeräusche hervorrufen, ohne jemals konkret oder illustrativ zu werden.
Besonders eindrucksvoll gelingt dies in den ausgedehnten Stücken “Interior Signal” und “Unresolved Terrain”, die ihre hypnotische Wirkung aus dem ständigen Wechsel zwischen minimalen Details, schleichender Zuspitzung und überraschenden Brüchen beziehen. Nichts verharrt lange an seinem Platz, jedes Motiv scheint sich im nächsten Moment bereits in eine neue Richtung zu entwickeln. Der abschließende Titeltrack fasst diese Ästhetik schließlich noch einmal zusammen. Summen, Vibrieren, Reiben und vereinzelte melodische Tupfer fügen sich zu einem ruhigen, aber ereignisreichen Ausklang, der das Album weder auflöst noch abschließt, sondern langsam ausklingen lässt.
“After Ambient” ist ein Album für konzentriertes Hören, gleichwohl man es selbstredend auch schlicht genießen kann. Es erweitert den Ambient-Begriff nicht durch Lautstärke oder spektakuläre Gesten, sondern durch eine permanente Offenheit, die Klang weniger als Hintergrund denn als sich stetig wandelnden Erfahrungsraum begreift. Angesichts des verspielten, spontanen, dynamischen Detailreichtums des Ümlaut-Werks ist diese Entwicklung aber nicht primär als Bruch zu sehen, sondern als Steigerung von etwas, das bereits da war. (U.S.)