Mit “Tint” legt Felix-Florian Tödtloff sein drittes Soloalbum vor und widmet sich darauf einer ausgesprochen reduzierten Form elektronischer Klanggestaltung zwischen Minimalismus und dezenter Dröhnung. Die Stücke lassen lang gehaltene Töne entstehen, die mittels feiner Veränderungen von Tonhöhe und Klangfarbe und daraus entstehende harmonische Verschiebungen ihren Charakter erhalten. Trotz ihrer elektronischen Grundlagen – per Software in Sinuswellen transformierte E-Gitarrensounds – wirken die Klänge dabei erstaunlich “organisch”.
Schon das eröffnende Titelstück setzt auf maximale Reduktion. Ein heller, glockenartiger Impuls scheint den Klangraum zu öffnen, danach stehen langgezogene, leicht vibrierende Töne im Raum. Nur allmählich verändern sich deren Höhe und Färbung, manchmal beinahe unmerklich, dann wieder in etwas dichterer Folge. Das Material bleibt denkbar einfach, doch gerade dadurch wird man auf kleinste Bewegungen aufmerksam. Es ist Musik, die sich gut als Teil einer minimalistischen Klanginstallation vorstellen lässt: zurückhaltend, pastellfarben und ohne den Zwang, jedes Detail mit Bedeutung aufladen zu müssen.
“Reflets” bringt etwas stärker ausgeprägte Intervalle und kleine melodische Muster ins Spiel, bleibt dem reduzierten Ansatz aber treu, denn die Veränderungen sind weiterhin vorsichtig gesetzt. In “Rialto Drone” wird diese Geduld noch deutlicher. Über längere Strecken scheint kaum etwas zu geschehen, wodurch jede noch so kleine Verschiebung plötzlich Gewicht bekommt. Das Stück entwickelt daraus eine stille, hypnotische Qualität. Eine kurze Unterbrechung bildet das nach dem Aufnahmeort betitelte “Federaun”. Hier stammt das Material aus einer Feldaufnahme aus Villach und öffnet den bisher abstrakten Klangraum zu einer konkreten, verrauschten Umgebung. Knarren, entfernte Bewegungen und schwer zu identifizierende Geräusche erzeugen eine eigentümlich beiläufige Szenerie.
Mit fast zehn Minuten ist “All In” das längste Stück des Albums und führt wieder zurück in dessen eigentliche Klangwelt. Hohe, sanft vibrierende Sinustöne bilden ein beinahe melodisches Gefüge, dessen Veränderungen sich weiterhin eher in kleinen Schritten vollziehen. Radikale Brüche sind Tödtloffs Sache hier nicht, stattdessen entsteht die Spannung aus dem aufmerksamen Verfolgen kleinster Verschiebungen.
“Tint” ist entsprechend kein Album, das sich beim ersten Hören vollständig erschließt. Seine Qualität liegt gerade darin, dass es wenig vorgibt und dem Hören Zeit lässt. Aus eher begrenztem Material entwickelt der Künstler einen erstaunlich beweglichen Klangraum, in dem minimale Veränderungen plötzlich zu Ereignissen werden.
Auch die Gestaltung von Aleksandar Todorović passt dazu: Das Artwork besitzt einen floralen, leicht an Jugendstil und Art Decó erinnernden Charakter, der einen schönen Kontrapunkt zur kühlen Reduktion der Musik bildet. (U.S.)
Label: Weak Industries