SCRAMBLED EGGS: Happy Together, Filthier Than Ever

Eine der kreativsten und eigenwilligsten Bands, die aus dem vielgestaltigen Underground Beiruts hervorgegangen ist, zählen die in den spätem 90ern gegründeten Scrambled Eggs. Nach mehreren Besetzungswechseln der frühen Jahre entwickelten der auf unseren Seiten immer mal als Komponist ambienter Dröhnung besprochene Charbel Haber (Gitarre, Vocals, Lyrics), Marc Codsi (ebenfalls Gitarre), der heute in Berlin lebende und der Improvisation frönende Tony Elieh (Bass) und Malek Rizkallah (Drums) einen originellen Sound irgendwo zwischen Punk, Post-Punk und noisigem Experimentalrock, der rohe Energie mit einer bemerkenswerten Lust am stilistischen Eigensinn und augenzwinkernden Stilzitaten verband. Ob ihr Name von einem launigen Nurse With Wound-Track inspiriert war, ist zumindest mir nicht bekannt, aber wer weiß?

Das aktuelle Reissue von “Happy Together Filthy Forever” beschränkt sich dabei nicht auf das 2006 bei Incognito erschienene Album: Es versammelt zusätzlich die einige Jahre später bei Ruptured veröffentlichte Sammlung “Peace Is Overrated & War Misunderstood” mit Demos, Outtakes, Soundtrackmaterial und bislang verstreuten Aufnahmen. Beide Veröffentlichungen sind hier erstmals gemeinsam erhältlich, remastert und um neues Artwork ergänzt.

Schon das eröffnende “Russian Roulette” macht mit knarrendem Bass und sirenenartigen Gitarren klar, wie unmittelbar Scrambled Eggs arbeiten: Die Songs können ausgesprochen punkig und reduziert daherkommen, werden aber immer wieder durch ungewöhnliche Klangfarben, Verschiebungen und kleine Irritationen aus ihrer erwartbaren Bahn gebracht. “Johnny Anti-Christ” klingt zunächst beinahe wie eine besonders räudige britische Punknummer, bevor die experimentelleren Seiten der Band hervortreten. “Bad Moon Rise” überrascht dagegen mit einem beinahe entspannten Americana-/Surf-Einschlag. Gerade solche Brüche gehören zum Reiz der Band.

Am eindringlichsten ist vielleicht “1984″, ein während des Libanonkriegs im Juli 2006 live in Beirut aufgenommenes Stück. Der zunächst stampfende Rhythmus, das enthusiastische Publikum und die sich immer weiter verdichtenden Gitarren münden in einen ekstatischen Ausbruch. Dass die Aufnahme tatsächlich während der Kriegshandlungen entstand, verleiht dieser ohnehin schon nervösen Musik eine zusätzliche Unmittelbarkeit. Auch auf der nach Krieg und Frieden betitelten zweiten Hälfte des Reissues wird die politische und soziale Realität nicht zum bloßen Hintergrund: “The Party” verbindet hektischen Punk mit einem hysterischen Gesang, während “See You In Beirut” düstere, gialloartige Klangflächen mit einem überraschend melancholischen Gesang kontrastiert.

Besonders spannend sind überhaupt die Momente, in denen Scrambled Eggs ihre offensichtlichen Einflüsse scheinbar aus den Augen verlieren. “Murder 06″ etwa entwickelt aus entspanntem Gitarrenpicking, unheimlichen Geräuschen und einem mechanischen Groove einen eigentümlichen Post-Punk-Hybrid, bei dem Jello Biafras beißende Artikulation und Robert Smiths melodische Eigenheiten einen gemeinsamen Wiedergänger entstehen lassen – eine abenteuerliche Quadratur des Kreises, die ich nicht anders beschreiben kann. “Let It Go” wiederum verschiebt sich vom stoischen Post-Punk-Rhythmus in Richtung Ska und erzeugt gerade durch das leichte Auseinanderdriften von Gesang und Instrumentalparts eine ganz eigene Spannung.

So dokumentiert diese Reissue nicht einfach zwei alte Platten, sondern eine besonders produktive Phase von Scrambled Eggs. Zwischen Wut, schwarzem Humor, Experimentierfreude und Melancholie entsteht ein Sound, der deutlich aus dem Post-Punk hervorgegangen ist, sich aber nie damit begnügt, dessen bekannte Formen nachzuspielen. Gerade deshalb wirkt die Musik auch nach zwei Jahrzehnten erstaunlich originell und relevant. (U.S.)

Label: Ruptured