MONA MUR / MIRON ZWONIR: Don’t Turn on the News

Mona Mur gehört seit den 80ern zu den interessantesten Stimmen der im weitesten Sinne subkulturellen Musik. Zwischen (Post-)Punk, elektronischer Musik und “brutalen” Chansons entwickelt sie einen unverwechselbaren Stil, in dem ihre markante, oft kühl und zugleich emotional intensiv wirkende Stimme auf wuchtige Gitarren, elektronische Texturen oder Orchestrales trifft. Miron Zownir wiederum ist vor allem für seine radikalen Schwarzweißfotografien aus den urbanen Subkulturen internationaler Metropolen bekannt, arbeitet aber auch als Autor und Filmemacher.

Kennengelernt haben sich die beiden im Zusammenhang mit Zownirs Buch Walk Through The Fire. Aus dem Kontakt entstand zunächst eine künstlerische Annäherung und schließlich die erste gemeinsame Arbeit. “Don’t Turn on the News” ist nun ihre zweite gemeinsame Platte: Zownir schrieb neun Gedichte speziell für Mona, die diese als Grundlage für das Album verwendete. Sie selbst beschreibt, dass sie zu dieser Zeit ob der Nachrichten der Welt unter einer regelrechten Schreibblockade litt, während die Musik weiterhin wie selbstverständlich aus ihr herausströmte – ein ausgesprochen interessanter und häufig vorkommender psychologischer Mechanismus, der bestätigt, dass die näher an der Verstandesebene gelegene Sprache, auch in ihrer poetischen Form, durch Schwierigkeiten und Traumata leichter zu irritieren ist als die aus, wie man es bildlich gerne sagt, tieferen Schichten kommende musikalische Imagination. Zownirs Texte erwiesen sich dabei als unerwartete Möglichkeit, die sprachliche Seite ihrer Arbeit wieder in Gang zu bringen.

Musikalisch ist “Don’t Turn on the News” ein ausgesprochen dunkles und zugleich erstaunlich vielgestaltiges Album. Mur verzichtet weitgehend auf den chansonartigen Ton, den man mit manchen ihrer Arbeiten verbindet, und bewegt sich stattdessen zwischen lärmigen Momenten, elektronischem Rock, und einer Art von Postpunk infiltrierten Pop Noir. Pulsierende Synthies, Gitarren, metallene Geräusche, schwere Rhythmen und hier und da orchestrale Elemente erzeugen einen Sound, der immer wieder zwischen kontrollierter Kühle und eruptiver Wucht changiert.

Dabei ist das Album keineswegs brachial. Neben kantigen Midtempo-Stücken finden sich leichtere, beinahe schwebende Passagen, in denen Mur ihre Stimme eher sprechen als singen lässt. Gerade diese Mischung aus nüchterner Artikulation und melodischer Führung gehört zu den Stärken der Platte – sie kann hart, resigniert, zynisch oder verletzlich klingen, ohne ihre Präsenz jemals zu verlieren. “Don’t Count Me In” etwa verbindet eine desolate, fast crossoverartige Klangwelt plus lyrischen Sarkasmus mit einer überraschenden Emotionalität, während das temporeiche “Someday” mit seinen retrofuturistischen Synthiefarben eine eigentümliche Clubatmosphäre erzeugt, ohne sich wirklich auf einen Beat einzulassen.

Besonders prägnant gerät der Titelsong “Don’t Turn on the News”. Metallene Einschläge und düstere elektronische Schichten schaffen hier eine beinahe apokalyptische Atmosphäre. Der Imperativ, der dem Stück seinen Titel gibt, ist dabei weniger Aufforderung zum Wegsehen als Ausdruck einer Überforderung durch die permanente Flut aus Gewalt, Katastrophen und medial produzierter Erregung. Auch die übrigen Texte kreisen um solche Zustände: um Abneigung und Konditionierung, Anpassungsdruck, Vergänglichkeit, Dekadenz, unerfüllte Beziehungen, Identität und die Suche nach einem Rest von Hoffnung in einer Welt, die häufig eher zur Resignation einlädt. Zownirs Lyrik scheint dabei immer wieder zwischen Härte und Verletzlichkeit zu kippen – genau jene Spannung, die auch Mona Murs Musik prägt.

Das Finale “If I’m Still Around” bringt diese Stimmung noch einmal besonders schön auf den Punkt und präsentiert eine kreisende elektronische Bewegung, rumpelnden Rhythmus und eine lakonische Frage nach dem eigenen Weiterexistieren. Der Titel klingt beinahe wie ein Cliffhanger – und tatsächlich lässt Mur die Platte lieber in der Schwebe als mit einer eindeutigen Auflösung enden.

“Don’t Turn on the News” ist damit weit mehr als die musikalische Vertonung fremder Gedichte. Mur und Zownir entwickeln eine gemeinsame Sprache, in der elektronische Härte, poetische Dichte und ein ausgeprägtes Gespür für Abgründe ineinandergreifen. Das Ergebnis ist kalt, warm, zornig und melancholisch zugleich und so ein Album, das aus den Zumutungen der Gegenwart eine bemerkenswert intensive Form destilliert. (U.S.)

Label: Freibank