Daniel Decker hat bisher u.a. politisch engagierten Indiepop gespielt (etwa hier), dem auch eine gewisse Melancholie innewohnen konnte. Sein neues, gerade auf Hauch Records erschienenes Album „Dysthymnia“ geht allerdings in eine musikalisch andere Richtung. Auf seiner Instagramseite geht Decker auf den Entstehungskontext ein: „Suffering a so called Double Depression, I lost my ability to listen to conventional music. Part of healing was exploring new possibilities of making music in a different way.” Daraus entwickete sich ein Album, das den Fokus nicht mehr auf den Song legt und dessen musikalische Ausrichtung Decker selbst so verortet: „minimalistische Klavierskizzen, Ambientgebilde und Drones. Düstere Klanggebilde aus Loops und Fieldrecordings.“ und dem Aufbau einer katholischen Liturgie folgend.
Aber auch ohne all das zu wissen, geben Titelgebung und Gestaltung des Albums schon sehr klar die Richtung vor: Ein blaues Cover, in dessen Hintergrund ein Gesicht im Äther aufzutauchen scheint, ein Titel, der auf Depression verweist, aufgenommen wurde das Album in „The Black Lodge“. Da eröffnet sich direkt ein Referenz- und Resonanzraum von Schwarzgalligkeit und dem Somnambulen.
Das Titelstück beginnt mit Glockenläuten, dann hört man eine rauschige, warme Melodie, vielleicht so in etwa, als habe jemand kurzzeitig das Twin Peaks-Theme durch Watte abgespielt. „Es steigt auf“ wird dominiert von dunklen, repetetiven Klavierpassagen; zwischendurch meint man, eine gestopfte Trompete dröhne in der Ferne. „Gloria“ lässt an ein Glockenspiel oder eine Spieluhr denken, man hört leicht dissoantes Rascheln und Rauschen. Auf „Credo“ tönt ein etwas verstimmt klingendes Klavier, das kurz vor der Auflösung zu sein scheint. Den Pressetext schrieb Georg Seeßlen, der bezeichnenderweise bzgl. des Stücks davon spricht, Satie-artige Klavierpassagen verschwänden hinter einem „David Lynch-esque curtain”. Aus dem dröhnenden Anfang von „Benzodiazepine” kommt plötzlich dezentes Klavierspiel. Das ambiente „Requiem“ erinnert von der Simmung an William Basinskis Arbeiten mit dem Voyetra 8-Synthesizer. „The Bell Jar“, wahrscheinlich an Sylvia Plaths gleichnamigen Roman anspielend, ist ein wunderschönes Stück Melancholie. Abgeschlossen wird dieses großartige Album von dem Stück „Grundriss der Critique“, auf dem das Klavier wieder im Zentrum ist.
“Dysthymnia” ist in einer Auflage von je 100 Exemplaren in blauem und schwarzem Vinyl erhältlich.
Label: Hauch Records