LOVESPELLS: White Hands

“White Hands” klingt wie ein Traum, der sich weigert, zu enden. In einer Welt aus Nebel, Erinnerung und zarter Selbsttäuschung wird Nähe zum flüchtigen Moment – eine Handbewegung, ein Blick, der alles verrät und doch verschweigt. Zwischen Statuen und Gespenstern, die an die Szenerie aus Jean Rollins Rose de Fer erinnern, scheint hier eine vergangene Liebe weiterzuleben, verwandelt in Dichtung und Klang, in eine fragile und doch eindringliche Beschwörung der Erinnerung.

Nach sieben Jahren meldet sich Lovespells, das dunkel getönte Synth Pop-Projekt von Gloria de Oliveira, mit dieser Single zurück. Wo de Oliveiras surrealer eingefärbte Solowerke oft entrückt und fast transparent wirken, zeigt sich Lovespells hier direkter und offenbart einen melancholischen Glanz, getragen von kühlen Cold Wave-Takten und einem Gesang, der zwischen Verführung und Schmerz oszilliert. Lovespells, 2017 in Hamburg gegründet, steht für eine Form von elektronischem Pop, die nie bloß nostalgisch ist, sondern mit feinem Gespür die sinnliche Tiefgründigkeit des Vergangenen reanimiert.

Musikalisch verknüpft sich ein wehmütiges Piano, das zusammen mit einem Seufzer den Auftakt macht, mit tiefen, wellenförmigen Synthies, und mit der Zeit wächst der Song von verhaltener Traurigkeit zu einem feierlichen, fast tranceartigen Glühen, das sogar einen Funken von (gefühlter?) Euphorie enthält. De Oliveiras Stimme, irgendwo zwischen Chanson und nächtlicher Beschwörung, trägt den Song mit einer Mischung aus Intimität und Entrücktheit. “White Hands” ist tanzbar, aber nie leicht, der Rhythmus hält die Atmosphäre in Bewegung, während der Gesang zwischen Nähe und Distanz changiert wie ein Schatten, der sich nicht fassen lässt.

Die gesungenen Worte erzählen von Illusion und Erinnerung, von der Zerbrechlichkeit der Liebe und dem (tragischen?) Versuch, das Lebendige – auch – in der Erstarrung zu erkennen, “marble fingertips” und “white hands” werden zu Symbolen einer berührten, aber erkalteten Welt. Die lyrischen Bilder – Heilige, antike Dichter, geflügelte Träume – lassen das Gesungene wie die begonnene, aber nie ganz vollzogene Lüftung eines kostbaren Geheimnisses anmuten, das vielleicht für immer gewahrt bleiben sollte und in den gesungenen Andeutungen sein perfektes Andenken erhält.

Label: La Double Vie