ALAN VEGA: Alan Vega / Collision Drive

Im Rahmen der Vega Vault-Reihe haben Sacred Bones bislang „Mutabor“ mit unveröffentlichten Aufnahmen Vegas aus den Jahren 1995/1996 herausgebracht, vor einiger Zeit sind nun bei dem amerikanischen Label die ersten beiden Soloalben des 2016 verstorbenen New Yorkers wieder verfügbar gemacht worden. Zum Kontext: Etwa zeitgleich mit dem zweiten Suicide-Album, das verglichen mit dem 1977 erschienenen Debüt des Duos weniger rabiat und insgesamt poppiger ausfiel – man fantasierte darüber, das Album von Giorgio Moroder produzieren zu lassen –, veröffentlichte Vega 1980 das erste von zahlreichen Soloalben.

Vegas Gesang war schon immer geschult an seiner Liebe zu Rock ‘n’ Roll und Rockabilly und auch sein Crooning ließ an die 50er denken (manchmal neigt man dazu zu vergessen, dass selbst der Erstling Suicides nicht nur aus Songs wie „Ghostrider“ oder „Frankie Teardrop“ bestand), was vor Jahren zu der Beschreibung Vegas als „Elvis from hell“ oder „Elvis-on-quaaludes“ führte.

Die oben genannten Einflüsse spiegelten sich dann auch konsequent in der Instrumentierung und musikalischen Ausrichtung auf seinen ersten Soloalben wider. Das zusammen mit Phil Hawk eingespielte selbstbetitelte Debüt beginnt mit „Jukebox Baby“, das ihm einen Top 10-Hit in Frankreich bescherte und das Suicide auf ihrem unterschätzten dritten Album „A Way Of Life“ 1988 neu interpretieren sollten. Das Album enthält schnelle Stücke wie etwa „Kung Foo Cowboy“ (mit Twang der Gitarre) oder „Fireball“ mit Handclaps, triebendem Bass und Vegas Schreien: „Thunderstorm blues burnin true light/Burnt out maniacs holding dynamite/Angry people wanting to fight/Angry people who say they’re right“. Es gibt eine schnelle Countrynummer („Speedway“) oder das treibende „Bye Bye Bayou“: „They’re sending me to my home/In a one-way-ticket body sack/Just like Jimmy always said/An unknown hero “. Auf dem getragenen, minimalistischen „Love Cry“ erinnert Vegas Stimme an das, was Jahr(zehnt)e später David Lynch auf „Crazy Clown Time“ gemacht hat. Textzeilen wie „Werewolf drives a brand new Chevy“ (von „Ice Drummer“) hätten natürlich auch die Cramps schreiben können. Beendet wird das Album von der Ballade „Lonely“. Eine Version des Albums, die zusätzlich Demoaufnahmen der Songs enthält, ist ebenfalls erhältlich.

 Der schon ein Jahr später erschienene Nachfolger „Collision Drive“ wurde mit ganzer Band eingespielt. Schnelle Stücke wie „Magdalena 82“, “Raver”, ” Magdalena 83“, das Cover von „Be Bop A Lula“ von Gene Vincent oder „Outlaw“ („We can see the red, white, and blue rising/Ooh, the wretched of the earth coming and a-marchin’/Tearing down the jail, letting out the poor“) mit wilder E-Gitarre machen Vegas Einflüsse erneut mehr als deutlich. Es gibt eine Neuinterpretation von Suicides „Ghost Rider“ (mit leicht verändertem Text) oder das durchaus als Selbstbeschreibung zu lesende „Rebel“, „I Believe“ zeigt aber, dass das Tempo auch zuückgenommen werden kann. Dann kommt schließlich als Abschluss der absolute Höhepunkt des Albums: das 12-minütige „Viet Vet“, das mit schleppendem Schlagzeug und dem wuchtigen Bass an Joy Divisions „I Remember Nothing“ denken lässt. Hier wird nach dem (nur ironisch lesbaren) Ausruf „glory, glory hallelujah“ ein Tableau des Schreckens entfaltet: Der titelgebende Veteran („He’s home/He’s a twisted flyer/He’s a slimy bleeding rat/He loves his country/It’s the greatest, it’s the greatest“) ist versehrt ( „You got a bleedin’ stump/For an arm/Four Purple Hearts“), seine Frau stirbt und seine Konfrontation mit der Staatsmacht führt zur Katastrophe: „He’s a-runnin’, oh, runnin’/The cops are comin’, a-comin’/Yeah, they got him down an alleyway/He’s a-wasted, he’s a-worn, he’s destroyed/Don’t shoot“. Vega schreit, stammelt, schnaubt, um am Ende zu brüllen: „They owe me a debt“.

Es ist ganz sicher kein Zufall, dass Lydia Lunch und Marc Hurtado (mit dem Vega 2010 das Album „Sniper“ einspielte) für ihre aktuelle Tour, auf der sie die Musik von Vega und Suicide „reinkarnieren“, von Vegas reinen Soloalben gerade dieses Stück ausgewählt haben. Sein gesamtes Schaffen, neben den Texten und der Musik auch seine Bilder und Skulpturen, zeigt immer wieder die ganze Ambivalenz der Nation, die Jahrzehnte seine Heimat war.  (MG)

Label: Sacred Bones Records