Mit “May a soft sun bless your sky while you wait for the inevitable” entwirft der libanesische Komponist und Ambientkünstler Charbel Haber ein Werk, das aus einem Moment des Innehaltens heraus geboren scheint: dem Ankommen in Paris, fern der unmittelbaren Bedrohung in seiner zur Zeit kriegsgebeutelten Heimatstadt Beirut, aber nicht losgelöst von ihr. Die Musik wirkt wie ein Versuch, sich eine Zone der Sanftheit zu schaffen, in der sich Schönheit und Schrecken nicht ausschließen, sondern gleichzeitig bestehen dürfen, getragen von einer leisen, aber ahnbaren Entschlossenheit.
Haber, für alle die ihn nicht kennen, ist ein tief in der ausgesprochen kreativen libanensichen Undergroundszene verwurzelter Musiker und seit den 90er Jahren aktiv. Atmosphärische, tendenziell flächig ausgerichtete Kompositionen sind dabei ein Schwerpunkt, der sich erst im Laufe seiner künstlerischen Entwicklung herausgebildet hat – zu beginn seiner Laufbahn stand der Post Punk der von ihm mirgegründeten Band Scrambled Eggs, mit Bao und dem XEFM Collective ging die Reise zunächst in Richtung improvisierter Musik. Gleichwohl er in den vergangenen Jahren primär unter seinem eigenen Namen aktiv war, sind Kollaborationen eine Säule seines Schaffens, und so entstanden in den vergangenen Jahren gemeinsame Aufnahmen u.a. mit Fadi Tabbal sowie mit Nocholas Jaar und Sary Moussa. Rein solo erschien von ihm jünst auch das leider hierzulande etwas untergegangene Album “Lazarus won’t rise if Rome doesn’t fall”.
Noch bevor der erste Ton des neuen Albums erklingt, entfalten die poetischen Titel, die einmal mehr Habers unverkennbare Handschrift tragen, eine eigentümliche Sogwirkung: Zwischen futuristischer Verheißung, morbider Surrealität und zärtlicher Wehmut entsteht eine Atmosphäre, die gleichermaßen entrückt wie fragil wirkt. Stücke wie “This show starts in the future”, “One last stroll in the garden of light”, “I stutter when I speak of love and death” oder “The unfortunate meeting of an accident and the goddess of time on a dissecting table” – letzteres eine Referenz an Louis Aragon und zugleich an das legendäre Debüt von Nurse With Wound – evozieren ein schwebendes Theater der Bilder, in dem Zeit, Formen und Erinnerungen ineinander übergehen. Dass Anfang und Ende des Albums mit “This show starts in the future” und “This show ends in the past” gerahmt sind, legt zudem eine zirkuläre, leicht paradox anmutende Zeitlogik nahe.
Musikalisch eröffnet sich dieses imaginäre Bühnenstück mit einem sanften, atmenden Drone, umhüllt von feinem Rauschen, das wie ein Schleier über allem liegt. Die Klangflächen bewegen sich in einem ruhigen Gezeitenrhythmus, changieren zwischen helleren und dunkleren Färbungen und erzeugen eine sonnige und doch leicht melancholische Grundstimmung, die nie ins Nokturnale kippt. Manchmal treten flirrende Obertöne hervor, setzen kleine helle Impulse, lassen das Geschehen für Momente an Intensität gewinnen, bevor es sich erneut in träumerischer Schwerelosigkeit verliert. Unter diesen minimalistischen Gitarrenschichten, die nicht immer klar zu erkennen sind, scheint das von Rainer Maria Rilke stammende Motto durch: “Lass dir alles geschehen: Schönheit und Schrecken. Man muss nur gehen: Kein Gefühl ist das fernste”.
In längeren Passagen verdichtet sich das Material zu hypnotischen Dröhnwelten, aus denen sich hochfrequente Lichtstrahlen lösen und den Hörer förmlich anheben, bis sich die Klanggestalt in der Höhe aufzulösen scheint. Dann wieder treten rauere, kratzige Texturen hervor – besonders eindrücklich bezeichnenderweise im adäquat betitelten “I stutter when I speak of love and death”, wo der an einen im Wind schebenden Chorgesang erinenrnde Sound etwas versteckt Schreiendes zu transportieren scheint, falls dies keine Illusion ist. Häufig bildet ein tiefer, stabiler Grund die Basis, über dem sich diese lichteren, beinahe himmlischen Schichten entfalten. Gelegentlich durchbrechen (am gemächlichen Tempo der Musik gemessen) abruptere Bewegungen die Ruhe und verleihen dem Ganzen eine unterschwellige Dramatik.
Haber arbeitet dabei mit vergleichsweise reduzierten Mitteln – Gitarre, Looper, ein kleines modulares Setup –, doch die Musik wirkt, wie Vanessa Ague in ihren Liner Notes sagt, durch ihre Vielschichtigkeit beinahe orchestral. Das Finale schließlich gleicht einem flackernden, leicht entrückten Abspann – feierlich, fast pathetisch im besten Sinne, als würde ein Film enden, der sich nie ganz festhalten ließ. Kennt man Habers vor rund sechs Jahren erschienenes One Track-Werk “The Delightful Sights And Sounds Of A Decaying Nation”, kann man kaum umhin, die beiden Platten miteinander in Bezug zu setzen. Im Vergleich zum früheren, stark von Zerfall, Instabilität und der unmittelbaren Erfahrung von Beirut geprägten Werk wirkt das neue Album wie eine Weiterführung dieser Ästhetik unter veränderten Vorzeichen: Die fragile Balance aus Schönheit und Verstörung bleibt, wird jedoch in eine sanftere, kontemplativere Klangsprache überführt.
Während das ältere Album den inneren Ausnahmezustand einer „decaying nation“ nahezu ungefiltert in fließende, oft disharmonische Strukturen übersetzt, erscheint das neue wie ein distanzierteres Echo darauf – ein Versuch, im Exil einen Raum zu schaffen, in dem Erinnerung, Verlust und Hoffnung gleichzeitig existieren können. So verschiebt sich auch konzeptuell der Fokus vom unmittelbaren Erleben des Verfalls hin zu einer poetischen Reflexion über Zeit, Ort und das Leben zwischen zwei Welten. Was nach dem Hören beider Alben bleibt ist letztlich ein berührender Erfahrungsraum, warm und durchlässig, melancholisch und tröstend zugleich. (U.S.)
Label: Ruptured