Celer ist ein Projekt mit einer kaum zu überblickenden Vielzahl an Veröffentlichungen und selbst als aufmerksamer Hörer kann einem da leicht etwas durchrutschen. Umso erfreulicher ist es, dass immer mal Wiederveröffentlichungen erscheinen, die das Material erneut zugänglich machen, oft sogar erweitert um bislang unveröffentlichtes Bonusmaterial. Genau so verhält es sich auch mit “Capri”.
Ursprünglich 2009 erschienen, präsentiert sich das Album als lose Folge fragmentarischer Vignetten: Kurze Szenen, schwebende Momente, fragile, tendenziell ambiente Klangräume, inspiriert von einer sicher etwas idealisierten, winterlichen Atmosphäre der Insel Capri. In der nun vorliegenden Fassung – remastert von Stephan Mathieu und ergänzt um die damals ausgelassenen Stücke – entfaltet sich das Werk erstmals vollständig, mit weit über 30 Tracks.
Schon der Auftakt zieht einen hinein: Aquatisches Rauschen, darüber ein warmes Dröhnen, bald ergänzt durch zarte melodische Tupfer, die gefühlt zwischen E-Piano und Glockenklang changieren. Es entsteht sofort diese typische, leicht wehmütige Celer-Atmosphäre, wie man sie vom Projekt um Will Long kennt. Doch so verführerisch gleichmäßig die Musik zunächst wirkt, so wenig sollte man sich auf eine rein gezeitenhafte Bewegung verlassen – subtile Unregelmäßigkeiten holen einen immer wieder ein Stück weit zurück in die Bewusstheit und setzen der einlullenden Schönheit einen reizvollen Kontrapunkt.
Beim oberflächlichen Hören mag vieles wie aus einem Guss erscheinen, doch in Wahrheit besitzen die einzelnen Tracks durchaus ihren eigenen Charakter. Manche schweben und vibrieren zugleich, öffnen große, luftige Räume mit einem Hauch von Unbestimmtheit. Andere arbeiten mit hallenden Klangtupfern, die sich vom warmen Grundrauschen abheben und doch darin aufgehen. Es gibt hauchfeine Interludien, kühlere Passagen mit leicht stockendem Fluss, traumartig verfremdete Pianoklänge oder ferne, fast geisterhafte Glocken. Selbst kleine Mikrodetonationen tauchen auf, setzen kurze Akzente und werden dann wieder sanft in den Gesamtstrom integriert.
Ein Kollege von Brainwashed zeigte sich bei der Erstveröffentlichung eher skeptisch und kritisierte eine gewisse Monotonie sowie überflüssige Passagen. Aus heutiger Sicht wirkt diese Einschätzung etwas streng: Gerade in der erweiterten Form entfaltet “Capri” seine Stärke als zusammenhängendes Ganzes. Die vermeintliche Gleichförmigkeit erscheint eher als bewusste ästhetische Entscheidung – als langsames, atmendes Kontinuum, das weniger auf einzelne Höhepunkte als auf ein Gesamtgefühl abzielt.
Am Ende ist “Capri” kein Album, das mit großen Gesten arbeitet oder sich sofort aufdrängt. Es entfaltet seine Wirkung leise, in Schichten, mit Geduld. Wer sich darauf einlässt, findet darin eine stimmige, fein nuancierte Klangwelt, die auch in ihrer Länge nicht überfordert, sondern eher Raum schafft.
Label: Two Acorns