In den letzten Jahren hat Christian Schoppick zusammen mit Katie Rich als das Duo Brannten Schnüre, von dem zuletzt 2025 „Landschaft aus Tränen“ erschien, eine zutiefst originelle, kaum kategorisierbare Musik, die irgendwo zwischen Folk, Ambient und allerlei anderem zu situieren ist, gemacht. Unter dem Projektnamen Läuten der Seele hat Schoppick eine Reihe weitgehend instrumentale, loopbasierte Alben veröffentlicht, wobei zuletzt noch auf dem großartigen Album „Unterhaltungen mit Larven und Überresten“ Novy Svets Jota Vocals beisteuerte. Im Namen des Projekts klingt fast schon ein Manifestmachen von etwas Nichtgreifbarem an, was sich letztlich auch in der Musik widerspiegelt.
Auf “Taghelle Nacht” teilt er sich ein Album mit Matthias Kremsreiter, über den auf der Seite der Münchener Kammerspiele zu lesen ist: „geboren 1993 in der deutschen Prärie, lebt in Berlin, studierte Philosophie und ist autodidaktischer Sounddesigner. Er spielt seit seiner Jugend in verschiedensten DIY-Bands und macht seit 2018 als Solokünstler unter seinem Pseudonym alibikonkret musikalische Experimente mit konventionellen sowie unkonventionellen Instrumenten.“ Erstmalig nimmt er nun auf „Taghelle Nacht“ unter dem Namen Roudi Vagou auf. Die ersten sieben Stücke stammen von ihm und direkt hört man eine enge Verwandtschaft zu Läuten der Seele, was die Stimmung und die Herangehensweise anbelangt.
Auf dem Titelstück kommen verrauschte, knisternde Streichersounds zusammen, man wird an einen Ballsaal zu Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert, es gibt Schläge auf ein Becken und Stimmen murmeln. Nach gut zwei Minuten ist dieser Ausflug in eine schemenhafte, geisterhafte Welt vorbei. „Halb So Schwer“ kombiniert eine getragene, traurige Geige mit Vogelgezwitscher. „Iss mich ganz auf“ ist durchzogen von Weinen, Schluchzen und die Aufnahme scheint zu leiern. „Grenzüberschreitung“ beginnt mit einem italienischen Sprachsample. Die neun Beiträge von Läuten der Seele beginnen mit „Komischer Anruf“, auf das Knistern des Ausgangsmaterials deutlich wird. Bei „Punkt Mitternacht“ meint man, ein Stapfen durch den Schnee zu hören, Stimmen tauchen auf, man hört ein Glockenspiel. Auf dem 40-sekündigen Interludium „Nur für uns zwei“ hört man einen leiernden Schlagerloop („Heute ist ein Tag nur für uns zwei“). „Rathausdach“ ist ein Zusammenkommen von Fagott und etwas, das nach einem Spinett, klingt. Das entspannte „Ein Kitzeln in den Gräbern“ mischt Vogelzwitschern und Gesprächsfetzen.
Der scheinbar oxymoronische Titel, der laut Label verstanden werden will als Illustration von „vignettes that revel in the cognitive dissonance and seductive magic of moonlight at midnight.“, trifft als Beschreibung auf die numinose Musik der beiden zu, denn die insgesamt 16 Stücke lassen sich in einem seltsamen Zwielicht verorten, das Schatten wirft. Das hier mitgedachte Mondlicht erleuchtet diese seltsame Zwischenwelt mit ihren schemenhaften Entitäten aber immer wieder. (MG)
Label: Quindi Records