Die libanesische Sängerin und Schauspielerin Sandy Chamoun gehört seit einigen Jahren zu den markantesten Stimmen einer Szene, in der eine hybride, experimentierfreudige Musikalität, politische Erfahrung und performative Ausdrucksformen miteinander verschmelzen. Ihre Arbeit bewegt sich zwischen Konzert, Leinwand, Psych Rock und Klangkunst, wobei die Stimme stets als zentrales Medium fungiert – als Trägermedium von Erinnerungen, als Werkzeug der Aneignung vielfältiger Stile und nicht zuletzt als Sprachrohr und Resonanzraum für verschiedene kritische Positionen.
Bereits ihr Solodebüt “Fata17” griff diese Dimension in zugespitzter Form auf. Die Veröffentlichung stand im Kontext der Proteste im Libanon ab Oktober 2019 und verband Field Recordings, drastische Geräuschkulissen und Gesang zu dichten, teils harschen Klangbildern, die zwischen dokumentarischer Unmittelbarkeit und lärmender Poesie mit dem Gesang als verbindendes Element oszillierten. Parallel dazu hat Chamoun in verschiedenen Konstellationen ihre musikalische Sprache erweitert. Mit ihrer Band SANAM entwickelte sie einen hybriden Sound zwischen Psychedelic, Improvisation und regionalen Traditionen, der Verlusterfahrungen, das Gefühl von Entfremdung und die Suche nach Orientierung thematisiert. Auch das Trio mit Anthony Sahyoun und Jad Atoui bewegte sich in einem Spannungsfeld aus Fragment, Improvisation, überlieferten Formen und stilistischer Offenheit.
Vor diesem Hintergrund erscheint “Sawt El Doumouh” (dt. “Der Klang der Tränen”) als konsequente Weiterentwicklung und zugleich als Einschnitt. Das Album greift Einflüsse aus der arabischen Tarab-Tradition ebenso auf wie mehrstimmige Gesangsformen und verbindet sie mit elektronischen Texturen, Synthies und zurückhaltender, oft präzise gesetzter Perkussion. Ursprünglich als eine Art klangliche Kartografie des Libanon geplant, wurde das Projekt jedoch von den politischen und militärischen Entwicklungen der letzten Jahre grundlegend verändert. Die Texte entstanden unter dem Eindruck von Krieg und Gewalt, der Titel verweist auf eine Erfahrung des lautlosen Weinens, die Chamoun als symptomatisch für eine Situation beschreibt, in der Leiden oft ohne Stimme bleibt.
Musikalisch entfaltet sich das Album in einer Reihe sorgfältig ausgearbeiteter Szenen. Bereits der Auftakt “Khafiy” zieht mit seiner ruhigen, sich langsam öffnenden Szenerie in einen von dröhnenden Flächen, weit gesetzten stoischen Taktschlägen und einer zunächst wie aus der Ferne hervortretenden Stimme geprägten Klangraum hinein, dessen Eindringlichkeit man sich kaum entziehen kann. Die vokale Linie wirkt dabei zugleich präsent und entrückt, als würde sie sich aus dem Material selbst herauslösen und es gleichsam ordnen. Im folgenden “Wa” verdichten sich Stimme und Perkussion zu einem stetig anwachsenden Spannungsbogen: Metallisch anmutende Schläge und langgezogene, ornamental geführte Gesangslinien greifen ineinander, während eine leichte elektronische Verfremdung der Stimme, wie man sie auch von Momenten bei SANAM kennt, deren Ausdruck zuspitzt. Auch wenn sich die instrumentale Umgebung zunehmend verdichtet und in eine windartige Dröhnung übergeht, bleibt der Gesang bemerkenswert unbeirrt und behauptet seine eigene Bewegung.
“Shahed”, inspiriert von der Vorstellung eines Kindes in Gaza zwischen Bedrohung und imaginierter Zuflucht arbeitet mit schärfer konturierten, teils gegeneinander gesetzten rhythmischen Ebenen, die sich aus perkussiven Mustern und hölzern wirkenden Klangkörpern zusammensetzen. Darüber legt sich die Stimme wie eine bewegte, aber stabile Schicht, die sich den rhythmischen Verschiebungen nicht unterordnet, sondern ihnen eine eigene Richtung entgegensetzt. Gegen Ende scheint sich das Geschehen in ein kollektives Klatschen aufzulösen, während andere klangliche Spuren verwehen oder in ferne, beinahe filmische Assoziationen übergehen. Wie man aus den Liner Notes erfährt, ist diese Dualität von Wüste und Wasser, Bedrohung und Imagination bewusst angelegt. Der Titeltrack reduziert das Geschehen zunächst auf verfremdeten A-cappella-Gesang, der in seiner getragenen Wiederholung eine fast rituelle Qualität annimmt, bevor sich nach und nach eine vielschichtige, zurückhaltende Perkussion darunter legt und dem Stück ein loses zeitliches Gerüst verleiht. In “Ward W Shok” verschieben sich die Gewichte zugunsten eines deutlicher konturierten Zusammenspiels von Rhythmus und Melodie: Ein gleichmäßig schreitender Puls trägt eine dunkle, beinahe hymnische Linie, während sich im Hintergrund bassnahe Schichten und klare, teils scharf gezeichnete Instrumentalfiguren aufbauen. Der Gesang bewegt sich darin mit einer eindringlichen Ruhe und verleiht dem Stück eine besondere Sogkraft.
“Ataba” dagegen beginnt mit tastenden, schwer einzuordnenden Klanggesten, die an eine filmische Spannung erinnern, bevor sich nach und nach eine dichtere, stärker an vorderasiatische Klangtraditionen erinnernde Textur herausbildet. Saitenklänge und perkussive Impulse geraten in Bewegung, steigern sich stellenweise, ohne jedoch je in offene Dramatik umzuschlagen – auch hier bleibt die Stimme ein stabiler Bezugspunkt, der sich von den Verschiebungen der Umgebung kaum aus der Bahn bringen lässt. Den Abschluss bildet “Latife”, dessen brüchiger, nahezu dokumentarischer Gesang – hier von einer anderen Frauenstimme getragen – den emotionalen Kern des Albums noch einmal freilegt. Die Reduktion auf diese fragile, unmittelbare Ausdrucksform wirkt wie ein Nachhall des zuvor Gehörten und führt die verschiedenen Spannungen des Albums in eine leise, aber nwirkungsvolle Schlussgeste über.
Die Liner Notes beschreiben Chamouns Musik als ebenso schön wie widerständig. Die Entscheidung, inmitten von Gewalt und Zerstörung Lieder zu schreiben, erscheint hier nicht als Eskapismus, sondern als Versuch, an Möglichkeiten festzuhalten, die über das Gegebene hinausweisen. Indem Chamoun ihre Texte singt, öffnet sie Räume, in denen sich Trauer und Hoffnung nicht ausschließen, sondern gegenseitig durchdringen und Kraft geben. Selbst im Ausdruck von Schmerz bleibt eine leise Zuversicht hörbar, dass etwas jenseits davon existiert. “Sawt El Doumouh” ist damit kein leicht zugängliches Album, aber ein umso eindringlicheres. Es verzichtet auf plakative Gesten und entfaltet seine Wirkung vielmehr über Zeit, Wiederholung und Nuancierung.
Chamouns Stimme steht dabei im Zentrum – nicht als dominierende Instanz, sondern als empfindsames Instrument, das Brüche ebenso zulässt wie Momente der Klarheit. So wird das Album zu einem vielschichtigen Dokument seiner Entstehungsbedingungen und zugleich zu einer eigenständigen künstlerischen Aussage, die weit über diese hinausweist. (U.S.)
Label: Ruptured