BODUF SONGS: Selected Instrumental Works

Hinter dem Namen Boduf Songs steht der britische Musiker Mathew Sweet – ein Künstler, dessen Werk sich seit den späten Nullerjahren beharrlich jeder eindeutigen Verortung entzieht und der vielleicht auch deshalb immer wieder für uns von Interesse war. Ausgehend von einem reduzierten, lo-fi geprägten Dark Folk hat sich seine Musik über die Jahre zu einem eigenständigen Idiom entwickelt, das Intimität, klangliche Reduktion und eine leise, aber beständige Irritation miteinander verbindet.

Die frühen Veröffentlichungen waren geprägt von akustischer Gitarre, filigranem Fingerpicking und einem Gesang, der sich bisweilen kaum über ein Murmeln erhob. Diese scheinbare Einfachheit war jedoch nie Selbstzweck, sondern erzeugte eine eigentümliche Spannung, zwischen Nähe und Distanz, zwischen erzählerischer Andeutung und bewusstem Entzug. Festnageln konnte man Boduf Songs also nie! Trotz gelegentlich drastischer Bildwelten – Titel und Motive, die Horrorgenres entlehnt schienen – blieb Sweets Vortrag stets unprätentiös, fast beiläufig. Seine Musik wirkte weniger wie ein dramatisches Statement als wie ein leises Protokoll innerer Zustände. Mit der Zeit erweiterte sich dieses Vokabular behutsam. Elektrifizierte Gitarren, dezente Elektronik, Field Recordings und ambiente Flächen traten hinzu, ohne den Kern der Stücke zu verdrängen. Das lief jedoch weniger auf einen Bruch mit Vergangenem hinaus als auf eine kontinuierliche Ausdehnung: Aus kargen Skizzen wurden dichtere Klangräume, deren Atmosphäre weiterhin von Zurückhaltung geprägt blieb. Boduf Songs blieb dabei stets erkennbar durch die Vorliebe für Wiederholung, für minimale Verschiebungen und für eine Stimmung, die zwischen Beklemmung und eigentümlicher Geborgenheit schwankte.

Nach einer Veröffentlichungspause von fast sieben Jahren erscheint nun mit dem Doppeltape “Selected Instrumental Works” ein Album, das diesen Ansatz in gewisser Weise neu fokussiert. Vierzehn Stücke, allesamt instrumental, verzichten vollständig auf Gesang und klassische Songstrukturen. Stattdessen rücken Klangfarbe, Textur und Atmosphäre noch stärker in den Mittelpunkt. Ein besonders auffälliges Novum ist dabei der vollständige Verzicht auf Akustikgitarren und das Klavier als zentrales Instrument, umgeben von sparsamer Elektronik und ausladenden Flächen, deren harmonische Bewegungen sich mit großer Geduld entfalten. Die erste Kassette – ein eigentümlich betitelter Zyklus namens “Das Liebetodesdrang Pts. 1–7″ – eröffnet mit vorsichtigen, beinahe tastenden Klangtupfern. Was zunächst wie vereinzelte Synthie-Impulse wirkt, wird allmählich von flächigen Strukturen und feinem Rauschen umhüllt. Es ist Musik, die weniger voranschreitet als vielmehr einen Raum auslotet, in dem kleinste Veränderungen Gewicht bekommen. Bald treten schwebende, leicht verdunkelte Ambientflächen hinzu, und schließlich schält sich eine zurückhaltende Klavierfigur heraus – schlicht, melancholisch, von Naturgeräuschen und kaum greifbaren Streicherklängen umgeben.

In dieser reduzierten Umgebung entfalten selbst minimale Bewegungen eine erstaunliche Wirkung. Wenn sich die Klavierparts leicht beleben oder verschieben, wirkt dies fast wie ein markantes Ereignis. Immer wieder kippt die Szenerie ins Ungewisse: Kindlich anmutende Melodien treten auf den Plan, unterschwellige Rauheiten durchziehen das Klangbild, Rauschpassagen übernehmen zeitweise das Steuerrad. Gegen Ende verdichtet sich das Geschehen zu einer langsam auf und ab ebbenden und überraschenderweise beinahe monumentalen Ambientlandschaft, die dennoch ihre fragile, tastende Qualität bewahrt. Man hört hier eine Musik des Wartens – geduldig, zurückgenommen, von einer feinsinnigen Melancholie durchzogen. Das zweite Tape, “Et Sic in Infinitum Pts. 1–7″, wirkt zunächst noch entrückter. Verrauschte, leicht verstimmte Klavierklänge klingen, als kämen sie aus einem verlassenen Raum, gespielt von unsichtbarer Hand. Diese Geisterhaftigkeit wird in einem der folgenden Stücke durch eine plötzlich auftauchende, gesampelte Sopranstimme verstärkt, die dem Ganzen einen schiefen, gleichwohl semi-liturgischen Charakter verleiht.

Im weiteren Verlauf öffnen sich immer neue, lose miteinander verbundene Szenen: hochfrequente Klangtupfer führen in dunkle Räume; fragile Pianopassagen stehen neben kaum identifizierbaren Geräuschen, die wie Stimmen oder ferne Naturlaute wirken. Besonders eindringlich sind jene Momente, in denen sich aus dem diffusen Hintergrund eine klare, mollgetönte Klaviermelodie erhebt als kurzer Ankerpunkt in einem ansonsten schwebenden Gefüge. Auch hier arbeitet Sweet mit Kontrasten im Kleinen: Plötzlich aufblitzende Hochtöner durchbrechen die Harmonie, dröhnende Passagen lassen für einen Moment an ferne Blasinstrumente denken, ohne sich je eindeutig festlegen zu lassen. Am Ende steht eine Rückkehr zur Stille, zu weit auseinandergezogenen Klaviertönen.

Was “Selected Instrumental Works” auszeichnet, ist ebenso ein Neustart wie eine deutliche Zuspitzung. Der Verzicht auf Stimme lenkt den Blick auf das, was bei Boduf Songs schon immer zentral war, auf die Fähigkeit, mit minimalen Mitteln dichte, suggestive Szenarien entstehen zu lassen. Die Musik deutet an, lässt offen, arbeitet mit verwackelten Bildern statt mit klaren Auflösungen, und die verhaltenen Klavierfiguren wirken dabei stets wie Annäherungen an etwas, das sich noch nicht ganz zeigt, an fragile Gesten, die im Schatten bestehen bleiben und nicht verschwinden wollen.

Man kann dem Album durchaus vorwerfen, dass es sich vielleicht mehr Zeit nimmt, als mancher aufzubringen bereit ist, doch wer sich auf diese verlangsamte Wahrnehmung einlässt, wird mit einem feinsinnigen, vielschichtigen Hörerlebnis belohnt, das sich erst im wiederholten Hören vollständig erschließt. (U.S.)

Label: Bluesanct