Als In Gowan Ring hat der rastlose, ewig umherstreifende Bobin Eirth, kurz Bee, Alben aufgenommen, die in ihren besten Momenten – und davon gab es zahlreiche – mit seinem selbst so betitelten „symbolist folk“ den Hörenden Momente von Transzendenz bescheren konnte: Das vierte In Gowan Ring-Album „Hazel Steps Through A Weathered Home“ dürfte noch immer eines der besten Folkalben der jüngeren Geschichte sein. Die letzten beiden Vollzeitalben In Gowan Rings erschienen 2015, in den letzten Jahren hat Bee aber im Rahmen seiner über Patereon verfügbaren „Moonlit Missives“-Serie zahlreiche Stücke veröffentlicht, zuletzt begeisterte uns hier noch „The Wondrous Stubborn Lyre“.
Zwischen 2005 und 2009 entstanden drei Alben, die Bee unter dem Namen Birch Book veröffentlichte und die zwar auch in einem Folkkosmos zu verorten waren, allerdings war dieser ein, wenn man so will, geerdeterer, weniger fragiler. Waren die In Gowan Ring-Alben (sicher teils unbewusst) inspiriert von, nahmen Bezug auf Folk der britischen Inseln, so flossen in die Birch Book-Alben viel stärker Einflüsse der Heimat des US-Amerikaners ein. Dass eine solch strikte Trennung natürlich, wie das auch in anderen Bereichen häufig der Fall ist, zu vereinfachend ist, zeigte spätestens das dritte Birch Book-Album „A Hand Full Of Days“, über das es hier hieß, vielleicht entstehe dort gerade eine „Art Synthese aus Birch Book und In Gowan Ring“.
Schon lange angekündigt, erschien vor einiger Zeit das vierte Birch Book-Album auf Infinite Fog. Der Untertitel verdeutlicht vielleicht, dass ein Umherziehen sowohl Erinnerungen produziert als auch nach Erinnerungen verlangt, die als Verankerung dienen können. Im schön gestalteten, umfangreichen Booklet werden einer Reihe der Stücken Linernotes vorangestellt, die die Songs häufig in einem autobiographischen Kontext verorten.
Das Album beginnt mit „A Room With A View“, das mit seinen getragenen Cellopassagen durchaus von der sanften Melancholie und entrückten Stimmung an In Gowan Ring denken lässt und das vielleicht auch seinen Platz auf „The Serpent And The Dove“ haben könnte. „Secret Garden“, lediglich mit Gesang und Akustikgitarre, thematisiert die Freude daran, in der Kindheit mit einem Freund einen geheimen Ort gefunden zu haben. „Only Waiting For Me“ hat einen poetologischen Charakter, beschreibt der Song doch „Ragged boxes, worn pages and tattered rhymes/Lifetime’s library of a cluttered mind/Moldering missives, undone drafts with cryptic signs“, aus denen dann vielleicht etwas Neues und Vollständiges entsteht – „to develop a more polished work from the pieces among assorted relics of lost ages“, wie Bee in den Linernotes schreibt. Das fast schon paradigmatisch betitelte „Old Dirt Road“ thematisiert das unstete Leben, das Bee – seit er 16 ist – führt, wobei er auch bemerkt: „Over the years the restless rambling has wound down“. Der Einsatz der Mundharmonika lässt im Kopf ein ganzes Inventar an Bildern entstehen, die aus der langen Tradition des Unterwegsseins in diesem riesigen Land gespeist werden. In der Mitte des Albums treffen auf dem instrumentalen „Birch Blossoms I“ Gitarre und Piano zusammen, letzteres ein von Bee tendenziell eher selten eingesetztes Instrument. Auf „A Beautiful Day“, mit schönem Einsatz von Glockenspiel, geht es um den Neubeginn: Das Alte muss (metaphorisch) sterben und den Weg für den Neubeginn frei machen. Das kontemplative, von einer leichten Traurigkeit durchzogene „Pale Shadow Waltz“ präsentiert die ganze Ambivalenz des (Sich-)Erinnerns: „Time like a lilly, we have the white and red / Wild open yesterdays lie on an empty bed“. Abgeschlossen wird das Album mit „Birch Blossoms II“, einem weiteren Instrumental, auf dem das Cello diese Rückschau zu einem getragenen Ende bringt. Dass Bee im Booklet noch ein Glossar hinzufügt, in dem vor allem Begriffe aus der auf „Games To Play“ verwendeten Spielmetaphorik erklärt werden, ist ein nettes Addendum für ein Album, das begeistert. (MG)
Label: Infinite Fog