Körperturm ist ein Begriff aus der Algebra und bezeichnet mehrere ineinander verschachtelte Körpererweiterungen. Unter dem Begriff firmiert neuerdings auch ein vermutlich im deutschsprachigen Raum ansässiges Musikprojekt, über dessen personellen Hintergrund wenig zu erfahren ist und das laut Discogs in Bereichen wie IDM, Nu-Disco und Tech Trance unterwegs ist – Genrebegriffe, die zwar als Wegweiser verstanden werden können, die jedoch vielleicht ein Mü zu gefällig anmuten, um das selbstbetitelte EP-Debüt zu umschreiben, das im vergangenen Herbst in einer ultralimitierten CDr-Edition und digital erschienen ist.
Auf dem Cover-Artwork ist zunächst ein in Schwarzweiß gezeichnetes Gesicht mit entspannt geschlossenen Augen zu sehen. Aus dem Haarschopf der dargestellten Person allerdings blicken zwei geöffnete Augen so weit nach oben, dass die Pupillen beinahe unter den hochgezogenen Augenlidern verschwinden. In manchen spirituellen Traditionen dient diese Augenposition tatsächlich der Manifestation von Weisheit, und passenderweise deutet der zudem auf dem Cover abgedruckte Text ebenfalls in Richtung Spiritualität: “What we see ghosts with. Our spiritual eyes. Is there such a thing as spiritual vision? If there is it is to be found in the function of the faculty of Spirituality. This faculty has been definitely located. The Körperturm”. Ganz gleich nun ob man dies als spielerisch oder ernst deutet und vollends versteht, kann es einen Hintergrund bilden für die Rezeption der Musik. Diese ist von einer reizvoll stoffeligen Simplizität.
Das erste der beiden “Körperturm” betitelten längeren Stücke beginnt mit luftigen Taktschlägen irgendwo zwischen Up- und Midtempo, zu deren skelettartiger Struktur sich nach und nach eine breiter auffächernde, substanzielle Soundmasse gesellt. Diese erinnert in ihrer permanent leicht verschobenen Gestalt mit der Zeit an die changierende Klangwelt des Acid und bildet zugleich den Resonanzraum für eine hypnotische, aus Synthies herausgeschälte Melodie. Ein Gefühl zwischen genügsamer Versunkenheit und einer leichten, der Molltonart geschuldeten Wehmut stellt sich ein. Im Kontrast zur fast organisch wirkenden Melodieführung erscheinen die Beats umso metallener und deutlich spröde. Kleine Breaks fungieren als minimalistisch gehaltene Verschnaufpausen, bevor der Fluss erneut einsetzt – insgesamt vielleicht zu sensibel für den verschwitzten Tanz mit Gasmaske, wenngleich sich die Musik durchaus in solche Kontexte einfügen ließe.
“Körperturm II” zeigt sich noch tanzbarer, drängender, mit vorwärts preschenden Impulsen und antreibenden Schlägen auf Becken und anderes perkussives Gerät. Die Rhythmen schlagen mit Nachdruck durch den Raum, bis sich wieder melodische Elemente einschieben: passgenau zugeschnittene Synthieparts, die sich eng an die Beatstruktur schmiegen. Hat man sich längst in den Bann dieser reduzierten Arrangements begeben und bewegt sich beinahe schlafwandlerisch durch den Track, tritt plötzlich eine entrückte Melodie hervor. Ihre latent neuromantische Färbung würde in anderem Kontext womöglich beruhigen oder gar einlullen, hier jedoch erzeugt sie eine eigentümliche Spannung – nostalgisch in jedem Fall, durchzogen von einem leisen, verzückten Funkenschlag.
Nach den beiden knapp zehnminütigen Stücken wirkt das knapp dreinminütige “Bleepy” zunächst wie ein kurzes, beinahe skizzenhaftes Intermezzo. Der Track beginnt etwas kantig und reduziert, entpuppt sich dann jedoch als das verspielteste Stück der Sammlung. Trotz seiner Kürze bleibt es dem etablierten Vokabular treu, variiert jedoch die bekannten Elemente mit einer augenzwinkernden Leichtigkeit. “Einhändig” setzt mit einem unmittelbaren Knacken und Klappern ein, das eine dezidiert dub-affine Textur offenbart. Das Klangmaterial wirkt, als sei es im Fluss geglättet worden, wie Steine im Wasser, deren Oberfläche zugleich rau und geschmeidig ist. Aus dieser vibrierenden Grundstruktur heraus entwickelt sich erneut eine melodische Spur, die Erinnerungen an vergangene Electronica-Tage wachruft. Gerade in dieser Balance zwischen Vertrautheit und eigensinniger Verschiebung liegt die Stärke des Stücks. Danach folgt nur noch der Abspann in Form eines die Rückseite des Tonträgers schmückenden weiteren Zeichnung, deren Motiv – Himmel, Erde und Hölle als Etagen im Kopf eines verkniffen dreiblickenden Zeitgenossen – als weiterer (augenzwinkernder?) Wegweiser gelten kann.
Insgesamt ist “Körperturm” ein kurzweiliges und geistreiches Debüt, dessen Reiz sich weniger aus Komplexität als aus der präzisen Setzung einfacher Mittel speist. Die Tracks wirken wie reduzierte Modelle, in denen sich minimale Veränderungen umso deutlicher bemerkbar machen. Zwischen körperlicher Rhythmik und entrückter Melodik entsteht ein Spannungsfeld, das sich weder eindeutig dem Motorischen noch der introspektiven Versenkung zuschreiben lässt. Man darf gespannt sein, ob der Turm noch weitere Übertragungen dieser Art senden wird. (U.S.)
Label: Maya Schwarze Katze