Was alle Arbeiten, an denen David Eugene Edwards beteiligt ist, gemeinsam haben – ob mit den (zumindest für eine Tour) reformierten 16 Horsepower, die jüngst noch in (ausverkauften) Hallen spielten, mit Wovenhand, auf der Zusammenarbeit mit Alexander Hacke oder jetzt auf dem zweiten Soloalbum –, ist die Stimme, die alle Aufnahmen und Auftritte prägt – in diesem Fall ist das überstrapazierte Adjektiv „unverkennbar“ ganz sicher keine Hyperbel.
Edwards’ Texte waren immer auch Ausdruck seines (christlichen) Glaubens. Sein Texten bei 16 Horsepower war geprägt von einem alttestamentarischen Feuer und Schwefel-Furor (man denke etwa an Songtitel wie „Brimstone Rock“ und „Black Soul Choir“ oder einen Albumtitel wie „Sackcloth ‘n’ Ashes“). Inzwischen sind die Texte (noch) idiosynkratischer, teils fragmentarisch geworden, haben sich zu einem Synkretismus, einer Privatmythologie entwickelt: Auf dem neuen Album gibt es Verweise auf das Neue Testament („The Lord at hand/ Let the reader Understand“), auf ägyptische Mythologie (Uraeus oder Nefertum), die Mythen amerikanischer Ureinwohner (Si te cah), Zoroastrismus (Sarathustra, Geush Urvan), Indische Veden (Mithūdṛśā), Crowley (Thelema) oder Alchemie (Athanor) – und diese Liste ist sicher nicht vollständig. Letztlich entstehen hier extrem hermetische Texte, die einfaches Dekodieren eigentlich unmöglich machen.
Diese textliche Hybridisierung spiegelt sich dann auch in der musikalischen Umsetzung wider, denn das neue Album überrascht dann noch stärker als der Vorgänger „Hyacinth“ mit einer zumindest partiell sehr elektronischen Ausrichtung. Es gibt sicher weiterhin Gitarrenpassagen, die noch im Ansatz an die dunkle Amerikana seiner vergangenen Bands denken lassen, diese verschmelzen aber mit, werden überlagert von elektronischen Passagen. Vielleicht entsteht hier textlich wie musikalisch die ultimative Kosmogonie.
Der sehr starke Opener „Sun of Manes“ beginnt mit ein paar Sekunden Gitarre, dann setzt wuchtige Elektronik ein, eine pochende Drummaschine komm hinzu und Edwards intoniert: „Meteoric rise Hilarion/Or the stormy shroud/before your eyes Hysterion/Sharp edge/A salient angle/Stony vault grimoire/Twitching finger/In the black between the stars/Thrice infernal/Bull and serpent“. Das dramatische „Hexameter“ überzeugt mit treibendem, dunklen Rhtyhmus und dissonanter Elektronik, auf “Perfumer” erklingen Trip Hop-Beats. Das das Album beendende Titelstück ist ein melodisch-flächiges Instrumental. Auf den ersten Blick das merkwürdigste Stück ist „Midhudsra“, das recht entspannt beginnt, dann meint man, Edwards habe seine Stimme mit Autotune bearbeitet. Was beim Lesen vielleicht bizarr anmutet, verleiht dem Song eine ganz andere Form von Entrücktheit, von Außerweltlichkeit, die natürlich auch den Rest dierses grandiosen Albums durchzieht.
(MG)
Label: Sargent House