TEMPLE MUSIC: No Mercy Seat Of Gold

Mit “No Mercy Seat Of Gold” führen Temple Music ihr auf “The Greater Whole” begonnenes Henry Vaughan-Projekt konsequent weiter – allerdings mit einer spürbaren Verschiebung des Schwerpunkts. Stand dort noch die eher assoziative, instrumentale Annäherung an die poetischen Reflexionen des Metaphysical Poet im Vordergrund, rückt nun die Sprache selbst ins Zentrum: “No Mercy Seat Of Gold” ist in erster Linie ein Spoken-Word-Album, getragen von Vaughans Lyrik, die hier nicht nur zitiert, sondern auf durchaus opulente Weise inszeniert wird.

Die klangliche Kulisse und das, was sich in hinteren Bühnenbereich bewegt, bleibt dabei unverkennbar Temple Music: psychedelisch entrückt, folkig grundiert und immer mal von einer sanft insistierenden, hypnotischen Dröhnung durchzogen. Gleich zu Beginn eröffnet ein spanisch anmutendes Fingerpicking – ein vertrautes Motiv aus “The Greater Whole” –, unter das sich zeitweise vielschichtige Ambientflächen schieben und eine eigentümlich oxymorontische Stimmung bewegter Gelassenheit erzeugen, die Szenerie. Es rauscht und haucht immer wieder, Flöten spielen entrückte, leicht ungehobelte, aber gerade deshalb reizvolle Melodien, während E-Gitarren ornamentale Muster beisteuern, die aus der Ballade einer 70er-Psych-Rock-Band gefallen sein könnten. Glöckchen setzen scheinbar kindliche Akzente, die jedoch schnell eine giallohafte Abgründigkeit entwickeln, Rasseln verleihen dem Ganzen eine rituelle Färbung, und Klavierpassagen öffnen zusätzliche Räume der Nachdenklichkeit.

Die Instrumentierung – Gitarren, Bass, Synthesizer, Mellotron, Vibraphon, Pfeifen, Lautengitarre, Klavier, Hackbrett, Tenorblockflöte, Percussion, Glocken und nicht zuletzt allerlei Küchengerät – knüpft hörbar an den Vorgänger an, ohne sich in bloßer Wiederholung zu erschöpfen. Immer wieder brechen auch lärmigere, ratternde Sounds und hypnotische Taktungen hervor, die die Wahrnehmung schärfen und dem Fluss kleine Widerhaken verleihen. Zu den Höhepunkten zählt das Stück “The Stars”, dessen dichte Dröhnung, ekstatische Flöten und metallisch schimmernde Gitarrenstrummings eine fast trancehafte Intensität entwickeln, deren Echo in “The Greater Whole” ich bereits mit Orchis in Verbindung gebracht habe. Kaum weniger eindrucksvoll fällt die neue Version von “They Have All Gone To The World Of Light” aus – jenem zentralen Stück des gleichnamigen Albums von Twelve Thousand Days, Trenchs anderem Projekt zusammen mit Marty Bates.

Über all dem liegt Alanss Stimme: würdevoll, ruhig, dabei angenehm ungeschliffen und von einer Präsenz, die nie ins Pathetische kippt. Er erweist sich als versierter Rezitator, der den Tonfall von Vaughans Gedichten präzise trifft und ihre Atmosphäre trägt, auch dann, wenn seine Stimme verfremdet wird und sich für Momente in rauschenden Klangschichten beinahe auflöst. Inhaltlich kreisen die Texte – und mit ihnen das gesamte Album – um die Erfahrung einer verborgenen, geistigen Wirklichkeit hinter der sichtbaren Welt. Natur erscheint als Resonanzraum göttlicher Ordnung, während der Mensch zwischen Vergänglichkeit und der Ahnung einer höheren Herkunft steht, was eine u.a. an Gnosis erinenrnde Dimension eröffnet. Zeit und Ewigkeit überlagern sich, der Tod wird nicht nur als Ende, sondern als Übergang gedacht, und Erkenntnis zeigt sich als leise, innere Bewegung, die sich besonders in Momenten der Stille eröffnet. Eine sanfte Melancholie durchzieht das Ganze, getragen von der Sehnsucht nach Rückkehr in ein verlorenes, lichtes Ursprungsfeld.

So entsteht ein Rezitationsalbum, das seine musikalische Umhüllung nicht als bloße Begleitung versteht, sondern als gleichwertigen, atmenden Raum für die Sprache. In dieser gelungenen Verbindung aus Wort und Klang darf “No Mercy Seat Of Gold” durchaus neben Projekten wie Anne Clarks und Martyn Bates’ Rilke-Album oder “The Soul of Romanticism” von Elijah’s Mantle und Ozymandias genannt werden – nicht als bloße Referenz, sondern als eigenständiger, überzeugender Beitrag zu einer kleinen Tradition poetisch-musikalischer Grenzgänge. Wer übrigens Twelve Thousand Days (und den mehrmals erwähnten Bates) schätzt, sollte in den kommenden Wochen bei uns vorbeischauen, denn aus dieser Ecke gibt es auch bereits interessante Neuigkeiten. (U.S.)

Label: Cryptanthus