CONTRASTATE: Seven Flies Feeding In The Tears Of A Woman’s Eye

Seit Ende der 80er gehören die Pestmaskenträger von Contrastate zu den eigenständigsten Formationen in der Folge des Industrial. Während die museale Feier vergangener Zivilisationsbrüche seit Jahrzehnten Standard geworden ist, hat sich das Projekt um Jonathan Grieve, Stephen Meixner und Stephen J. Pomeroy immer wiede rauf die Suche nach Ungekanntem begeben. Nach dem 2024 erschienenen “Live Without Agriculture” folgt nun mit “Seven Flies Feeding In The Tears Of A Woman’s Eye” ein Album, dessen Entstehung sich über ein ganzes Jahrzehnt erstreckte. Unterstützt wurden Contrastate dabei durch zusätzliche Klangquellen von Ralf Wehowsky alias RLW, dessen eigene Arbeiten auf unseren Seiten bereits ausgiebig vorgestellt wurden.

Der Titel weckt unweigerlich Erinnerungen an Dario Argentos Giallo-Klassiker Four Flies on Grey Velvet von 1971, und tatsächlich versteht sich das Album als Soundtrack zu einem Film, der nie gedreht wurde. Ein vollständiges Drehbuch existierte zwar zeitweise, wurde jedoch verworfen – übrig geblieben ist eine verborgene Erzählung, deren Spuren sich durch alle acht Stücke ziehen und die den Hörer zum Detektiv macht. Musikalisch orientiert sich Contrastate dabei weniger an den orchestralen Arbeiten eines Ennio Morricone oder Bruno Nicolai als vielmehr an jener experimentellen Seite der italienischen Filmmusik dieser Ära, für die etwa Goblin berühmt wurden. Auch die Tracktitel scheinen mehrfach auf reale Giallofilme anzuspielen – “Spasmo” etwa auf Umberto Lenzis gleichnamigen Film von 1974 –, wodurch sich das Konzept noch weiter verzweigt.

Schon der Auftakt “Broken Mirrors, Broken Minds” wirft den Hörer ohne Umschweife in die Mitte des Geschehens. Gehetzt nach vorne preschende Drums treiben das Stück voran, werden heftiger, während gehauchte, geflüsterte Stimmen einzelne Wortfetzen ausstoßen, bis sie vollständig vom Lärm verschluckt werden: Man kann sich die dahinter versteckte imaginäre Filmszene leicht als eine Verfolgungsjagd vorstellen. Nach einem abrupten Bruch öffnet sich kurz eine ruhige Passage, doch sie dient lediglich als Vorbereitung auf ein hörspielartiges Szenario: ein klingelndes Telefon, Gesprächsfetzen, räumlich versetzte Samples, Fliegensummen als dominierendes Motiv. Bereits in diesen ersten Minuten geschieht mehr, als manch andere Projekte auf Albumlänge entwickeln würden. “Spasmo” setzt dagegen auf eine völlig andere Form der Spannung. Organische Droneflächen winden und drehen sich, schwellen an und ab, begleitet von aquatischem Blubbern und immer schärfer hervortretenden Geräuschen – fast meint man, jemanden würgen zu hören. Allmählich schleicht sich ein Rhythmus ein, während undefinierbar melierte Klangfarben das Stück immer dichter werden lassen. “Immersiv” ist ein heute deutlich überstrapazierter Begriff, hier beschreibt er den Eindruck erstaunlich treffend.

Noch stärker hörspielartig entwickelt sich “The Tongue Of Fire”: Kratzen, Rasseln, Orchestrales, schrille Hochtöner, leicht jazzige Ansätze, manisches Gequake und tiefes Gebrummel bilden eine fragmentierte Geräuschwelt, deren Atmosphäre permanent kurz vor dem Zerreißen steht. Gerade diese bis aufs Äußerste gespannte Nervosität hält sämtliche Elemente zusammen wie eine unsichtbare Klammer. “My Colours Run Through Your Veins” startet zunächst ruhig und desolat, ehe es sich überraschend in ein beatbetontes, beinahe hiphopartiges Szenario verwandelt. Schmutziges Gelächter, harte Grooves und fiebrig-verwahrloste Klangräume evozieren Bilder eines heruntergekommenen New Yorks, wie man es aus Filmen von Abel Ferrara kennt, in dene ja auch so einiges durch die Adern der Figuren fließt. Zu den Höhepunkten zählt “Interrabang”, dessen jazziger Groove direkt einem Jess-Franco-Film gefallen scheint, während im Hintergrund jemand hartnäckig versucht, ein Motorrad zu starten. Straßengeräusche, undefinierbares Grunzen – irgendwo zwischen Schwein und Motor – verschmelzen zu einer Szene, die sich hervorragend als Auftakt von Nurse With Wounds “Cruisin’ For A Bruisin’” vorstellen ließe. Plötzlich wird dieses gesamte Klangbild jedoch von einer hellen orchestralen Welle fortgerissen. Verzweifelte Schreie erklingen wie unter Sirup, hektisches Flüstern erfüllt den Raum, bis schließlich der Jazz-Groove zurückkehrt und den Kreis schließt.

“House Of Tears” greift die monumentalen Trommelschläge des Albumauftakts wieder auf. Das gehetzte Hecheln, zahllose kleine Lärmdetails und die rastlose Dynamik lassen unmittelbar an eine Verfolgungsjagd denken. Auch hier bleibt nichts statisch, ständig verändern kleine Wendungen die Richtung. Mit “The Perfumed” beginnt zunächst ein Geflecht aus kratzigem Rauschen und hektischem Flüstern. Das Ganze besitzt stellenweise eine beinahe psychedelische Qualität, ehe Contrastate überraschend in eine lieblich-melancholische Passage kippen – jenes typisch giallohafte Moment, das häufig vorschnell als Kitsch abgetan wurde, tatsächlich aber gerade aus seinem Kontrast lebt. Doch auch diese Harmonie bleibt brüchig. Schaben, Reiben und Klopfen nagen unaufhörlich an ihr, steigern sich immer weiter und begraben sie schließlich unter einer neuen Geräuschlawine.

Den Abschluss bildet “An Exercise In Defascination”. Schwindelerregend rückwärts abgespielte Stimmen treffen auf orchestrale Lieblichkeit, die sich zunächst wie eine melancholische Fanfare aus einem Morricone-Score entfaltet. Noisige Trommelwirbel, brodelnde Klangmassen, Messerwetzen und rotierende Bohrer greifen immer stärker in die fragile Schönheit ein, deren Anmut aber nie agnz verschwindet. Contrastate ziehen hier noch einmal sämtliche Register und liefern eine veritable Studie der Desillusionierung. Die Kollegen des niederländischen Dark Entries-Magazins schrieben treffend, man müsse dieses Album als Ganzes hören und weniger als Sammlung einzelner Stücke verstehen. Dem lässt sich nur zustimmen. Ebenso bemerkte das italienische Sodapop-Magazin, dass die klar identifizierbaren Alltagsgeräusche – das Telefon, der Motor, die geschärften Messer – nicht bloß Dekoration seien, sondern den eigentlichen narrativen Motor bildeten. Gerade darin liegt tatsächlich eine der größten Stärken dieser imaginären Filmmusik.

Ebenso entscheidend ist jedoch noch etwas anderes: “Seven Flies Feeding In The Tears Of A Woman’s Eye” gibt sich niemals mit einem einmal erreichten Zustand zufrieden. Kaum scheint ein Motiv etabliert, tauchen neue Details auf, neue Wendungen, neue Steigerungen oder abrupte Perspektivwechsel. Kein Stück verharrt auf seinem vermeintlichen Höhepunkt oder kostet ihn aus, stattdessen entfaltet sich die Musik unaufhörlich weiter, als würde sie ihren eigenen Verlauf immer wieder neu konzipieren, und jeder Klang scheint ausschließlich für genau den Moment geschaffen zu sein, in dem er auf den Plan tritt.

Gerade diese permanente Verwandlung macht Contrastates imaginären Giallo zu weit mehr als einer stilistischen Hommage: Das Album funktioniert als eigenständiges “Hörkino”, das mit jedem Hören neue Szenen, neue Zusammenhänge und neue Verdachtsmomente freilegt. (U.S.)