BALLO DELLE CASTAGNE: Ballo Delle Castagne

Bei BALLO DELLE CASTAGNE könnte man es sich leicht machen und das Projekt auf eine Formel wie “vier Italo-Folker auf Post Punk-Kurs“ herunterbrechen. Ganz abgesehen davon, dass nur schlechte Musik eine derart simple Beschreibung verdient, greift sie hier auch stilistisch viel zu kurz.

Natürlich sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Signori mit ihren Haupt- bzw. ehemaligen Bands RECONDITA STIRPE, THE GREEN MAN und CALLE DELLA MORTE bislang erfolgreich der Vorstellung einer “Sackgasse Neofolk“ entgegengewirkt haben. Auch nicht, dass die monotonen Bassläufe, die vitalen Rhythmusgitarren und das beinahe treibende Schlagzeug angesichts ihrer musikalischen Wurzeln in der Welt des Punk’n Wave einen frischen Back to the Roots-Effekt erzeugen. Zitatenmusik dieser Art gibt es heute jedoch massig in mehr oder minder guter Ausführung, und so ist hier auch gerade dasjenige interessant, was über ein solches Schema hinausgeht. Bei der eher ausladenden Länge der fünf Stücke mag man sich noch nichts denken, die Gitarrensoli in der Mitte der CD allerdings verweisen rockgeschichtlich schon deutlich auf eine Zeit vor dem Punk, und bei den in der zweiten Hälfte eingewobenen Zitharparts und Orgelklängen schwebt ein vager Begriff wie Psychedelic Post Punk im Raum und weckt Assoziationen zu Soundtracks von sleazigen Genrefilmen, wie es sie im Italien der 70er Jahre in Mengen gab. Interessant ist dabei, wie gut hier zwei gemeinhin als gegensätzlich betrachtete Stilabschnitte der Musikgeschichte wie selbstverständlich vereint werden, und beim ersten Hören fragte ich mich sogar, ob das Debüt vielleicht noch krautiger geplant war, und den Künstlern der Post Punk eher versehentlich passiert ist. Vielleicht greift das Projekt aber auch auf Traditionen zurück, von denen der Rezensent nichts ahnt. Jedenfalls bleiben die Herren dabei durchweg einem sympathischen und keineswegs unvirtuosen Dilettantismus treu und vermeiden jeden Artrock-Manierismus, wobei letztlich unerheblich ist, ob sie es anders könnten oder nicht. Inhaltlich, so erfährt man auf der Bandseite, geht es um eine legendäre Ballnacht aus der Zeit von Cesare Borgia, bei der nackte Freudenmädchen während eines Tanzes Kastanien mit dem Mund eingesammelt haben sollen – eine Festivität, die als Hexensabbat in die italienische Folklore eingegangen ist. Leider war das lange vor meiner Zeit und wie dem auch sei, den vier Herren ist es Anlass zu einer vor Energie und Spontaneität strotzenden Aufnahme, bei der die unterschiedlichen Einflüsse gerne noch etwas unverbundener nebeneinander stehen könnten. Doch sei’s drum, so ist es eben gerade die Harmonisierung verschiedener Rockelemente, welche die frische Eigenständigkeit der Platte ausmacht. Den Höhepunkt dabei bildet “Specci E Parline Colorate“, die treibendste Nummer des Albums.

Auch wenn es manche weit hergeholt finden mögen, so ist der Stil dieses Debütalbums ein bisschen die Richtung, die ich mir für FORRESTA DI FERRO gewünscht hätte, die immer noch auf einen würdigen Nachfolger ihres bisher unerreichten Einstandes warten lassen, nämlich der „“Bulli e Pupe“-EP in Zusammenarbeit mit NOVÝ SVET. Ich empfehle für das Booklet nicht nur ein Wörterbuch, sondern auch eine gute Lupe zur Hand zu nehmen – und hoffe doch sehr auf eine baldige Fortsetzung. (U. S.)