TIME MACHINES: Time Machines

Ich habe schon an anderer Stelle geschrieben, dass es kaum möglich ist, über Coilveröffentlichungen der letzten Jahre zu schreiben, ohne die Fragwürdigkeit und/oder die Legitimität der meisten Tonträger anzusprechen, die nach Peter Christophersons Tod erschienen sind. Ein Beispiel ist die Veröffentlichung des “Backwards”-Albums, bei dem Cold Spring und Danny Hyde den Eindruck vermittelten, der einzige Grund, warum das Album nicht von Coil veröffentlicht worden sei, seien rechtliche Auseinandersetzungen mit den „grey men“ der Industrie gewesen seien und nicht etwa, dass das Album für Balance und Christopherson (u.a. auch) zu konventionell geraten war: Weiterlesen

TRAPPIST AFTERLAND: Afterlander

In der Diskografie von Trappist Afterland nahm das vor zwei Jahren erschienene „Afterlander“ so etwas wie eine Schanierstelle ein, fasste vieles aus der Vergangenheit der australischen Psych Folker zusammen und stellte zugleich die Weichen für Künftiges. In ihrer mystisch angehauchten, weit über westliche Musiktratitionen hinausgehenden Gestalt deuteten die Songs schon etwas in die konzentriertere Richtung des darauf folgenden „God’s Good Earth“ und hatten doch noch einiges von dem zerfledderten 70er-Feeling des Frühwerks, das wie ein Echo aus den Weiterlesen

WOLVON: Ease.

In ihrer Heimatstadt Groningen sind Wolvon seit Jahren Kult, in den Niederlanden generell längst kein Geheimtipp mehr, und im übrigen Europa konnte man bereits einige ihrer energiegeladenen, aber auch erschöpfenden Konzerte erleben – u.a. im Vorprogramm von A Place to Bury Strangers, in deren Umlaufbahn der verrauschte Lärm der drei Postpunknoiserocker auch ganz gut passt. Weiterlesen

THE MYSTIC UMBRELLAS: Journey to the West

In einer der berühmtesten Passagen aus Eliots Four Quartets (aus „Burnt Norton“) heißt es: “Time present and time past/Are both perhaps present in time future,/And time future contained in time past./If all time is eternally present/All time is unredeemable”. Oder etwas profaner und verkürzt(er), wie es am Ende der phänomenalen dritten Twin Peaks-Staffel heißt: „The past dictates the future“. Weiterlesen

IRMLER / OSTERHELT: Die Gesänge des Maldoror

Maldoror ist der Archetypus des Rächers, und seine Rache ist universell. Sie richtet sich gegen den Schöpfergott und die Krone dieser Schöpfung, den Menschen, den er als Ungeziefer beschreibt. Selbst ein gefallener Engel, stößt ihn v.a. die selbstgefällige Scheinheiligkeit der Menschen ab, die Moral predigen und doch voll böser, engherziger Gedanken sind, die Gemeinschaft predigen und doch jeder für sich im eigenen Saft schmoren und sich nur ihren Illusionen von Liebe hingeben, die er zu entlarven und auszumerzen trachtet. Weiterlesen

BACKWORLD: The Hound Of Heaven

Unter den bisherigen Backworld-Veröffentlichungen nimmt „The Hound of Heaven“ eine Sonderstellung ein, und das in mehrfacher Hinsicht. Es ist das erste Konzeptalbum Backworlds und darüber hinaus am weitesten entfernt vom klassischen Stil der Band, die vor rund 20 Jahren im eher britischen World Serpent-Sound begann und irgendwann ihre eigene Nische innerhalb folkig-akustischer Musik fand. Auch gab es nie zuvor so viele Gastmusiker auf einem Release, und Joe Budenholtzers Gesang tritt merklich in den Hintergrund zugunsten mehrerer Tenöre. Vor allem aber ist „The Hound of Heaven“ mehr als Weiterlesen

HERMETIC BROTHERHOOD OF LUX-OR: Ethnographics Vol. III

Hermetic Brotherhood of Lux-Or arbeiten gerne mit diffusen Andeutungen und eher vagen Konzepten, was nicht heißt, dass ihre Aufnahmen beliebig und ohne Tiefgang wären, ganz im Gegenteil. Neben ihren regulären Alben und Konzerten führen sie seit Jahren in gewisser Regelmäßigkeit rituelle Jam-Sessions durch, die, lose inspiriert von Antonin Artauds Idee des Theaters der Grausamkeit, als Crude Sound Theatre firmieren. Ohne eine kompositorische Idee oder ein konkretes Konzept im Hintergrund bringen die Band und weitere Musiker aus dem Umfeld des sardinischen Trasponsonic-Kollektivs Weiterlesen

PAUL BEAUCHAMP: Grey Mornings

In den frühen Morgenstunden liegt nicht nur ein Zauber, der vielen Nachtmenschen entgeht, auch ist die Wahrnehmung für Inneres und Äußeres noch unverfärbt durch diversen Kram, der sich später im Geist ansammelt. Paul Beauchamps Album „Grey Mornings“ ist primär ein Porträt der vielleicht wichtigsten Orte in seinem Leben, die zufällig noch eine Namensähnlichkeit aufweisen: Seinen Geburtsort im Piedmont County in North Carolina und die Region des Piemont um seine heutige Heimatstadt Turin im Norden Italiens. Was er in dem Weiterlesen

STONE BREATH: Witch Tree Prophets

Schon das vergangene Jahr veröffentlichte Stone Breath-Album „Cryptids“ spiegelte Tinothy Renners Interesse an scheinbar Unerklärlichem, an Kryptozoologie wider. Nach seiner Abhandlung über Seltsames in Pennsylvania namens Beyond the Seventh Gate hat er kürzlich ein Buch über Bigfoot veröffentlicht und macht seit einiger Zeit einen Podcast, in dem es um ähnliche Phänomene geht. Weiterlesen

TORBA: Laavg Drjot

Schon in meiner letzten Besprechung zu Torba habe ich darauf hingewiesen, dass verzerrte Noisesounds und klassisches Feedbackjaulen nur noch eine untergeordnete Rolle in der Musik des italienischen Geräuschmusikers spielen, zugunsten einer feinsinnigen, narrativen Montage ausgefallener Klänge aus Natur, Technik und dem Repertoire klassischer Musikinstrumente. Dass dies dann aber keineswegs ruhig und gewaltfrei ablaufen muss beweist einmal mehr sein aktuelles Tape, dessen Titel einfach die beiden Tracktitel wiedergibt. Weiterlesen

DIAMANDA GALÁS: At Saint Thomas the Apostle Harlem

Ganze neun Jahre nach „Guilty, Gultiy, Guilty“, einer Sammlung von Konzertmitschnitten aus Neuseeland und den USA, ist Diamanda Galás in diesem Jahr mit gleich zwei Longplayern zurückgekehrt. Während “On All the Way” sowohl Live-Aufnahmen von verschiedenen Konzerten als auch Studiotracks enthält, ist die vorliegende Veröffentlichung ein etwas gekürzter Mitschnitt eines im letzten Jahr in New York gespielten Konzerts. Auf beiden Platten basiert Galás’ Gewaltmusik wieder nur auf Gesang und Piano, auf beiden finden sich zudem nur Stücke, die nicht Weiterlesen

DEAN HURLEY: Anthology Resource Vol. 1: △△ ‎

Als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass David Lynch und Mark Frost eine neue Staffel von Twin Peaks drehen würden, waren die Reaktionen durchaus enthusiastisch, andererseits musste einem klar sein, dass der immense cultural impact der ersten beiden Staffeln kaum erreicht werden könnte. Zu groß war der Einfluss, den die Serie auf andere TV-Produktionen hatte – sowohl thematisch als auch was die Art des Erzählens anbelangte. Gleichzeitig ist bei solch einer langen Unterbrechung auch die Gefahr, dass die neue Staffel zu einem reinen Akt der Nostalgie wird, bei dem den Fans ein (vermeintliches) Best of serviert wird. Weiterlesen

CARLOS CASAS: Pyramid of Skulls

Bei einem Titel wie Pyramid of Skulls denken einige vielleicht an Herrscher wie Timur Leng, die im Zentralasien des Mittelalters nach der Eroberung feindlicher Städte die Schädel der Besiegten zu enormen Pyramiden gestapelt haben sollen. Ich weiß nicht, ob Carlos Casas auch darauf anspielt, um Zentralasien jedoch, genauer um die Pamir-Region in Tadschikistan geht es in seinem semi-dokumentarischen Werk ebenfalls. Weiterlesen

AK’CHAMEL: Death Chants

Rituelle Musik kann unterschiedliche Ausprägungen haben. Man denke an die flächigen, ganze Plattenseiten füllenden Soundscapes, die sich auf den frühen Alben von Current 93 oder Ain Soph fanden und dann an stärker perkussiv ausgerichtete Projekte wie Zero Kama, deren Musik vielleicht als “Technik der Ekstase“ (Eliade) zu Trancezuständen führen sollte. Natürlich ist so eine Unterteilung nie ganz trennscharf: LAShTALs auf Necrophile veröffentlichtes Album z.B. enthält Stücke, die in beide Kategorien passen. Weiterlesen

SWANS: The Great Annihilator (inkl. MICHAEL GIRA: Drainland)

In einer Hinsicht kann man die Phase der Swans Mitte der 90er mit der heutigen Zeit vergleichen: Ein Abschnitt ihres Schaffens hatte so langsam seinen Zenit überschritten und neigte sich seinem Ende zu, das eine Auszeit und einen wie auch immer gearteten Neuanfang nach sich ziehen musste. „The Great Annihilator“ war das letzte typische Album dieser Werkphase, die seit Ende der 80er andauerte und im Unterschied zum düster-atonalen Frühwerk – ohne dessen Hang zu repetitiver Monotonie völlig aufzugeben – melodische Elemente integrierte. Ähnlich einer ganze Zahl an lärmenden Weiterlesen

ALAN VEGA: It

Es gibt kaum eine Liste mit verstörenden Stücken, auf der sich nicht Suicides „Frankie Teardrop“ findet, das schon einmal als „Taxi Driver: The Musical“ tituliert wurde und eine Abrechnung mit den Schattenseiten des amerikanischen Traums war. Auch Vegas Arbeiten der letzten Jahre – ob solo oder mit anderen (PanSonic bei VVV, Étant Donnés, Stephen Lironi) – sind häufig (auch auf diesen Seiten) immer wieder als Thematisierung des American Nightmares gelesen worden, als Auseinandersetzung mit den (tief)schwarzen Schattenseiten von „God’s Own Country“. Weiterlesen

HUNTING LODGE: 1982 – 1989

Lon C. Diehl und Richard Skott, die 1981 die Band Hunting Lodge gründeten, haben besseres verdient, als in die Annalen des Post-Industrial als One Hit-Wonder einzugehen. Freilich, kein Kenner der Materie würde sie so nennen, aber unter denen, die lärmige Musik primär über die schwarzen Clubs kennen gelernt haben, verbinden einige die beiden Amerikaner überwiegend mit ihrem perkussiven Kracher “Tribal Warning Shot”, der, ich geben es zu, zurecht legendär ist. Weiterlesen

KATARINA GLOWICKA: Seven Sonnets

Wenige außerhalb der Anglistik und erst recht außerhalb des englischsprachigen Raums kennen heute Sir Philip Sidney, Edmund Spenser und andere Verfasser von Sonetten aus der Zeit von Königin Elisabeth I an der Schwelle zum 17. Jahrhundert. William Shakespeares Gedichte dagegen, gleichwohl „the bard“ primär für seine Dramen bekannt wurde, sind in den folgenden Jahrhunderten nie aus der Mode gekommen, haben spätere Dichter inspiriert und zugleich Versuche angestoßen, diese entweder rezitativ oder in gesungener Form zu vertonen. Weiterlesen

ZEITKRATZER / SVETLANA SPAJIĆ / DRAGANA TOMIĆ / OBRAD MILIĆ: Serbian War Songs

Als Verbündeter der Entente war auch Serbien 1918 einer der Sieger des Ersten Weltkriegs, mit dem eine ganze Reihe an kriegerischen Auseinandersetzungen zu Ende gingen, die das kleine Königreich im frühen 20. Jahrhundert zu verkraften hatte. Dennoch erlitt nicht nur die serbische Armee in den vier Jahren enorme Verluste, auch die Bevölkerung hatte mit Hunger, Krankheiten und einer zum Teil brutalen Besatzung durch Österreich und seine Verbündeten zu kämpfen. Weiterlesen