CHRIS CARTER: Chemistry Lesssons Volume One

Von allen (ehemaligen) Throbbing Gristle-Mitgliedern ist Chris Carter vielleicht derjenige, dessen Nimbus (fast) einzig und allein aus seinen musikalischen Leistungen resultiert und weniger aus außermusikalischen Transgressionen. Sein Einfluss auf die Entwicklung elektronischer Musik ist wohl kaum zu überschätzen. Weiterlesen

MIRACLE: The Strife Of Love in a Dream

In dem Jahrzehnt, in dem Miracle kein originelles Retrophänomen gewesen wären, sondern die Spitze des unerhört Innovativen, wäre Sänger Daniel O’Sullivan wahrscheinlich als Kuriosität in die Annalen der Zeit eingegangen – oder er hätte eine musikalische Revolution ausgelöst: Ein eigenwilliger Experimentalmusiker, dessen zahlreiche Projekte wie Guapo, Æthenor oder Laniakea die Genrekenner in Verlegenheit gebracht hätten, und dessen bekannteste Kollaborationen Weiterlesen

HAIR STYLISTICS: African Head Banging

Anfang 2014 hatte Noiseveteran Nakahara Masaya die Idee, pro Monat ein Album auf CDr heraus zu bringen, sicher aus Spaß an all seinen übersprudelnden Einfällen, aber vielleicht auch, um zu beweisen, dass ihm diese im Hinblick auf die Musik, mehr noch allerdings was inhaltliche Querbezüge zu interessantem Nerdkram angeht nicht so schnell ausgehen. Natürlich hielt er weitgehend, was er versprach. Da ich vor vor einiger Zeit einen ganzen Stapel aus seiner “monthly series” in die Weiterlesen

CARLO DOMENICO VALYUM: Cronovisione Italiana

Auf „Cronovisione Italiana“ reisen wir in die Vergangenheit, ins Turin der dreißiger Jahre, um einen Mann bei einer ungewöhnlichen Reise in die Zukunft zu begleiten. Es handelt sich bei dem Mann um einen gewissen Carlo Domenico Valyum, einen Erfinder und naturwissenschaftlichen Privatgelehrten, der Maschinen zum Abhören von elektromagnetischen Wellen entwickelt hatte und auf Audiovisuelles spezialisiert war. Irgendwann im Jahr 1937 machten seine Geräte merkwürdige Tonaufzeichnungen, die Rätsel aufgaben. Weiterlesen

FATHER MURPHY: Rising

In dem Interview, dass wir vor ein paar Jahren mit der italienischen Okkultband Father Murphy führten, bezeichneten sie ihre Musik als Ausdruck einer Auseinandersetzung mit ihrem katholischen Erbe und dem damit verbundenen Konzept von Schuld. Was die Geschichte dieses Motivs angeht, kann man im Laufe der Jahre eine deutliche Steigerung erkennen: Spielten solche Fragen in den frühen Noiserock-Alben des damaligen Trios eher latent eine Rolle, rückten sie Weiterlesen

MOAN / GENETIC TRANSMISSION: Dedicated to Luigi Russolo

Spätestens seit der Musique Concrète taucht der Name Luigi Russolo in jeder Generation der Geräuschmusik auf, der Komponist, Maler und Verfasser von Manifesten wird als Insprationsquelle gefeiert und hat, durchaus im Widerspruch zum futuristischen Geschichtsverständnis, längst seine eigene Folklore bekommen. Ob es seine Techniken in der Kombination heterogener Geräusche und Instrumentalklänge ist, sein Bruch mit Traditionen oder seine originellen Instrumente wie dem Russolophon oder Rumorarmonio, einem Geräuschharmonium, nach dem Weiterlesen

DREVNE BOLESTI: Licking the Snails

Ich weiß nicht, ob das Lecken an Schnecken hier eine tiefere Bewandtnis hat, in den ersten Minuten des einzigen langen Tracks dieser EP jedenfalls beschreiben zwei Sprecher, eventuell gesamplet, eventuell auch die beiden Musiker selbst, das Schneckenlecken als klebrigen Alptraum. Die eigentliche Story, die daraufhin folgt, entpuppt sich für Leute, die Harsh Noise gewohnt sind, als weit weniger alptraumhaft, vorausgesetzt, man hat keine allzu starke Abneigung gegen das Ausbleiben markanter Variation. Weiterlesen

THE ART BARBEQUE: Feet Hacked Rails

Seit einiger Zeit wird die musikalische Historie Controlled Bleedings aufgearbeitet und vergriffene Aufnahmen werden wieder verfügbar gemacht. Im April erscheint eine Mammutzusammenstellung von zehn Alben, die zwischen 1985 und 1988 aufgenommen wurden. Schon vor Jahren schrieb Paul Lemos anlässlich der „Curd“-Wiederveröffnetlichung: „[W]e were constantly experimenting with sound, and recording day and night.“ Weiterlesen

23 THREADS: The Ornaments (The Ghost of Miranda)

Im nicht mehr ganz taufrischen dritten Millenium unserer Zeitrechnung ist es mittlerweile eher zu erwarten, dass jüngere Musikprojekte zumindest partiell in der Tradition früherer Errungenschaften stehen und diese, wenn sie über das nötige kreative Potential verfügen, nicht bloß revitalisieren oder gar kopieren, sondern unter anderen Vorzeichen in neue Richtungen lenken. Seit den Jahren um 2000 gibt es immer wieder Bands, denen nachgesagt wird, in den Spuren der sogenannten World Serpent-Family aus Weiterlesen

TRAPPIST AFTERLAND: Se(VII)en

Dass den australischen Psych Folkern um Adam Cole so schnell nicht die Puste ausgeht, haben sie in den letzten Jahren hinlänglich bewiesen. Nach einer ganzen Reihe von selbst herausgebrachten Alben, die sehr stark an z.T. asiatisch beeinflusstem Folk der 70er orientiert und zunächst nur einem kleinen Hörerkreis bekannt waren, erschienen die Alben der Band irgendwann zunehmend auf Vinyl bei namhaften Labels, alte Aufnahmen wurden neu aufgelegt, und seit einigen Jahren steht der Name Trappist Afterland Weiterlesen

DREW MCDOWALL / HIRO KONE: The Ghost of Georges Bataille

Georges Bataille gehört (wie z.B. auch Nietzsche oder Jünger) zu einer Reihe von Literaten und Philosophen, die einen Resonanzraum geschaffen haben, der manche glauben lässt, es reiche aus, den einen oder anderen Begriff in ebendiesen zu werfen und ohne große inhaltliche Füllung (ver)hallen zu lassen. Zum Teil scheint dann selbst manchmal im akademischen Bereich die Auseinandersetzung mit dem Franzosen auf das Abspulen der immer gleichen Schlagworte (Transgression etc.) beschränkt zu sein. Weiterlesen

GOVERNMENT ALPHA: Afterlife Is Warped

Wenn das Nachleben wirklich so verzerrt sein sollte, wie Yasutoshi Yoshida alias Government Alpha sie auf der vorliegenden 1 Track-MCD zeichnet, dann sollten wir uns warm anziehen. Im Grunde macht er hier, was er ohnehin am besten kann: Heftige und zugleich fließende, „psychedelisch“ anmutende Feedback-Rauschexzesse auf seine Hörerinnen und Hörer loszulassen, als gäbe es kein morgen. Weiterlesen

SOL INVICTUS: Necropolis

Eigentlich passt die Platte gar nicht recht in die Jahreszeit: Raue, dröhnende Sounds bilden das Fundament für einen trauernden Chorgesang, der in den ersten Minuten von „Necropolis“ ein molllastiges Mantra anstimmt, das an ein Requiem erinnert. Gut kann man sich den Eingang zur besungenen Totenstadt wie das Tor der viktorianischen Waterloo Station im Herzen Londons vorstellen, die in Dunkel getaucht das Cover des neuen Albums ziert und dabei so bedrohlich wie ein Geisterhaus auf den Betrachter herabblickt. Diese Weiterlesen

KONSTRUKT / KEIJI HAINO: A Philosophy Warping, Little By Little That Way Lies A Quagmire

Mit Konstrukt und Keiji Haino treffen zwei sehr unterschiedliche Phänomene aufeinander. Zur Kollision zwischen dem türkischen Freejazzquartett und dem japanischen Noiseveteranen kommt es trotzdem nicht, eher schon zur Kollision mit allzu wohlklangverwöhnten Ohren. Stehen Konstrukt, die nach ihren Auftritten mit Peter Brötzmann, Thurston Moore und anderen längst auch international einen Namen haben, für größtmögliche Freiheit in der Musik, dann repräsentiert der androgyne Extremvokalist ein beachtliches Maß an erschöpfender Entgrenzung. Weiterlesen

NIGHT CLEANER: Even

Bisher spielte der in Atlanta ansässige Matthew Lambert mit seiner Band All The Saints Shoegaze. Sein Soloprojekt Night Cleaner ist etwas anders ausgerichtet. Nach dem 2015 (auch auf Geographic North) veröffentlichten “Sketch for Winter III: Green Sleeves” ist der Nachfolger „Even“ eine beeindruckende Sammlung von sechs Stücken, die alle einer LoFi-Ästhetik folgen (“written, recorded & mixed by Matthew Lambert in a basement & a closet”). Weiterlesen

RUTGER ZUYDERVELT / ILIA BELOROKUC / RENÉ AQUARIUS: The Red Soul

So ambivalent die Aufarbeitung der Person Stalins, seiner Diktatur und der durch ihn geprägte Sowiet-Ära auch ist, ist das Thema Stalin dennoch zunehmend populär und für ganz unterschiedliche Kreise interessant. Zahlreiche Bücher meist kritischen oder schonungslos nüchternen Inhalts erschienen in den letzten Jahren außerhalb Russlands, dazu kommen Filme und sogar Comics. In Russland ist die öffentliche und veröffentlichte Meinung dazu zwiegespaltener. Weiterlesen

ERASURE / ECHO COLLECTIVE: World Beyond

Im letzten Frühjahr brachten Erasure mit “World be Gone” ihr mittlerweile siebzehntes Studioalbum heraus, und nach über dreißig Jahren und ohne längere Pausen oder abrupte Stilwechsel ist aus ihrem eingängigen Synthiepop, mit dem Andy Bell und Vince Clarke Mitte der 80er auch ein bisschen die erste Inkarnation von Depeche Mode beerbten, ein feinsinniger Producer-Pop mit leicht angesoulten Untertönen geworden. Bells immer noch androgyne Stimme ist um eine kleine Note herber geworden, die Texte mit der einen oder anderen Weiterlesen

CRETA: s/t

Bis vor einigen Jahren kannte man Massimo Pupillo vor allem als Bassist der römischen Jazzcore-Formation Zu, und schon zu der Zeit kam es immer wieder zu originellen Zusammenarbeiten mit Musikern wie Dälek, Damo Suzuki oder Current 93, um nur einige zu nennen. Seit einiger Zeit spielt der Musiker auch außerhalb seiner Stammband in immer wieder neuen Konstellationen, und wenn man seine Arbeiten mit Oren Ambarchi und Stefano Pilia, in der Band Laniakea und jüngst mit Thighpaulsandra als Uruk vergleicht, zeichnet sich ein Interesse an Weiterlesen