Adventures in atmospheric sound design: Interview mit Joseph Curwen

Das nach einer Figur aus H. P. Lovecrafts Roman The Case of Charles Dexter Ward benannte und in Newcastle upon Tyne beheimatete Einmannprojekt situiert sich selbst im weiten Feld von „Post-Rave Hauntology Rituals and Radiophonic Occult Synth Horror Soundtracks“ (die Genese des Begriffs wird im Interview erläutert), man könnte auch sagen im Spannungsfeld von (ewigen) Drones und melodischen Soundcapes, die inzwischen auch schon mal von Beats durchzogen werden. Dabei sprengen die (meist digitalen) Veröffentlichungen manchmal den Rahmen eines herkömmlichen Tonträgers, etwa dann, wenn „Lurking Fear“ – auch hier stand der „Einsiedler von Providence“ bei der Titelgebung Pate – aus 24 „Szenen“ von jeweils 30 Minuten Länge besteht. Im folgenden Interview geht es u.a. um (musikalische wie außermusikalische) Einflüsse, die Art des Komponierens, Ästhetik, Liveauftritte und Seitenprojekte.

English Version

Lass uns mit den Hintergründen deines Projektes beginnen. Ist Joseph Curwen dein erstes Projekt oder hast du vorher bereits in irgendwelchen Bands gespielt? Mit welcher Musik/welchen Sounds bist du aufgewachsen?

Ich hatte das Glück in einem musikalischen Haushalt aufzuwachsen. Ich bin inmitten von 70er-Rock und Psychplatten aufgewachsen und einem alten Klavier. Ich bin in einem winzigen Dorf in County Durham in den frühen 90ern aufgeachsen und war schon früh der Ravekultur ausgesetzt. Die meisten Kinder, mit denen ich zur Schule gegangen bin, hatten ältere Geschwister und Eltern, die regelmäßig auf Raves gegangen sind, insofern liefen immer Techno- und Ravetapes, wenn ich jemanden besucht habe. Ich erinnere mich noch an den Schock, den ich hatte, als es in dem Dorf einen Ecstasytoten gab. Das begründete in mir eine Dichotomie zwischen Euphorie und Nostalgie, die es oft in tanzbarer Musik gibt. Ich habe mich immer für schwere, basslastige Musik interessiert, dazu gehört auch eine lebenslange Faszination für Heavy Metal. Ich habe jahrelang in vielen Bands Bass gespielt und bemerkt, dass das Publikum auf tiefe Frequenzen sehr unmittelbar reagiert, von niederdrückenden Doombands bis hin zu Hochzeitskapellen, die Physikalität des Basses ist immer dabei. Alles andere ist die Summe unserer Erfahrungen, und so vermischte ich meine Liebe zu Drone und Rave/Dance zu etwas, das ich Post-Rave Hauntology Rituals nenne. Ich nenne das so, um damit meinen persönlichen und musikalischen Erfahrungen früherer Jahre wie in einer Inszenierung zu begegnen. Als Joseph Curwen spiele ich ebenfalls in The Dead End Street Band und CHONYID. Ich genieße es wirklich, allein zu arbeiten, weil ich dabei sorgfältig planen kann, wie einzelne Sounds miteinander interagieren, aber wenn ich mit anderen arbeite, schätze ich es, Sounds in Echtzeit zu bearbeiten und auf die Klänge um mich herum zu reagieren. Beides gibt mir sehr viel. Mein jüngstes Album “A Key To The Origin” ist wie mir scheint am dichtesten an einem reinen Post-rave hauntology ritual, seit ich Joseph Curwen vor ein paar Jahren erstmals ins Auge fasste, deshalb der Titel.

Ich denke, bei deinem Projektnamen und Titeln von Veröffentlichungen müssen wir über H.P. Lovecraft sprechen. Wie bist du erstmals mit seinen Werken in Berührung gekommen?  Bei deinem Interesse an dem Mann aus Providence habe ich mich gefragt, ob du die jünsgte, sehr hitzige Debatte darüber verfolgt hast, ob die World Fantasy Award-Figur, die ihn zeigt, wegen seiner Ansichten (zu Rasse etc.) durch die von jemand anderem ersetzt werden sollte, und S.T. Joshis Posts, in denen er Lovecraft verteidigt. Wie stehst du zu der Diskussion?

Ich bin mit HP Lovecraft erstmals als Teenager in Berührung gekommen, als ich entdeckt habe, dass viele meiner Lieblingsmetalmusiker von seinen Werken beeinflusst waren.Ich habe eine Zusammenstellung seiner Werke namens “Necronominocon” gekauft und voller Freude verschlungen. Ich hatte den Eindruck, dass meinen anfänglichen Experimenten mit Drone ein unheimlicher Sinn von Grauen innewohnte, weswegen es natürlich erschien, das Projekt nach seiner Herangehensweise an das zu benennen, was wir nie  von unseren Halbträumen und Erinnerungen wirklich wissen können.

Ich persönlich halte nichts von Lovecrafts Ansichten zu Rasse, aber ich bin intelligent genug, einzusehen, dass er ein Kind seiner Zeit war, denn eine Menge Leute aus dieser Ära hatten Ansichten über andere Menschen, die aus heutiger Sicht rückständig und nutzlos erscheinen.

Denkst du, dass es so etwas wie ein Kernelement oder eine Essenz von Lovecrafts Fiktion gibt (Joshi würde vielleicht das Kosmische nennen), und falls ja, wie würdest du es beschreiben? Was macht seine Geschichten so herausragend für dich im Vergleich zu anderen Autoren? Wie kamst du auf die Idee, deine Faszination für das Übernatürliche und für Lovecraft in einem eigenen Werk umzusetzen?

Ich habe immer Lovecrafts Sinn für das echte Unbekannte in seinen Gesichten geschätzt, und ich denke, dass niemand den Kosmos auf eine derart seltsame Weise beschrieben hat. Es gibt bedeutende Vorgänge im Universum, die wir als menschliche Wesen nie verstehen werden, ob wir nur an Monster am Himmel glauben oder dem anerkannten wissenschaftlichen Denken beipflichten. Ich versuche, diese Art von unbehaglicher Atmosphäre in meine Musik einzubauen, so als ob du der Aufnahme eines Traumes über eine musikalische Erinnerung zuhörst. Viele seiner Geschichten handeln von scheinbar normalen Menschen, die in aufwühlende Situationen gestoßen werden, zu so etwas hatte ich immer einen Bezug.

Wie stehst du zu den Versuchen der HPL-Historical Society, Filme und Hörspiele zu machen, die die Zeit widerspiegeln, in denen die Geschichten entstanden sind, z.B. durch das Medium des Stumm- oder des Schwarzweißfilms? Ich frage, weil du eine ziemlich auffällige Ästhetik hast. Ich denke, man erkennt deine Veröffentlichungen wegen der Art, wie Farben benutzt werden. Und du hast dich nicht für ein Retrodesign entschieden. Kannst du etwas dazu sagen?

Ich verstehe den Reiz des Versuchs, eine Stimmung hervorzubringen, die HP Lovecraft vielleicht gefallen hätte, und manchmal sind selbstauferlegte künstlerische Beschränkungen ein großartiger Weg, kreativ mit einem Stoff umzugehen. Ich war immer ein großer Technikfan, und meine Arbeit als Joseph Curwen reflektiert dies. Es freut mich, dass du meine Ästhetik als auffällig hervorhebst, ich habe ziemlich viel Zeit mit jedem Cover verbracht, um sicher zu gehen, dass es die Musik angemessen wiedergibt. Mein Gebrauch von Farbe kommt von meiner Liebe zu ihr. Ich stelle mir meine Musik gerne als ebenso strahlend wie mein Artwork vor.

In deiner Selbstbeschreibung benutzt du auch den populären Begriff Hauntology. Der Philosoph Derrida hatte diesen Begriff eingeführt, um eine gewisse Ambivalez in der heutigen westlichen Mentalität zu beschreiben – politische Ideologien scheinen aus unserem Mainstream verschwunden zu sein, und suchen dennoch das Unbewusste des westlichen menschen heim. Gibt es bei dir einen Bezug zu diesem Begriffsgebrauch, oder steht er für dich in einem eher allgemeinen Bezug zu Aspekten des Spuks und der Heimsuchung?

Ich habe erst vor Kurzem mal einen Bllick in Derridas Schriften geworfen, aber ich denke, er vertritt eine spannende Idee. Jeder wird in irgendeiner Weise heimgesucht, von Erinnerungen aus einer fernen Vergangenheit, von Geschichten, die man von anderen erzählt bekommen hat, von unterbewussten Überlebenstricks, die wir von unseren Vorfahren mitbekommen haben. Wir sind alle eine Schnittmenge aus Genetik und Geschichte, mit tatsächlichen und angenommenen Erfahrungen, die uns jeden Tag begegnen, wer mag also sagen, was das Unbewusste tatsächlich verbirgt? Der Begriff Hauntology wurde von vielen Leuten aus unterschiedlichen Gründen bastardisiert. Mein persönlicher Ansatz ist es, zurückzuschauen auf musikalische Bewegungen, die in meinem Leben wichtig waren und sie als Türen zu meiner eigenen Vergangenheit zu erkunden, mittels experimentellem Sounddesign und durch die Erfahrung von heute. Mit vielen meiner jüngeren Arbeiten spüre ich meiner Liebe für Tanzmusik nach, besonders der Revekultur der frühen 90er, um der Idee nachzuspüren, dass euphorische Musik leicht von etwas dunklem und bösartigem heimgesucht werden kann. Als Kind in den frühen 90ern kam es mir vor, als sei alles möglich, und viele Musik, der ich in dieser Zeit ausgesetzt war, fühlte sich an wie die neue Morgenröte der Utopie für die Menschheit. Offensichtlich ist das, was diese Leute anstrebten, nie eingetreten, und so wird jeder, der es damals genüsslich auslebte, heute (in irgendeiner Form) davon heimgesucht. Ich hoffe, es ist mir gelungen, eine Musik zu schaffen, die den Geist der Tanzmusik auf eine Art abbildet, welche die vergangene Euphorie in etwas Beklemmendes und Verstörendes auflöst.

Was kannst du uns über deine Art Musik zu schreiben, zu improvisieren und aufzunehmen sagen? Verfolgst du einen spontanen Ansatz oder ziehst du es vor auf eine Weise zu komponieren, die dir größere Kontrolle erlaubt?

Die Anfänge des Projekst waren sehr strukturiert und waren hauptsächlich Experimente  in digital bass weight. Ich bin stolz auf dieses frühe reine Dronematerial, aber ich habe den Eindruck, dass ich das so weit ich konnte ausgereizt habe. Mit der Weiterentwicklung des Projekts habe ich mehr und mehr über digitale Audiotechnik gelernt und mein Ansatz hat jetzt Aspekte, die viel spontaner sind. Ich plane noch immer ganz genau ziemlich viel von der Struktur und überlege mir sorfältig, wie die einzelnen Drones miteinander interagieren sollen, aber mittlerweile kann ich kleine Ausschnitte der Musik in Echtzeit bis zur Unkenntlichkeit bearbeiten und sie als cinematische und evokative Elemente zu den Drones hinzufügen. Bei meiner Arbeit in The Dead End Street Band und CHONYID habe ich viel darüber gelernt, wie man Texturen schichtet und eine Atmosphäre mit sich entwickelnden und unterschiedlichen Klängen erzeugen kann. Joseph Curwen ist ein sich ständig entwickelnder Prozess und kann als meine Erforschung von Audiotechnologie und Sounddesign betrachtet werden. Ich bin ein Mathematikfan, der einen Abschluss hat, deswegen kommt viel von meiner Freude davon, sicherzustellen, dass meine Wahl bezüglich Effekten und Kompressoren etc. mathematisch solide ist, um die maximale klangliche Wucht oder Wirkung zu erzeugen. Ich bin ein Anhänger der Idee, dass die maximale Lautstärke maximale Ergebnisse erzielt und ich schätze es, dass manches von meinem Material ziemlich brutal werden kann, aber ich hoffe, dass die Hörer meine Alben als Abenteuer in atmosphärischem Sounddesign genießen können.

Wie lange brauchst du, um ein Album wie beispielsweise “Lurking Fear” aufzunehmen? Einige deiner Aufnahmen kommen in ganz kleiner Stückzahl (auf Tape) heraus, andere wie eben “Lurking Fear“ oder “Blasphemous Alliance“ werden ziemlich sicher nie auf einem physischen Tonträger erscheinen. Denkst du, dass unser digitales Zeitalter Künstler von den Beschränkungen der (pysischen) Medien befreit hat? Ich vermute, dass wenige Hörer ein solches Album komplett konzentriert durchhören. Funktioniert ein so langes Release auch als eine Art Hintergrundambiente?

Für “Lurking fear” habe ich ungefähr 36 Stunden realer Zeit gebraucht, um es zu schreiben, aufzunehmen und zu bearbeiten. Es war ursprünglich als Kunstinstallation geplant, die sich schließlich zu “Lurking Fear2: Starling Shadows” entwickelte. Ich schätze es, dass einige meiner jüngeren digitalen Veröffentlichungen unerträglich lang sind, aber Dronemusik soll Atmosphäre heraufbeschwören und ich denke, dass sowohl “Blasphemous Alliance” als auch “Lurking Fear” das tun. Ich weiß, dass gewisse Teile meiner Fans beide komlett gehört haben. Mir gefällt es, dass digitale Anbieter es Künstlern ermöglicht, Alben zu präsentieren – so lang sie auch sein mögen. Aber physische Formate wie Kassetten ermöglichen eine persönlichere Verbindung zwischen Künstler und Hörer. Ich benutze Bandcamp, da es zulässt, dass ich meine Musik sofort hochladen und vertreiben kann, so dass ich meine Fans direkt ansprechen kann.

Ich habe den Eindruck, dass manche deiner Arbeiten von der Stimmung ähnlich sind, wie z.B. The Caretaker. Spürst du eine (Art von) Verbundenheit mit anderen Künstlern, die in einem ähnlichen Bereich arbeiten? 

Ich bin schon vorher mit The Caretaker verglichen worden, ebenso mit Künstlern wie Lustmord und Aphex Twin. Ich schätze es immer, wenn ich mit Künstlern verglichen werde, die ich respektiere und ebenso wie mit anderen, die ich neu entdecken kann. Ich fühle mit all denen eine Verbundenheit, die musikalisch kreativ sind. Ich strebe nicht an jemand anderes zu werden. Ich mache Musik als Joseph Curwen, weil es die Musik ist, die ich hören möchte. Die Tatsache, dass andere sie wirklich schätzen und sie hören, ist   ein fantastischer Bonus.

Was ist die Beziehung zwischen denjenigen Aufnahmen, die eine Art Beat enthalten und denen, die sich mehr auf Soundscapes fokussieren? Auf deiner Bandcampseite kann man ein paar Liveaufnahmen finden. Gibt es so etwas, wie einen typischen Joseph Curwen-Auftritt? Benutzt du visuelle Elemente?

Ich begann damit, reine Soundscapes zu machen, weil ich Textur und Timbre innerhalb von Drone untersuchen wollte. Ich bin schon immer ein großer Technofan gewesen, deswegen fing ich an mit Beats zu experimentieren, damit die Drones leichter verdaulich waren. Ich denke, wenn es etwas für die Hörer gibt, an dem sie sich festhalten können, einen roten Faden, der sich durch die “Erzählung” zieht, dann werden sie eher in die Atmosphäre gezogen, die ich erzeugen will. Seit ich Beats und rhythmische Texturen in Curwen integriert habe, habe ich angefangen Musik als Granite Portal zu machen, damit ich meiner Begeisterung für Jungle- und Gabbarhythmen freien Lauf lassen kann und ich benutze sich wiederholdende Phrasen und Strukturen, die stärker an der Tanzfläche orientiert sind.

Wenn ich live spiele, möchte ich die Leute mit dem konfrontieren, was Joseph Curwen darstellt, so laut wie möglich. Zu einem typischen Curwen-Gig gehöre ich, wie ich Material für spätere Bearbeitung vorbereite, dann DJe ich meine eigenen Drones und mische als Reaktion auf das Publikum und den Raum, in dem ich bin, in den Mix verschiedene Timbres und Scherben rein und raus. Ich kann in Echtzeit Effekte bearbeiten, um Extratimbres und -effekte zu bekommen. Ich neige dazu, in einen Urzustand zurückzukehren, wenn ich live auftrete und lasse mich komplett in den Lärm fallen. Manche Sets sind ähnlich wie Trainingsläufe, andere führen zu ganz anderen Ergebnissen. Ich denke, dass man das den ritualistischen Aspekt der Musik nennen könnte. Mir gefällt es, Visuals zu benutzen, um das Publikum noch näher an die Atmosphäre zu bringen, die ich mit der Musik erzeugen will. Ich fühle mich auch wohl ohne Visuals aufzutreten, aber ein begleitendes Video ist unterhaltsamer als einen Mann hinter einem Laptop anzuschauen.

Letzte Worte?

Bitte schaut euch https://josephcurwen.bandcamp.com/ an und wenn euch etwas gefällt, überlegt euch, ob ihr mich unterstützen wollt. Wenn euch gefällt, was ihr hört oder wenn ihr mich kontaktieren wollt, ich bin auf Twitter als @curwendrone.

Der ganze digitale Krach ist intendiert, danke fürs Zuhören.

Ebenfalls:

Granite Portal: https://graniteportal.bandcamp.com/
Dead End Street Band: https://thedeadendstreetband.bandcamp.com/
CHONYID: https://chonyid.bandcamp.com/

(M.G. & U.S.)