KINGDOM OF HEAVEN: XXIII

Es wäre eine interessante Frage für sich, warum es besonders in der amerikanischen Populärkultur immer wieder Musik gibt, die sowohl Elemente der Kirchenmusik enthält als auch an die Klänge von Jahrmarkt und Zirkus erinnert. Liegt es wirklich nur daran, dass beide Bereiche eine Affinität zu Orgeln haben? Hat Hollywood seinen Teil dazu beigetragen, da es in besseren Zeiten das Sakrale allzu gerne in unfreiwillig karnevalesker Form auf die Leinwand brachte? Oder gibt es so etwas wie eine geheime Verbindung zwischen diesen auf den ersten Blick so verschiedenen Heterotopien, in denen die Menschen für Momente Zuflucht Weiterlesen

HERBST9: Fragmentary

Das Doppelalbum „Fragmentary“ lässt sich als Livedokument wie auch als eine Art Werkschau des deutschen Duos betrachten, denn die 16 Tracks (inklusive fünf bislang unveröffentlichter Stücke) stammen so in etwa aus jeder Schaffensphase. Der dunkle Ambient, den Herbst 9 seit Ende der 90er auf einer Reihe von Alben gespielt haben, wurde durch Artwork und Titelgebung in Regionen verortet, die zeitlich und örtlich weit entfernt von unserem Habitat sind, Weiterlesen

DOC WÖR MIRRAN feat. CONRAD SCHNITZLER: Rojo

Ein eigenwilliges Kollektiv, das sich seit Jahrzehnten um einen nimmermüden Bandleader schart und dadaistische Soundkollagen irgendwo zwischen Industrial, freier Improvisation und Musique Concrete mit Art brut-Illustrationen und merkwürdigen Songtiteln kombiniert – die Rede ist nicht von Nurse With Wound, sondern von der deutschen Formation Doc Wör Mirran um den in Fürth lebenden Joseph B. Raimond. In der Vergangenheit beteiligten sich Größen wie Frans de Waard (Kapotte Muziek, Beequeen) und Asmus Tietchens an ihrer Musik, und gerade erscheint eine Weiterlesen

NIEDOWIERZANIE: Paradies

In dieser Welt ein Album nach dem Paradies zu benennen ist nicht nur ein starkes Stück, sondern geradezu ein Unding – es sei denn, das Album gestaltet sich als aufwühlende Klage, die die ganze Gewaltsamkeit transportiert, die dem Glauben oder auch nur dem Wunsch nach einem paradiesischen Zustand innewohnt und sich sehenden Auges gegen alle Abgeklärtheit sträubt, welche die Wirklichkeitserfahrung naturgemäß mit sich bringt. Léo Maury, besser bekannt unter dem Namen Niedowierzanie (Polnisch für „Misstrauen“ oder auch „Eifersucht“), bezeichnet seinen neuen Longplayer selbst als Lamento, als Weiterlesen

VALERIO COSI: Plays Popol Vuh

Tribute-Alben sind seltener geworden, was sicher auch daran liegt, dass die enorme Retrowelle, die sich schon in den 90ern ankündigte und im neuen Jahrtausend ganze Genres hervorbrachte, so langsam am Abebben ist und viele deshalb vor allzu deutlichen Referenzen zurückschrecken. Doch vielleicht ist dies ja gerade der geeignete Zeitpunkt, dem zwielichtigen Schwelgen in zitathafter Nostalgie eine Absage zu erteilen und stattdessen wirklich relevante Bezüge dezidierter aufzuarbeiten. Weiterlesen

DEISON & UGGERI: In the Other House

Der Topos des Spukhauses findet sich in den meisten Medien – oder wie es bezogen auf den Film Georg Seeßlen und Fernand Jung formulieren: „Vom verdammten Haus zu erzählen scheint dem Kino von Anfang an aufgetragen.“ In der Literatur hat Mark Z. Danielewski mit House of Leaves vielleicht einen postmodernen Endpunkt gesetzt und in der Musik war es der Ambient, der die Beschallung von Räumen teils im Titel trug (vgl. Brian Eno) und dessen uneheliches Kind das Attribut „Dark“ verwendete, um finsterste, nicht immer ganz klischeefreie Evokationen von unheilvollen Orten zu erzeugen. Weiterlesen

BODUF SONGS: Stench of Exist

Auch wenn sich die instrumentelle Gewandung immer mal ein bisschen verändert, man braucht nicht lange, um eine Boduf Songs-Platte zu erkennen. Ein knapp bemessenes Repertoire an simplen Gesangsmelodien an der Grenze zur Monotonie, ein paar wiederkehrende Gitarrenmotive, hier und da ein paar ambiente Spannungsmacher, Texte von trockener, spukhafter Abgeklärtheit – dass Mat Sweet damit nicht nervt, liegt nicht nur daran, dass seine späteren Alben etwas elektronischer ausfallen, oder dass ihn hierzulande kaum jemand kennt. Was immer er macht, macht er auf eine unnachahmlich Weiterlesen

DAVE PHILLIPS & HIROSHI HASEGAWA: Insect Apocalypse

Man müsste schon vollkommen unvertraut sein mit dem Werk von Dave Phillips und Hiroshi Hasegawa (Astro, C.C.C.C. u.a.), um bei einem knapp achtzigminütigen Dröhnen auf der Basis des Klangs tropischer Insekten etwas anderes zu erwarten als Irritation, Dramatik und zugleich so etwas wie „psychedelischen“ Wohlklang. „Insect Apocalypse“, das über ein längers Prozedere hinweg herangewachsen ist, kann außerdem als gelungenes Beispiel kreativer Arbeitsteilung gelten. Den unbeabsichtigten Grundstein zu dieser Kollaboration legte Phillips in mehreren Aufenthalten in Südostasien und Weiterlesen

TIMEMOTHEYE & THE SPECTRAL LIGHT: Grave Needs

In einem vor einiger Zeit veröffentlichten Interview sprach Timothy Renner davon, dass das Introspektive von Stone Breath, die Thematisierung von Spiritualität, langsam an einen Endpunkt komme, sich sein Schreiben verändere und er gab zu, dass die politischen Texte, die er mit seinem Crossoverprojekt Albatwitch schreibe, augenblicklich von ihm als „dringender” – vielleicht möchte man sagen “drängender” – empfunden würden. Weiterlesen

SOAPKILLS: The Best Of Soapkills

In einer der letzten Szenen in Jim Jarmushs „Only Lovers left Alive“ betreten die beiden Vampire Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton) ein Lokal im Marrokanischen Tanger, in dem gerade ein kleines Konzert stattfindet. Was sie zu sehen und zu hören bekommen, ist nicht etwa Sir Richard Bishop bei der Präsentation seines neuen Albums, sondern eine charismatische Sängerin, die mit ihrer Band ein schwermütiges Lied auf Arabisch vorträgt. Wie sehr die beiden von der Austrahlung der jungen Frau beeindruckt sind, merkt man nicht nur an ihrer Mimik, denn Adam sagt nur sinngemäß, dass er hoffe, dass sie nicht allzu populär werden wird. Ob es ihm um die Weiterlesen

EXPLORING JEZEBEL: On A Business Trip To London

Hätte der Wire über dieses Dominick Fernow-Album berichtet, wenn es bei einem ordinären Industrial-Label, sagen wir Freak Animal erschienen wäre? Vielleicht sind Phänomene wie Blackest Ever Black ja ein interessantes Experiment, insofern sie die These belegen, dass für die Bildung und Veränderung eines Kulturkanons der Rahmen immer wichtiger ist als das Bild oder was sich sonst so an Inhalt in ihm befindet. Wie dem auch sei, Fernow ist als treibende und in den meisten Fällen auch einzige Kraft hinter Hospital Productions, Prurient, Vatican Shadow und manch anderem längst Weiterlesen