SHARRON KRAUS – Interview

Seit einigen Jahren veröffentlicht die Britin Sharron Kraus solo oder mit anderen Tonträger, die verschiedenste Facetten des Folk ausloten. Ihre Stimme und die Stimmung ihrer Alben mögen manchmal an die Grande Dame des britischen Folk – Shirley Collins – erinnern (deren Einfluss auch von ihr selbst genannt wird), aber Sharron Kraus verleiht jeder Aufnahme etwas Eigenes, Unverwechselbares. Auf ihrer myspace-Seite spricht sie von “Murder ballads and insect incest”, was vielleicht ein Hinweis darauf ist, dass ihre Musik (auch) immer etwas mit den dunklen Seiten des Lebens zu tun hat, warum manche ihre Musik auch als “Gothic Folk“ tituliert haben. Sie verkörpert zudem die Verzahnungen bzw.  – um eine dem Thema angemessenere Metaphorik zu verwenden – die Verästelungen, die sich in der aktuellen [hier passendes Präfix einfügen] Folkszene finden. Gerade hat sie mit Gillian Chadwick (EX REVERIE) ein Album auf Camera Obscura unter dem Namen RUSALNAIA veröffentlicht, auf Important Records ist ebenfalls kürzlich das Debüt von TAU EMERALD (ein etwas experimentelleres Projekt, das Sharron zusammen mit Tara Burke von FURSAXA betreibt) herausgekommen. Mit Meg Baird und Helena Espvall von ESPERS hat sie ein Album mit Traditionals namens “Leaves From Off The Tree“  eingespielt (Greg Weeks von selbiger Band hat auch einiges zum RUSALNAIA-Album beigesteuert). Christian Kiefer und sie haben  das Album “The Black Dove“ veröffentlicht und während ihres Aufenthaltes in den vereinigten Staaten hat sie dort mit den inzwischen leider aufgelösten THE IDITAROD aufgenommen. Dies sollte nicht als Versuch verstanden werden, eine vollständige Liste ihrer Kollaborationen anzufertigen, sondern lediglich als Vermittlung  eines kurzen Eindrucks ihrer Vielseitigkeit.

Jüngst hat sie auf David Tibets Durto-Label ihr reguläres drittes Soloalbum veröffentlicht, auf dem erneut deutlich wird, dass Sharron Kraus’ Eigenkompositionen textlich wie musikalisch uralt zu sein scheinen und gleichzeitig nicht einzuordnen sind und nie wie eskapistische Anachronismen wirken.

In einem Interview im Dream Magazine hast du über deine Goth-Anfänge gesprochen. Denkst du, dass deine aktuelle(n) musikalische(n) Ausrichtung(en) in irgendeiner Weise davon beeinflusst (worden) sind?

Ich habe schon immer Musik mit dunklerer Thematik gehört, habe Schauerromane gelesen und diese Themen sind seit jeher in meine Musik eingeflossen, egal ob ich nun E-Gitarre spiele oder Banjo.

Inzwischen ist das Substantiv Folk mit zahllosen Präfixen versehen worden. Fühlst du dich mit irgendeiner der Bezeichnungen wohl?

Da Folk so ein weites Feld ist, denke ich, dass es ganz hilfreich sein kann, diese Präfixe zu haben. Ich fühle mich ganz wohl mit “dark“, “wyrd“, “psych“ etc., wenn diese in einem losen Sinn gebraucht werden. Letztlich wird jede Bezeichnung die Leute entweder dazu ermutigen, sich die Musik anzuhören oder nicht und wenn sie sich die Musik anhören, nennen sie sie so, wie sie wollen.

Beim Surfen im Internet bin ich über eine Band namens THE IDITAROD gestolpert, die mir sehr gut gefallen hat. Es hat sich dann herausgestellt, dass du mit ihnen getourt bist und auch mit ihnen aufgenommen hast. Vor einigen Monaten habe ich Timothy Renner interviewt, mit dem du auch schon aufgetreten bist. Dein neues Album ist auf David Tibets Label Durtro erschienen. Ich könnte jetzt noch weitere Verbindungen zwischen dir und anderen Musikern nennen. Das führt mich zu zwei Fragen: Denkst du, dass ein loses Netzwerk von gleichgesinnten Menschen wichtig für dich im Besonderen und für Musiker im Allgemeinen ist?

Zur ersten Frage: Ja. Diese Gemeinschaft oder dieses Netzwerk ist mir sehr wichtig. Es ist eine Freude zu reisen und andere Musiker zu treffen, zusammen auf Tour zu gehen, zusammen aufzunehmen etc. Ich bin zuerst durch Tony Dale von Camera Obscura mit THE IDITAROD in Berührung gekommen, als er mein erstes Album veröffentlicht hat. Ich hatte Interesse daran, in den USA zu touren und THE  IDITAROD waren gerade dabei, eine Tour zu planen und haben mich dazu eingeladen. Wir hatten solch eine tolle Zeit und wurden gute Freunde und dann beschlossen wir, zusammen aufzunehmen. Durch sie traf ich Brooke, Greg und Meg von ESPERS und blieb mit ihnen in Philly und schließlich zog ich dorthin. Dann traf ich Tara Burke (FURSAXA) und Gillian Chadwick (EX REVERIE) und mit beiden arbeite ich jetzt zusammen. Es dauerte länger sich einem Netzwerk Gleichgesinnter in Großbritannien anzuschließen, aber das geht jetzt los und ich verbringe mehr Zeit hier und die Netzwerke überqueren Länder und führen zu weiteren Reisen und dem Treffen mit neuen Bands – es ist ein endloses Abenteuer!

Zur zweiten Frage: Ich kann mir nicht vorstellen, nicht Teil eines Netzwerkes von Musikern zu sein – für mich hat Musik damit zu tun, dass man mit anderen zusammenspielt und dass man Freunde hat, mit denen man endlos über Musik sprechen kann und denen man Platten vorspielen kann, aber nicht alle Musiker arbeiten so: Nimm z.B. Jandek. Einige Musiker verlangen nach Isolation und schaffen ein Werk, das aufgrund dieser Isolation so einzigartig ist.

Diese Frage hängt eng mit der letzten zusammen. Sind Zusammenarbeiten notwendig um eine zu große Isolierung zu vermeiden? Sind Impulse anderer essentiell um die eigene Kreativität am Kochen zu halten? Was kannst du auf diesen Veröffentlichungen machen, was dir allein unmöglich wäre?

Ich denke, dass Isolation gut ist, aber Zusammenarbeiten sind auch gut. Wenn ich viel Zeit mit Musikerfreunden verbringe, kommt es einfach zu Zusammenarbeiten – es ist unmöglich nicht zusammen zu spielen! Und das Schöne ist, dass dabei Dinge passieren, sich Ideen entwickeln, die den einzelnen Personen für sich nie passiert wären. Es tritt das hervor, was William Burroughs als ‘third mind’ bezeichnet hat: Eine Wesensheit, die größer als die Summe der einzelnen Verstände der Menschen ist, die zusammenarbeiten.

Was kannst du über das demnächst erscheinende Album von RUSALNAIA auf Camera Obscura sagen?

RUSALNAIA ist ein Duo zusammen mit Gillian Chadwick, die in Philadelphia direkt neben mir wohnte und in einer Indie-Glamrockband namens GOLDEN BALL spielt und ein Gothic-Pop-Soloprojekt namens EX REVERIE hat. Wir begonnen damit, Songs zu schreiben, als ich dort lebte und wussten nicht, ob das funktionieren würde, da unsere Einflüsse und Projekte so verschieden waren. Aber die Songs, die wir schrieben, waren großartig und wir kamen gut miteinander klar und wurden enge Freunde. Wir hatten bei den Aufnahmen viel Spaß – wir haben in Greg Weeks’ Hexham Head Studio aufgenommen – und ich bin auf die fertige Platte sehr stolz. ”Rusalnaia“ ist der Name eines slavischen Festivals der Rusalki (bösartige Wassernymphen) und das schien die Energie und Bildlichkeit unserer Musik zu erfassen.

Wenn du ein Album aufnimmst, wie wichtig sind Details für dich?

Ich bin sehr sorgfältig und möchte die Sachen richtig machen, aber es ist meistens eher eine Frage des Gefühls als der Technik. Ich habe lieber eine Aufnahme, in der ein paar Fehler sind, die mir aber ein gutes Gefühl gibt als eine technisch perfekte, die emotional flach ist.

Auf “Leaves From Off The Tree” gibt es “The Derry Dems Of Arrow”, ein Lied, das seine Ursprünge in Schottland hat, aber in die USA gebracht wurde und zu etwas Neuem wurde. Du hast einige Zeit in den USA verbracht. Denkst du, dass die Folkszene dort anders als in Großbritannien ist? Würdest du bezogen auf “The Derry Dems Of Arrow” sagen, dass du es magst, wenn solche Transformationen geschehen?

Einige der Traditionals, die von Großbritannien aus in die USA gelangt sind, sind in Großbritannien ausgestorben und die einzigen Versionen, die wir noch haben, sind die amerikanischen. Die englische Folksongtradition profitiert sehr davon, dass sie sich bei den amerikanischen Sängern und ihren Versionen der Lieder bedienen kann. Ein gutes Beispiel dafür ist Shirley Collins, die mit Alan Lomax Lieder sammeln ging und dann ihre Versionen der Lieder aufnahm. Und heutzutage geschieht die gleiche Art des gegenseitigen Fruchtbarmachens. Als ich anfing aufzutreten und aufzunehmen waren meine musikalisch verwandten Geister hauptsächlich in den USA. Jetzt, da amerikanische Musiker wie ESPERS, Devendra Benhart, Joanna Newsom in den Medien präsent sind, wird die Folkszene in Großbritannien weiter verzweigt.

Wie wichtig ist Tradition für dich? Würdest du bezogen auf die letzte Frage sagen, dass Veränderung sehr notwendig ist?

Tradition um ihrer selbst willen und Widerstand Veränderung gegenüber ist keine gute Sache, aber Wiederholung und Zyklen sind für unsere Psyche wichtig. Die Lieder, die wir wiederholen und weitergeben, die Rituale, die wir aufführen, um das Vergehen der Zeit oder den Wechsel der Jahreszeiten zu markieren, sind wichtig. Zu sehen, wie jeden Frühling die Blumen aus dem Boden sprießen, bereitet mir große Freude. Ebenso als wenn ein neuer Sänger ein altes Lied auf seine ganz eigene Weise singt.

Warum hast du eigene Songs für “Right Wantonly A-Mumming” geschrieben? Hast du jemals daran gedacht “einfach” nur vorhandene Traditionals zu nehmen?

Ich singe viele Traditionals, die sich auf die Jahreszeiten beziehen, aber das Projekt, das ich im Kopf hatte und aus dem “Right Wantonly..“ wurde, hätte nicht mit Traditionals funktioniert. Ich wollte einen Songzyklus, der alle Jahreszeiten umfasste, nicht nur den Mai, die Ernte und Weihnachten – darauf beschränken sich englische Traditionals nämlich hauptsächlich. Außerdem wollte ich Lieder, die eher heidnisch als christlich waren und viele Traditionals verweisen auf Gott oder Jesus – selbst die Mailieder, bei denen es ums Herumwandern und um das Sammeln von Zweigen geht, beziehen sich auf “das Werk von Gottes Händen“! Deshalb musste ich meine eigenen Songs schreiben. Ich hoffe, dass die Menschen sie zusammen mit Traditionals singen. Hier im Oxford stehen die Folksänger am ersten Mai im Morgengrauen auf und singen Lieder um den Sommer zu begrüßen. Wir machen damit den ganzen Morgen weiter, darum ist Platz für viele Lieder – einige traditionell, andere etwas jüngeren Datums.

Deine Songs scheinen stark von traditionellen Texten beeinflusst zu sein (bezogen auf Thematik, Metaphorik etc.). Hast du den Eindruck, dass in solchen Texten all das steht, das im menschlichen Leben wichtig ist (Liebe, Geburt, Tod etc.)?

Mir ist es wichtig, dass meine Lieder ganz tief in die Psyche hineinreichen und hoffentlich die gleiche Wirkung auf den Hörer haben. Deshalb beziehe ich mich auf andere Texte oder Dinge, die die gleiche Wirkung auf mich haben: traditionelle Balladen, Märchen, epische Lyrik, Kinderbücher, surrealistische Kunst, magische Techniken, Drogen, Sex…

Du hast einmal gesagt, dass du “nicht etwas singen kann]st], wenn ich auf einer tieferen Ebene keinen Bezug dazu habe”. Gab es schon einmal ein Lied, das dich musikalisch, aber nicht textlich angesprochen hat – oder umgekehrt?

Da gibt es viele: Ein Beispiel ist, dass ich die Melodien und die Energie vieler religiöser Lieder mag – z.B. Gospels, Shape Note-Singen–, aber mir fällt es schwer Lieder zu singen, die einen Gott loben, an den ich nicht glaube und den ich nicht mag.

Kann ein Lied wie “The Prophet” auf deinem neuen Album auch in einem vagen politischen Sinn verstanden werden oder geht es einfach nur darum zu zeigen, dass jeder an sich selbst glauben sollte?

Hoffentlich kann dieses Lied – ebenso wie die anderen – auf verschiedene Weise verstanden werden!

The Fox’s Wedding” scheint (musikalisch wie textlich) etwas intimer als “Songs of Love and Loss” zu sein. Siehst du das auch so?

Ich war mir nicht bewusst, intimere Songs zu schreiben, deshalb weiß ich nicht, ob das Album textlich intimer ist, aber die Aufnahmen entstanden während eines längeren Zeitraums in Michael Tanners Wohnzimmer und seine Katze lief darin herum und klingelte mit ihrem Halsband, während wir aufnahmen. Ich denke, dass das Ergebnis ein intimerer Klang ist

Du hast mir erzählt, dass du A.S. Byatt sehr schätzt. Fühlst du dich ihr verbunden, weil sich in ihren Werken auch Verweise auf Mythologie und Märchen finden?

Ich denke, dass all meine Lieblingserzähler sich des Mythos bedienen oder Märchenlandschaften bewohnen: Byatt, Angela Carter, John Fowles, Iris Murdoch, Herman Hesse, etc. Wenn ich ihre Werke lese,  wird mir der Boden unter den Füßen weggerissen und alles verändert sich leicht. Farben verändern ihre Schattierung und werden intensiver – das Leben ist bis zum Rand voll mit unentdeckter Bedeutung. Ich denke, das ist, was Kunst, Fiktion, Musik tun sollte.

Noch etwas bezüglich A.S. Byatt: Im Dream Magazine hast du über Leute gesprochen, die an Gott oder das Übernatürliche glauben um Trost zu empfinden und du hast gesagt, es sei besser sie lebten im Hier und Jetzt. Es gibt eine Passage (ich glaube aus “Babel Tower” und ich bin ziemlich sicher, dass die Worte von Jude Mason gesprochen werden), in der eine Figur sagt, dass es  natürlich sei, dass Menschen Geschichten erzählen und Mächte erfinden. Er fügt dann an, dass er eine unnatürliche Anstrengung unternehme. Er blicke in die Dunkelheit und enthalte sich jedweder Vorstellung. Schließlich sagt er, dass es ein destruktiver Weg und die Belohnung karg sei. Denkst du, es liegt etwas Wahrheit in diesen Worten?

Ich denke, dass die Welt ein öder und böser Ort sein kann und dass es wichtig ist, dem Bösen und der Öde ins Gesicht zu blicken und ihre Existenz zu akzeptieren, man sollte es nicht nötig haben, die Lücke mit einem tröstenden Gott auszufüllen oder einer Art spiritueller Sicherheitsdecke. Aber diese Wahrheit zeigt nur die eine Hälfte des Bildes: Die Welt enthält Wunder und wenn wir lieben und geliebt werden, Schönheit um uns herum wahrnehmen können, in Wellen der Freude hochgeworfen werden, dann kann das Leben wundervoll sein.

Wie oft (wenn überhaupt) gibt es Übereinstimmungen zwischen Autorin und Sprecher?

Es muss etwas Überschneidung geben, aber diese kann winzig sein. Es gibt etwas Überschneidung zwischen mir als Autorin und meinen Figuren, aber sie sind nicht ich. Ich neige dazu, die Wahrheit etwas umzustellen und eine Geschichte zu erfinden, die im Kern noch etwas Wahres hat, aber sich in den Details unterscheidet. Andernfalls ist das langweilig und zumindest potentiell problematisch für die Menschen, über die man schreibt.

Ich fand es ganz nett, als du in den Linernotes zu “Fortune my foe” geschrieben hast, dass das Lied schon seit einigen Jahrhunderten existiert und dass du es im Internet gefunden hast. War es deine Absicht diesen Kontrast zwischen einem sehr alten Lied und einem recht neuen Medium zu verdeutlichen?

Ich habe da keine so ernsthafte Aussage gemacht, ich dachte nur, dass der Kontrast lustig sei!

Deine Veröffentlichungen haben in der Presse viel Lob erfahren. Wie stehst du Rezensionen gegenüber?

Ich mag ehrliche Rückmeldungen, egal ob gut oder schlecht.

Wie sieht es mit deinen Zukunftsplänen aus? Gibt es eine Chance, dich in Deutschland zu sehen?

Ich beginne gerade damit, eine Tour für Europa und die USA zu planen und würde gerne in Deutschland spielen, man kann also hoffen!

M.G., D.L., S.L.