Hinter dem scheinbar kryptischen Projektnamen verbergen sich Frederikke Hoffmeier, die als Puce Mary in den letzten Jahren dissonante Elektronik gespielt hat, und Jesse Sanes, der unter dem wagnerianischen Namen Liebestod ebenfalls gezeigt hat, dass er weiß, was atonal bedeutet. Als JH1.FS3 agieren die beiden weitaus weniger brachial, aber kaum weniger irritierend. Sie selbst sprechen davon, dass es um ein „cinema of the ear“ gehe und das ist vielleicht auch für das zweite Album der beiden nicht die schlechteste Beschreibung. Weiterlesen
Archiv der Kategorie: Reviews
AUDREY CHEN: Runt Vigor
Der Mund-, Nasen- und Rachenbereich ist eine Körperregion, die zahlreiche Geräusche produziert, und viele davon sind für das durchschnittliche Ohr weit weniger attraktiv als die vielleicht beliebtesten Äußerungen dieser Organe, das Singen und das Sprechen. Das leicht klebrige Geräusch von Lippen, die sich voneinander lösen, das noch nassere der Zunge, wenn sie den Gaumen kurz berührt, der Klang des Atems, wenn er in Keuchen, Hecheln oder Röcheln übergeht, oder wenn er durch die Weiterlesen
JULIA KENT: Temporal
Nach ihrem 2015 erschienenen Album “Asperities” hat Cellistin Julia Kent mehr als zuvor Musik zu verschiedenen Theater- und Tanzprojekten komponiert und im Livekontext aufgeführt – eine Erfahrung, die sie mehr als alles andere mit der Zerbrechlichkeit physischer Existenz konfrontiert hat. Im Unterschied zu ihr selbst als Musikerin, die immer wieder mit Cello und Weiterlesen
UNIVERSAL EYES / WOLF EYES: Two Civilized Centers
Auf Lower Floor Music wird dieses Split-Tape von Wolf Eyes, die nach dem Weggang des Gitarristen James Baljo nun als Duo aus John Olsen und Nate Young agieren, und Universal Eyes, dem inzwischen aus Aaron Dilloway, Gretchen Gonzales, Olson und Young bestehenden Projekt, veröffentlicht. Auch wenn die letzten Jahre von Wolf Eyes geprägt waren von einer klanglichen Reduktion und etwas weniger von Eruption und Brachialität, so war die auf den Tonträgern erzeugte Stimmung noch immer wenig optimistisch. Weiterlesen
V.A.: Anti-Mimesis
Das Andere Selbst operiert als Tape (and more)-Label seit etwa sechs Jahren im oft totgesagten DIY-Underground der deutschen Hauptstadt und ist das zweite Steckenpferd von Elia Buletti, der unter dem Namen Delmore FX kakophonisches der Marke „bedroom tribalism“ intoniert. Auf der vorliegenden Compilation, die für den ersten deutschen Cassette Store Day produziert wurde, versammeln sich ein Querschnitt der Künstler des Labels plus eine Reihe an befreundten bzw. ähnlich gearteten Musikern. Die Bandbgreite reicht von waghalsiger bis tanzbarer Elektronik über tribale Klangkollagen bis hin zu Weiterlesen
JEAN C. ROCHE: Birds of Venezuela
Unter Ornithologen, also Vogelkundlern, ist Jean C. Roché seit langem ein bekannter Name, gehen doch Aufnahmen zahlreicher Vogelstimmen aus mehreren Kontinenten auf die Arbeit des Franzosen zurück. Und die war ausgespochen arbeitsintensiv, denn es ist eine Sache, auf Forschungsreisen den Stimmen exotischer Vögel vor dem Hintergrund ihrer klanglichen Umgebung nachzuspüren, eine andere jedoch, die “Urheber” auszumachen und zu katalogisieren. Inwieweit solche Aufnahmen zu Forschungszwecken auch als Musik gelten können, ist eine Weiterlesen
SÍRIA: Cuspo
Manchmal entstehen umfangreiche Arbeiten aus kleinen Impulsen. Für Diana Combo, die Frau hinter dem Soundprojekt Síria und außerdem Sängerin, beginnt ihr Tape „Cuspo“ mit einem Auftrag. Ein Autor hatte sie gebeten, Patti Smiths „Gloria“ und einen eigenen Song für eine Theaterproduktion einzusingen. Während ihrer Suche nach passenden Stimmungen, Melodien und Texten entstand recht schnell ein ganzer Songzyklus, und als sie später vom Lissaboner Crónica-Label zu einem Auftritt eingeladen wurde, stand längst fest, dass das Material reif für ein Album war. Weiterlesen
TOMASZ BEDNARCZYK: Illustrations For Those Who
Mit seinem Händchen für sensible Klanggestaltung und schwermütige Melodien gilt Tomasz Bednarczyk seit seinen Anfängen vor fünfzehn Jahren als wichtiger Vorreiter der Welle an polnischen Ambient-Komponisten, die seit Jahren über Labels wie Idiosyncratic oder Zoharum vertrieben werden. Vor einigen Jahren jedoch hat Bednarczyk seine Fühler in andere Richtungen ausgestreckt und mehrere Technoacts ins Leben gerufen, zuletzt das recht erfolgreiche Projekt New Rome. “Illustrations For Those Who” ist sein Weiterlesen
TIMOTHY RENNER: Belsnickel
Zur Weihnachtszeit gab es schon des Öfteren spezielle Veröffentlichungen von Timothy Renner und vor Jahren hatte er das dronebasierte Album „SnowAngelsUndeathSong“ aufgenommen, welches er jetzt für „Belsnickel“, ein selbst so betiteltes „wintertime album“, überarbeitet und erweitert hat. Der Titel des Albums verweist auf den aus Süddeutschland („Pelzmärtel“) stammenden und von den Pennsylvania Dutch verwendeten Namen des vorweihnachtlichen Gabenbringers, der es bis in die amerikanische Version von The Office geschafft hat, Weiterlesen
V.A.: Girih. Iranian Sound Artists Volumes I – IV
Auf ganzen vier Tapes mit insgesamt zweiundvierzig Tracks präsentiert das Label Zabte Sote einen extensiven Einblick in die in unseren Breiten nur wenig bekannte, aber in den letzten Jahren zu beachtlicher Größe angewachsene experimentelle Musikszene Irans und ihrer Ableger im Rest der Welt, wo viele Iraner seit der Revolution Ende der 70er im Exil leben. Was jeden, der irgendein Faible für Noise, Soundart und experimentierfreudige Elektronik hat, beeindrucken muss, ist die große Bandbreite an kreativen Ansätzen, die diese lokale Community zu bieten hat. Weiterlesen
V.A.: Visions of Darkness (2CD-Edition)
Compilations, die eine Reihe verwandter Genres aus einem bestimmten, auf dem Musikglobus noch eher unerforschten Land abdecken, bilden unter neuen Tonträgern längst ein Segment für sich, und auch wenn solche Zusammenstellungen der Musik oft etwas von der verdiente Aufmerksamkeit bringen, besteht andererseits immer die Gefahr, dass sich nur die überschaubare Gruppe derer angesprochen fühlt, die aus Interesse am Fremden gerne mal über den eigenen Tellerrand schauen wollen. Weiterlesen
WALKER PHILLIPS: My Love Sunday
Plötzlich taucht scheinbar aus dem Nichts ein grandioses Album auf, das völlig aus der Zeit gefallen zu sein scheint: Walker Phillips schaut auf dem Cover als melancholischer Hippie so aus, als sei mit einer Zeitmaschine aus dem Haight- Ashbury der 60er gekommen – vielleicht hat er aber auch gerade bei Lord Summerisle vorbeigeschaut. Diese ganze Ambivalenz spiegelt sich auf „My Love Sunday“ wider, einem wunderschönen (Folk-)Album, auf dem sich Gegensätze sowohl innerhalb einzelner Stücke als auch zwischen den Songs zeigen (und vielleicht auflösen). Weiterlesen
DANIELA ORVIN: Home
Für die deutsch-israelische Künstlerin Daniela Orvin waren Ortswechsel lange ein normaler Teil ihres Lebens. Geboren in Berlin führten Familienumzüge und später Studienaufenthalte sie an verschiedene Orte in Israel, England und Deutschland, heute lebt sie dann auch wieder in Berlin. Seit vielen Jahren beackert sie mit Malerei, Klavierspiel und elektronischer Musik zudem mehr als nur ein kreatives Feld, was vielleicht ebenso zu einem Gefühl beiträgt, eher zwischen den Orten zu leben. Weiterlesen
J.H. GURAJ: Steadfast on our Sand (Music for a Documentary Film by ZimmerFrei)
Im niederländischen Wattenmeer, zwischen Ameland und Vlieland, liegt die längliche Insel Terschelling, die für ihre ausgedehnten Strände ebenso bekannt ist wie für ihren Artenreichtum und die auf eine lange Tradition zurückblickende Landwirtschaft. In der Nordsee-Region gilt sie als eine der Hochburgen des Organic Farming, und doch hat sich das Leben dort noch einiges von seiner Urtümlichkeit und seinen alten Bräuchen erhalten. Vor drei Jahren hat das Dokumentarfilmer-Kollektiv ZimmerFrei ein intimes und weitgehend wortloses Porträt des Ortes und seiner Weiterlesen
CÉLI LEE / MU: A Journal of Transform
Céli Lees Musik dröhnt so einlullend und subtil wie sanftes Abtauchen in eine Welt der Träume. Entspanntes Saitenpicking in sehnsüchtig entrückter Tonfolge erinnern an ambienten, wortlosen Dreampop – auch dann, wenn Feedback und Delay jedes Motiv früher oder später im Abstrakten auflösen, und in den ruhigsten Momenten musste ich sogar an Michael Cashmores „Sleep England“ denken. Das stimmungsvolle Rauschen von sanft angeschlagenen Becken gibt dem Downtemposound einen Hauch von Dark Jazz. Weiterlesen
WILLIAM BASINSKI / LAWRENCE ENGLISH: Selva Oscura
Mit vielen seiner Veröffentlichungen hat William Basinski die Grenzen von alten Arbeiten und neuen Kompositionen verwischt. Sein extensives Archiv mit Tapeloops aus den frühen 80ern dient ihm immer wieder als Klangmaterial für seine Kompositionen (zuletzt noch auf seiner Hommage an David Bowie). Keine seine Arbeiten hat mehr Resonanz erfahren als die vier Teile von „The Disintegration Loops“, die es inzwschen sogar bis ins New Yorker 9/11-Memorial geschafft haben. Weiterlesen
THE VEGETABLE ORCHESTRA: Green Album
Auf dem neuen Albumcover des in Wien lebenden Vegetable Orchestra prangt passend zur Jahreszeit ein dicker Kürbis, allerdings ist auf dem “Green Album” kein zu spät gekommener Helloweenspuk zu hören, sondern ein buntes Potpourri an launig angejazzten Ethnoklängen, die einen rund um den Erdball jagen, von den Anden über die Südsee bis in den Nahen Osten und den grünen Gürtel des “dunklen Kontinents” – nicht ohne kleine Abstecher in die urbanen Zentren der westlichen Welt. Weiterlesen
ACEZANTEZ: s/t
Als der Komponist Dubravko Detoni 1970 das Kollektiv Acezantez ins Leben rief, hatte er v.a. ein Live-Ensemble im Hinterkopf, das experimentelle Arbeiten von z.T. unbeachteten kraotischen Musikern der damaligen Zeit aufführen und somit etwas bekannter machen sollte – der nach etwas eigenwilligem Spanisch klingende Name ist dann auch eine Abkürzung und bedeutet übersetzt “Ensemble des Zentrums für neue Richtungen in Zagreb”. Immer mehr Virtuosen unterschiedlicher Streich-, Blas- und Perkussionsinstrumente beteiligten sich an dem Projekt, und mit der Zeit entwickelte es sich zu einem lokalen Weiterlesen
V.A.: Troum Transformation Tapes
Hommages an das Werk eines Künstlers kann manchmal das Stigma von Festschriften anhängen. Man hat noch einen Text/ein Stück Musik in der Schublade und steuert es bei – egal, ob es irgendeinen Bezug zum jeweiligen Oeuvre hat. Bei den Künstlern, die anlässlich des 20-jährigen Bestehens von Troum auf dieser Doppel-CD vertreten sind, ist dies sicher nicht der Fall, sind doch die meisten Troum und/oder dem Label Drone Records seit langen Jahren verbunden und geben die Linernotes Einblicke in ganz unterschiedliche Herangehensweisen. Weiterlesen