LITTLE ANNIE: Sing Don’t Cry. A Mexican Journey (Buch)

Little Annie, die in einer ganzen Reihe an Künsten unterwegs ist, ist keineswegs ein Chamäleon, auch wenn das gelegentlich behauptet wird. Wenn sie als Sängerin mit ganz unterschiedlichen Musikern von Crass bis Coil und Adrian Sherwood, von Larsen bis Baby Dee und natürlich Paul Wallfisch aktiv ist, spricht das zwar immer für einen flexiblen Draht zur kreativen Sprache anderer, und doch steuert sie dort stets ebenso viel von sich bei. Ihr Beitrag ist jedoch weit mehr als ihre mal forsche, mal etwas erschöpfter klingende Stimme in Alt. Ihr Name steht auch für eine ganz eigene elegante Abgewetztheit, einen ehrlichen, unbeschönigenden Optimismus und eine Stehauf-Mentalität, die auch den miesesten Szenarien noch etwas Kraftgebendes abzugewinnen weiß. All dies durchzieht auch Weiterlesen

EMANUELE DE RAYMONDI: Buyukberber Variations

Emanuele de Raymondi und Oguz Buyukberber haben schon in unterschiedlichen Konstellationen zusammengearbeitet, und wenn immer der italienische Komponist und der türkische Klarinettenspieler sich zu einem gemeinsamen Projekt entscheiden, laufen die verschiedensten Musiktraditionen zusammen. Ein roter Faden des an beiden Küsten der USA ausgebildeten Italieners ist das ständige Überlappen von klassischer Musik und zeitgenössischer elektronischer Klangkunst, die sich in orchestralen wie in klanglich reduzierten Werken manifestiert und gelegentlich ihre Anwendung bei Film und Theater findet. Buyukberbers Interesse gilt der Bassklarinette und ihren Weiterlesen

SWANS: The Seer

Als die Swans 1996 mit „Soundtracks For The Blind“ das letzte Studioalbum für 14 Jahre  veröffentlichten, waren das zwei CDs voller Loops, Collagen, Fragmente, ausufernder Stücke, die das vorwegnahmen, was später Postrock genannt werden sollte und auf gewisse Weise war das auch ein Eingestehen, dass man das, was musikalisch möglich war, ausgeschöpft und erschöpft hatte, ähnlich vielleicht wie das Spätwerk Shakespeares Theaterkonventionen und das, was zur damaligen Zeit aufführungstechnisch möglich war, sprengte. Weiterlesen

WOVENHAND: The Laughing Stalk

Als David Eugene Edwards in der Endphase von Sixteen Horsepower den Ableger Woven Hand ins Leben rief, war dieser noch als Soloprojekt gedacht. Und obgleich mittlerweile ein ereignisreiches Jahrzehnt ins Land gezogen ist und sich um den Namen schnell eine feste Gruppe formierte, blieb die Band für mich doch immer Edwards’ Band – das persönliche kreative Medium eines Charismatikers, neben dem andere Musiker automatisch verblassen, selbst wenn sie gut sind. Und in allen mir bekannten Fällen sind sie das. Weiterlesen

STEVEN SEVERIN: Vampyr

Es ist immer schwierig, einen Soundtrack zu beurteilen, den man nicht direkt im audiovisuellen Werkzusammenhang rezipiert hat, aber im Falle von Karl Theodor Dreyers „Vampyr“, dessen jüngste Vorführungen mit einem neu komponierten Score von Steven Severin versehen waren, habe ich die Geschichte und die Bilder noch recht gut in Erinnerung. Die Story, die unterschiedlichen Angaben zufolge entweder auf vagen Motiven von Joseph Sheridan LeFanu basiert oder (was ich aber etwas übers Knie gebrochen finde) auf dessen Erzählung „Carmilla“, ist vor allem eine Geschichte über das Hereinbrechen des Bösen Weiterlesen

THE GREAT PARK: Good And Gone

Stephen Burchs Veröffentlichungen waren immer wieder Thema auf dieser Seite, was sicher auch damit zu tun hat, dass er extrem produktiv ist, dabei stehen Künstler mit einem hohen Output häufig unter Verdacht, unter Legitimationszwang, ganz so als beeinträchtige Quantität zwangsläufig immer die Qualität. Natürlich arbeitet Burch als Singer/Songwriter mit einem festen Bestand an Mitteln und ein The Great Park-Song ist unter tausenden anderer Folkstücke sofort herauszuhören – so prägnant ist die meistens weit nach vorne gemischte Stimme, die die Texte gleichermaßen rezitiert als auch singt. Weiterlesen

CRIME AND THE CITY SOLUTION: A History Of Crime – Berlin 1987-1991

Um Simon Bonney, den Gründer von Crime and the City Solution und zugleich ihre einzige personelle Konstante, war es eine lange Zeit ausgesprochen ruhig, denn außer mit den Singer Songwriter-Alben „Forever“ und „Everyman“ machte der Sänger seit den frühen 90ern nur wenig von sich reden. Um so größer war die Überraschung, als er vor einigen Monaten die Wiedervereinigung seiner Band bekannt gab und ein neues Studioalbum ankündigte. Als Auftakt gibt es jedoch nicht bloß eine große Tour, denn die Reunion fällt glücklicherweise auch noch mit der von Mute initiierten „Introduction“-Reihe in einen Zeitraum Weiterlesen

MOON DUO: Circles

Was Konzepte angeht, kann Ripley Johnson ebenso gut ernsthaft wie sleazig, und beides bewies er erst letztes Jahr. Mit seiner Hauptband Wooden Shjips veröffentlichte er ein gewohnt krachiges Psych Rock-Album zum Mythos des amerikanischen Westens und zu zahllosen Stereotypen, welche die zweite kontinentale Besiedlungswelle, diesmal von Ost nach West, hervorbrachte. Es war insgesamt nicht gerade ein Loblied auf God’s Own Country, aber auch kein Wasser auf die Mühlen eines allzu platten Antiamerikanismus. Nach „West“ stand die „Horror Tour“-EP seines zweiten Projektes Moon Duo in den Regalen Weiterlesen

NINA SIMONE: The Ultimate

In ihrer Interpretation des „Sinnerman“, die zu den aufwühlendsten und mitreißendsten Liedern der Welt zählt, lieh Nina Simone nicht nur dem von Gott abgefallenen und verzweifelt um Erlösung flehendem Sünder ihre herbe Stimme – sie ließ das Gefühl kosmischer Unbehaustheit auch mit dem wütend in die Welt geschleuderten Wort „Power“ zusammenprallen. Dieses Hand in Hand-Gehen von Verzweiflung und Aufbegehren mag ein ganz ursprünglicher Zug der sogenannten negro spirituals sein (man denke an den „Freedom“ skandierenden Ritchie Havens während seiner Darbietung von „Motherless Child“ in Woodstock) Weiterlesen

ARIEL PINK’S HAUNTED GRAFFITI: Mature Themes

Selbstreferenz, spielerischer Umgang mit Zitaten, Ironie und immer wieder Ironie – dieses aus Moderneüberdruss jenseits des Reaktionären entstandene Konglomerat an Eigenschaften, das zirka seit den 60ern durch die akademisch geprägte Kultur geistert und zwanzig Jahre später den heute abgeluschten Stempel „postmodern“ bekam, verließ irgendwann die am Reisbrett entworfenen Biotope und landete im stets mehr sich selbst, dem Zufall und dem Markt überlassenen Bereich des Pop. Dort wurde es dann sogar ein bisschen authentisch, was nicht heißt, dass es die neunzig Prozent unserer Zeitgenossen, die Weiterlesen

LOCRIAN & CHRISTOPH HEEMANN: s/t

Ich weiß nicht wo und in welchem Zusammenhang sich die Wege von Christoph Heemann und dem amerikanischen Trio Locrian kreuzten, aber es sollte keine Begegnung ohne Folgen bleiben. Beide, der norddeutsche Klangbastler, der sich seine ersten Lorbeeren mit Bands wie Hirsche Nicht Aufs Sofa erspielte, und die jüngeren Kollegen aus Chicago mit ihrem ganz eigenen Klangbild zwischen organischem Ambient und Metal-Zitaten fernab jeder Rockattitüde – beide Projekte sind stets aufgeschlossen für ungewöhnliche Zusammenarbeiten. Weiterlesen

MUERAN HUMANOS: Culpable/Amuleto 7”

Laut knarrende Bässe, hämmernde Rhythmen, skandierte Slogans zwischen cooler Resignation und vitaler Rebellion – irgendwann in den letzten ein bis zwei Jahren hatte man vielleicht etwas zuviel von dem gehört, das Autoren wie Simon Reynolds aus Verlegenheit Post Punk nannten, und was zuerst Frische in unser bislang dröges Millenium brachte, erwies sich schnell als weitere Retro-Masche unter vielen. Leider. Mueran Humanos, die gerade mit der 7” “Give A Party” beweisen, dass ihr selbstbetiteltes Debüt keine Weiterlesen

MYRNINEREST: „Jhonn“, Uttered Babylon

Myrninerest, unter dem Namen, den die Outsider-Künstlerin Madge Gill dem sie kreativ leitenden Geist gab, und der im Current 93-Kontext erstmals auf dem ersten Teil der „InmostLight“-Trilogie, der Maxi „Where the Long Shadows Fall“, 1995 auftaucht, veröffentlicht Tibet, der sich auf diesem Album wieder David Michael nennt, zusammen mit James Blackshaw ein Album, das im Booklet als „Hallucinatory Cartoon Channelling of my Love for Jhonn Balance“ beschrieben wird. Für Tibet gibt es kein Stillstehen, wobei vielleicht die Gründung dieses neuen Projekts Weiterlesen

MAGDA MAYAS & CHRISTINE ABDELNOUR: Myriad

Klavier und Altsaxophon scheinen für einander geschaffen, zahllose Bandkonstellationen und Duette beweisen das stets aufs neue. Dass es im Bereich freier Improvisation immer noch möglich ist, neues und überraschendes aus ihrem Zusammenspiel herauszuholen, demonstrieren derzeit die Berliner Pianistin Magda Mayas und die in Frankreich lebende Saxophonistin Christine Abdelnour, bislang auch bekannt mit dem Zweitnamen Sehnaoui. Im Zuge ihrer häufigen Konzerte führte ihr Weg auch auf das Meteo Festival im französischen Mulhouse. Der bei Radio France übertragene Live-Mitschnitt ist im Rahmen der Unsounds-Reihe nun auch als Tonträger unter dem Titel „Myriad“ erschienen. Weiterlesen

HÈLÉNE CATTET & BRUNO FORZANI: Amer (DVD)

Es gibt verschiedene Arten, als Filmemacher von heute auf den italienischen Giallo zu referieren, und in den wenigsten Versuchen wird sich zugleich auf die typischen Genremotive als auch auf Aspekte des Plots, der visuellen Sprache und der hervorgerufenen Atmosphäre bezogen. Gemessen daran, wie stark diese heute allgemein verkultete Form des stilisierten Thrillers im Italien der 60er und 70er Jahre verwurzelt ist, ist das auch ganz gut so. „Amer“, der vor drei Jahren unter der Regie des Paares Hèléne Cattet und Bruno Forzani in belgisch-französischer Koproduktion entstanden und seit kurzem auch in Deutschland auf Weiterlesen

CONTAGIOUS ORGASM & TZII: Blind Shadows

Hiroshi Hashimoto und der Mann, der sich Tzii nennt, sind zwei unstete Geister, die sich ungern zu lange an einem Ort aufhalten. Der Japaner, besser bekannt als Contagious Orgasm, durchkreuzt seit einem Vierteljahrhundert die weitläufige Landkarte elektronischer Musik, und das beschränkt sich keineswegs auf die dunklen und krachigen Gefilde, mit denen man ihn meist assoziiert. Neben der Stilpalette von Ambient bis Rhythm Noise war stets Raum für Trippiges und für Ausflüge in diejenige Tanzmusik, die man einst mit dem Attribut „intelligent“ versah, neben Weiterlesen

SIX ORGANS OF ADMITTANCE: Ascent

Die mit Psych Folk nur unzureichend klassifizierten Six Organs Of Admittance gehören zu den Bands, die es in verschiedener und vor allem verschieden starker Instrumentierung gibt und die mal im rockigen, mal im akustischen Klanggewand antreten. Zuzüglich sämtlich denkbarer Zwischenstufen. Ben Chasny, Mastermind des Projektes, spielt nebenbei eine ebenso wichtige Rolle im Gitarrennoise-Trio Comets On Fire und ließ beide Gruppen schon mal kurzerhand für eine Konzerttour fusionieren, und doch waren Six Organs dabei immer noch Six Organs. Weiterlesen

NOVEMBER NÖVELET: Heart of Stone

Die großen Melancholiker und diejenigen im Galakthorrö-Kosmos, deren Musik am nächsten am Pop (im besten Sinne des Wortes) ist, veröffentlichen ihre inzwischen dritte EP mit vier neuen Songs, die in einer klanglichen wie textlichen Kohärenz emotionale Zustände in all ihrer Doppelbödigkeit illustrieren.

Das Titelstück wird von analogen Vintagesynthsounds durchzogen, die wie eine singende Säge oder ein Theremin klingen und den Eindruck erwecken, als werde die emotionale Versteinerung, die besungen wird, zutiefst bedauert; und emotionale Kälte ist eben oft (auch) eine (Über-)Lebensstrategie. Weiterlesen

V.A.: Reuse, Recycle, Remix (C-60 Tape, lim. 16)

Ich bin eigentlich kein Freund von so ganz strengen Limitierungen, aber der Legende nach soll es sich bei dieser Tape-Compilation mit einer Stückzahl von abenteurlichen sechzehn Exemplaren ohnehin etwas anders verhalten haben als üblich: Eine der beteiligten Personen, Gerüchten zufolge Flavio Rivabella, ein italienischer Soundart-Trompeter und Betreiber des verantwortlichen DIY-Labels, muss wohl sechzehn alte, verstaubte Tapes aus seiner Jugend gefunden haben, irgendwo in den Tiefen eines seit Ewigkeiten Weiterlesen