Musik zum Downloaden ist längst kein großes Ding mehr, sondern eher selbstverständlich. Während längst andere Säue durch die Dörfer getrieben werden, hat sich das Veröffentlichen im Netz seinen Platz an der Seite altbewährter Vertriebskanäle gesichert. Freilich trauert man gelegentlich den Zeiten hinterher, als es das alles noch nicht gab, und ist doch ohne Argwohn und spart sich den Ärger über den vermeintlichen Werteverfall postmaterieller Art. Stattdessen ist die Wertschätzung für prä-digitale Tonträger seit Jahren wieder im Wachsen, auch außerhalb der klassischen Nerdkultur wird wieder verstärkt Vinyl gekauft. Zeit, auch dem Medium Kassette mal wieder eine Referenz zu erweisen. Weiterlesen
SEX OFFENDER BOYFRIEND – Neue Kollagen von Philip Best
Auf der Eröffnung zu Philip Bests aktueller Ausstellung in Berlin hatte ich den Eindruck, dass die knapp vierzig Besucher mit dem musikalischen Werk des Künstlers weitgehend vertraut waren, also mit seinen Arbeiten unter der Flagge von CONSUMER ELECTRONICS und WHITEHOUSE. Und auch wenn die Veranstaltung ein bisschen wie der Anlass zu einem Klassentreffen wirkte, bei dem mehr Konversation geführt als Bilder bestaunt wurden, hatte ich doch den Eindruck, dass „Crowd Pleaser“ Best das Publikum auf seiner Seite hatte, und dass seine rund dreißig Fotokollagen durchweg Anklang fanden. Weiterlesen
WRAITHS: Dust in Our Mouths
„I will show you fear in a handful of dust“ T.S. Eliot
„The nethermost caverns […] are not for the fathoming of eyes that see; for their marvels are strange and terrific. […] Great holes secretly are digged where earth’s pores ought to suffice, and things have learnt to walk that ought to crawl.” H.P. Lovecraft
Labels wie Aurora Borealis sind die Heimstatt von Grenzgängern, die enge Genrekorsetts zu Recht sprengen: MENACE RUINE, WOLFMANGLER, BURIAL HEX, KTL oder SYLVESTER ANFANG II sind nur ein paar der Bands und Projekte, die in den letzten Jahren dort Alben veröffentlicht haben. Weiterlesen
CURRENT 93 – Interview (2010)
Current 93, die (selbstironisch so bezeichnete) „ultimative halluzinatorische gnostische Supergruppe“ um David Tibet, ist ein Universum, in dem seltsame Planeten herumschwirren, ein Projekt, das auch nach 27 Jahren (noch) zu überraschen vermag. Die Texte David Tibets sind auf den vergangenen drei Alben nach einer Zeit der Introspektion zu einer völlig eigenen und oftmals in ihrer Metaphorik und Bildlichkeit – „a heap of broken images“ heißt es in Eliots „The Waste Land“ – kaum zu durchdringenden Mischung aus Autobiographischem und Kosmischem geworden. Weiterlesen
KAL CAHOONE: Saints and Stars
Einige Leser dieses Magazins wissen mittlerweile, welche Stimme sich hinter dem Namen Kal Cahoone verbirgt und sind mit einem Teil ihres Werks vertraut, kennen ihre Stimme und ihr Pianospiel aus Gastbeiträgen bei Christian Basso, WOVEN HAND und Jay Munly, vor allem aber ihr grandioses “Esqueletos”-Album mit der Band TARANTELLA. Mit der Anfang letzten Jahres erschienenen EP “Built the Fire” zeigte sich die Sängerin mit der wandlungsfähigen Stimme von einer sehr getragenen, aber auch von einer klanglich zurückgenommenen Seite. Weiterlesen
WARPAINT: The Fool
Vor einiger Zeit wurde ich über eine unserer Plattformen auf eine kalifornische All-Girl-Combo namens WARPAINT aufmerksam und war ganz verrückt nach dem Song “Elephants”. Der Gesang erinnerte mich an einigen Stellen fast ein bisschen an Joanna Newsom, aber vielleicht lag das auch nur an der Entrücktheit, welche die hypnotische Gitarrenmelodie heraufbeschwor. Als es dann etwas fetziger wurde und der Song am Ende in einem Höhepunkt aus Schlagzeugwirbel und Gitarrenfeedback explodierte, hatte ich den Eindruck, dass es doch mehr war als das bekannte artrockige Allerlei. Weiterlesen
V. A.: The Devil In Love
Compilations sind eine seltsame und oftmals wenig befriedigende Art von Tonträger, da man sich häufig die sprichwörtlichen Rosinen aus dem Teig des Mediokren herauspicken muss. Noch etwas anders verhält es sich bei thematisch gebundenen Samplern: Die Gefahr liegt darin, dass sich ein paar Vertreter einer Subkultur einem dieser Subkultur vermeintlich angemessenen Thema widmen – einem Thema, das oft schon zum Klischee geronnen ist –, was zu einer – positiv gewendet – gewissen Kohärenz beiträgt, aber auch – böse (oder ehrlich) gesagt – zu einer ziemlichen Monotonie führen kann. Weiterlesen
NOUVELLE VAGUE: Coleurs sur Paris
Ich bekenne mich schuldig, auch ich gehöre zu denen, die NOUVELLE VAGUE bereits öffentlich als abgenudelt bezeichnet haben. Es ist aber auch schwer, mit einem so griffigen und eingängigen Konzept wie ihrer Neuinterpretation von Eighties-Songs im Easy Listening-Stil aufzuwarten, ohne irgendwann die Frage aufzuwerfen, wann es denn nun mal etwas anderes geben wird. Es ist schlicht zu originell um es mehrmals hintereinander mit dem gleichen Begeisterungseffekt zu machen. Und dennoch lässt sich die Musik der Band auch in der vierten Runde noch irgendwie mögen. Weiterlesen
LOVAC: Apes of a Cold God
Das etwas bizarre Cover – mit dem Gegensatz zwischen verpixeltem Panzer im Vordergrund und scharfen Bäumen im Hintergrund – lässt erst einmal nicht allzu viel Gutes vom Debüt der vier Schweden erwarten, allerdings ist der musikalische Gehalt dann doch wesentlich überzeugender – wenn auch nicht unbedingt weniger kontrastreich. Nach einem wenig originellen, verrauschten Ambientintro folgt mit „Murder“ eine rockige Neofolknummer, insgesamt eher an Naevus als an manch anderen Lagerfeuerbarden erinnernd, wobei der Sänger der Band etwas nach Interpols Paul Banks klingt. „March of Pride“ ist wesentlich elektronischer Weiterlesen
V.A.: Twenty Centuries Of Stony Sleep
Vor rund zwölf Jahren hatte der Norweger Rune Kristoffersen, einst Kopf einer Band namens FRA LIPPO LIPPI, die Idee, seine kreativen Ambitionen erneut zu verwirklichen. Dazu schrieb er allerdings weder ein Buch, noch formierte er eine weitere Band oder vollführte Kunstaktionen. Er gründete das nach seinem Vornamen benannte Label Rune Grammofon. Weiterlesen
FLYING HORSEMAN: Wild Eyes
Der Reiz jenes anderen amerikanischen Traums, der als Projektionsfläche für allerhand Sehnsüchte nach stilvoll verwegener Freiheit dient, scheint ungebrochen. Vom Marlboromann bis Mark Lanegan, von The Wild One bis hin zu Gothic Americana bildet diese Ausprägung von Folklore in all ihrer rebellisch-melancholischen Maskulinität eine fruchtbare Alternative zum Späthippietum der eher studentischen New Weird Americans, um die es zuletzt etwas ruhiger wurde, lässt gar Mischformen zu, wie etwa in Musik und Person eines Will Oldham, der beides zugleich verkörpert. Weiterlesen
THE OWL SERVICE – Interview
Der Boom des Weirdfolk ist seit einiger Zeit vorbei und es ist irgendwie beruhigend zu sehen, dass sich randständige Musik nun wieder (in Ruhe) (weiter-) entwickeln kann ohne dass die Aufmerksamkeit der Mainstreammedien solche kreativen Biotope in ein allzu grelles Licht taucht. Bei all den Kategorisierungsversuchen und mehr oder weniger originellen Wortneuschöpfungen (weird, wyrd, freak etc. folk.) der letzten Jahre wurde manchmal vergessen, dass es auch so etwas wie Folk ohne Präfix geben kann, wie THE OWL SERVICE – eine 2006 gegründete britische Band um Steven Collins, der auch unsere Fragen beantwortete – beweisen. Weiterlesen
BLACK MOUNTAIN TRANSMITTER: Black Goat of the Woods
Wenn H.P. Lovecraft noch leben würde und sähe, wie irgendwelche Okkultisten magische Systeme auf seinem nur bedingt kohärenten Götterpantheon aufbauen, würde „der Einsiedler von Providence”, der ein radikaler Materialist war, wahrscheinlich gequält lächeln – extremere Reaktionen hätten sich für einen Gentleman, als den er sich sah, wahrscheinlich nicht geziemt. Weiterlesen
SAND SNOWMAN: Nostalgia Ever After
Innerhalb des populärkulturellen Bewusstseins wird die Rubrik “Folk” heute wohl eher von amerikanischen Vertretern ausgefüllt. Warum das so ist, könnte der Stoff für lange Überlegungen sein. Vielleicht stehen die meisten Musikkonsumenten der amerikanischen Kultur einfach näher als der englischen, sei es im Guten oder im Schlechten. Vielleicht gibt es im amerikanischen Raum aber auch einfach mehr ambitionierte Labels, die sich relevanten Neuerungen auf dem Gebiet traditioneller Musik widmen. Weiterlesen
DEATH IN JUNE: Peaceful Snow
Die Beurteilung der DIJ-Veröffentlichungen der letzten Jahre wird von geradezu manichäischen Gegensätzen geprägt, gibt es doch einerseits diejenigen, die die einschließlich seit dem 2001 veröffentlichten Album “All Pigs Must Die“ gemachten Aufnahmen kategorisch als musikalisch wie ästhetisch wenig inspiriert abtun, andererseits die – primär die Adepten, die die DIJ-Mailinglist bevölkern – so an Douglas P.s Lippen hängen, als tropfe “Gottes goldenes Sperma“ von denselbigen und dabei jedes Wort und jede Veröffentlichung des Meisters so begierig aufsaugen, dass Kritikfähigkeit keinen Platz mehr hat. Weiterlesen
PREMATURE EJACULATION: Rise
Die Veröffentlichung von Material von Rozz Williams’ Experimentalprojekt geht in die sechste Runde. Hat man insbesondere im Noisegenre durch die Verfügbarkeit günstiger Datenträger oftmals den Eindruck, dass Bands wie z.B. Wolf Eyes jede noch so misslungene Jamsession veröffentlichen – ob das nun immer einen musikalischen Wert hat, muss man sich fragen-, ist der Ausgangspunkt bei der „Lost Recordings“-Reihe, Weiterlesen
MUNLY & THE LUPERCALIANS: Petr & the Wulf
Das russische Märchen von Peter und dem Wolf ist von Beginn an stark mit dem Medium Musik verknüpft gewesen – ist sein Stoff doch keineswegs volkstümlich, sondern die Erfindung des bekannten Komponisten Sergei Prokofjew, der auch die Musik dazu schrieb. Wahrscheinlich ist diese Musik, die in erster Linie als Hintergrundmusik zur theatralischen Lesung des Märchens gedacht war, sogar den meisten Leuten bekannt, sei dies durch ihre Verwendung im Werbefernsehen oder durch zahlreiche Interpretationen von Walt Disney bis Reinhard Mey. Jüngst widmete sich der amerikanische Sänger und Banjospieler Jay Munly dem Stoff und gründete dazu sogar eine eigene Band: die Lupercalians. Weiterlesen
HERRMANN KOPP: Under A Demon’s Mask
Eine Neuerung gibt es bei dem kleinen Label aus Braunschweig: Fanden sich in der Vergangenheit neben dem Hausprojekt HAUS ARAFNA oder dessen Ableger/Ergänzung NOVEMBER NÖVELET nur Künstler, die auf Galakthorrö debütierten, wird nun zum ersten Mal ein Musiker veröffentlicht, der eine (musikalische) Vergangenheit hat: Herrmann Kopp, der am bekanntesten für seine Soundtracks zu den beiden Buttgereit-Filme “Nekromantik“ und “Der Todesking“ sein dürfte, hat ein Album aufgenommen, das von seiner elektrischen Geige dominiert wird, die teilweise klingt, als würde Hermann Kopp ein Theremin spielen. Weiterlesen
TARA BURKE / FURSAXA – Interview
“O, mickle is the powerful grace that lies/In herbs, plants, stones, and their true qualities:/For nought so vile that on the earth doth live/But to the earth some special good doth give,/Nor aught so good but, strain’d from that fair use,/Revolts from true birth, stumbling on abuse./Virtue itself turns vice, being misapplied;/And vice sometimes by action dignified./Within the infant rind of this weak flower/Poison hath residence and medicine power:/For this, being smelt, with that part cheers each part;/Being tasted, stays all senses with the heart./Two such opposed kings encamp them still/In man as well as herbs, grace and rude will;/And where the worser is predominant,/Full soon the canker death eats up that plant.”
William Shakespeare, Rome and Juliet, II.3 Weiterlesen