Wenn sich in Disneys Trickfilm „Die alte Mühle“ das Unwetter legt, scheint es den Tieren egal zu sein, dass von dem Schauplatz, den sie ihr Zuhause nennen, nur noch eine Ruine übrig geblieben ist. Auch zwischen den nun etwas baufälligeren Wänden der Windmühle finden sie schnell wieder eine Unterkunft, und wenn die ersten Sonnenstrahlen den Ort erhellen, wirkt er beinahe wieder so heimelig wie vor dem Sturm. Das fröhliche Ende verdankt der knapp zehnminütige Streifen der Tatsache, dass hier die Natur – freilich eine sehr putzig vermenschlichte – der Protagonist ist, und den Zusammenbruch des Menschenwerks fast achselzuckend überdauert. Weiterlesen
JOSEPHINE FOSTER: I’m a Dreamer
Josephine Foster hat ein Album über das Träumen aufgenommen, das zugleich eine Hommage geworden ist an eine Zeit vor etwa hundert Jahren, als melodramatische Schlager und eine Frühform des Musicals noch Stil und Würde hatten – das ist durchaus keine allzu schlimme Nachricht, doch zugleich eine, über die jeder, der ihre Musik ein bisschen kennt, stolpern muss. War Foster nicht diese Sängerin mit der Thereminstimme, deren spröde Akustiksongs ihre Tiefe subtil offenbaren, ohne Schmalz und ohne Wucht? Deren Stimmungsbilder in dezenten Farbtönen daherkamen? Ausgerechnet sie soll sich nun der Weiterlesen
ROZZ WILLIAMS: Sleeping Dogs
Durch die in den letzten Jahren (wieder)veröffentlichten Aufnahmen von Rozz Williams’ Projekt Premature Ejaculation, die wir auch auf dieser Seite regelmäßig besprochen haben, wurde der experimentelle Teil des Werkes des Kaliforniers in den Mittelpunkt gerückt, wobei Williams’ (Ver)Kult(ung) natürlich primär auf dem Frühwerk von Christian Death gründete, durch das er zur Gothic-Ikone schlechthin wurde und Stoff für gleich mehrere Hagiographien lieferte, denn das 1982 erschienene Debüt „Only Theatre of Pain“ diente -gerade auch ästhetisch- als Blaupause für zahlreiche oftmals weniger inspirierte Bands. Dabei waren Williams’ musikalische Einflüsse und Interessen vielseitig(er) und ließen sich -zumindest dann, wenn es um Songorientiertes ging- oftmals klar in den 70ern verorten. Weiterlesen
MIRT: Rite Of Passage
Wenn „kritische“, eher europäisch gesinnte Geister von einem schöneren Amerika reden, meinen sie damit in der Regel nichts aus dem kulturellen Hauptstrom, sondern schwelgen im Urtümlichen, referieren auf Dinge wie den Appalachian Folk oder den Delta Blues, die bei ihrem Einzug ins Popgeschäft schnell einen guten Teil ihrer ästhetische Unschuld einbüßen mussten. Wagt man sich doch in populärere Gefilde, dann zählt der Highway-Mythos, der Generationen von Outlaws und Geschichtenerzählern zu einem verlorengegangenen Traum von Freiheit inspirierte, zu den beliebtesten Themen. Andere, verwandte Gangster- und Desperadomythen, spielen meist ebenfalls unter freiem Himmel, oft desnachts. Die Weite des Landes und das Fortbewegungsmittel der Wahl schaffen Weiterlesen
HOLGER CZUKAY: On The Way To The Peak Of Normal
Seit einigen Jahren macht sich Herbert Grönemeyer als Verleger mit der Wiederveröffentlichung bekannter und obskurer Releases aus den Annalen des Krautrock verdient. Zu den diesjährigen Wegmarken zählt u.a. das von großen Namen gespickte Conny Plank-Tribute, alsbald sollen die wenigen Aufnahmen des kurzlebigen Bandprojektes Les Vampyrettes wieder zugänglich gemacht werden, das der Produzent zusammen mit CAN-Bassist Holger Czukay betrieb. Auch von Czukay selbst ist die Neuauflage vergriffener Musik geplant, und den Auftakt macht sein zweites Soloalbum „On The Way To The Peak Of Normal”, das 1981 bei Electrola erschienen ist. Weiterlesen
MAURIZIO BIANCHI, MASSIMO CROCE, DBPIT & XXEENA: Isometrie Sonore
Maurizio Bianchi ist ein Beispiel dafür, dass ein legendärer Status auch seine Nachteile haben kann. Denn immer wieder trifft man durchaus an Industrial intressierte Hörer, die auch Jahre nach seinem Comeback davon ausgehen, dass der Norditaliener mit dem Kürzel MB der Musik bereits Mitte der 80er komplett abgeschworen habe und bestenfalls eine posthume Existenz als Wiederveröffentlicher führe. Das hat sicher damit zu tun, dass sein Image stark an die Zeit von Sacher-Pelz, Come Org. und die Jahre der frühen DIY-Releases gekoppelt ist. Ein Blick in seine Diskografie zeigt jedoch, dass er gerade in den letzten Jahren außerordentlich produktiv war und eine große Affinität zu Kollaborationen entwickelt hat. Weiterlesen
LAND OF KUSH: The Big Mango
Sehr szenisch beginnt diese Hommage an den „Big Mango“, wie die Ägypter ihre Haupttadt in Anlehnung an den „Big Apple“ New York nennen, und wenn man den vielen Berichten über die Stadt glaubt, dann ist der beste Einstieg in der Tat, sich relativ orientierungslos ins wilde Treiben zu stürzen. In dem Film, der hier vor geschlossenen Ausgen abläuft, erweist sich die Metropole Al-Qāhira ihrem Ruf entsprechend als Ort solch kruder Gegensätze, dass sich die heterogenen Eindrücke kaum auf etwas Typisches, auf einen verbindlichen Kern reduzieren lassen. Es sei denn, man versteht darunter die Heterogenität selbst und die Geballtheit der Herausforderungen an die Sinne. Weiterlesen
MAMUTHONES: More Alien Than Aliens
Das markante Wort Mamuthones wäre der ideale Bandname für eine doomige Post Metal-Kapelle – eine Assoziation, die sich nicht einmal allzu grob in der Richtung irrt, sondern nur knapp daneben zielt. Drummer Alessio Gastaldello, der zuvor bei der Band Jennifer Gentle die Felle schlug, rief das Projekt vor gut sechs Jahren ins Leben, um seinen Interessen an grummeligen Soundkollagen und rituellen Stimmungen nachzugehen, die mal eine rockige, mal eine experimentelle Gestalt annehmen. Recht schnell erkannten die Schreiber-Kollegen eine gewisse Nähe zu Goblin und diversen Krautbands, und natürlich fiel auch immer mal der allgegenwärtige Drone-Begriff. Weiterlesen
Es ist besser, ein guter Heide als ein schlechter Christ zu sein: Interview mit Hilmar Örn Hilmarsson
Es gibt wahrscheinlich keine kulturelle Szene, die so auratisch aufgeladen ist, wie die Islands, was natürlich auch mit den Assoziationen zu tun hat, die die kleine Insel oft hervorruft. Gleichzeitig lauert hier natürlich an jeder Ecke die Gefahr des Klischees, der Stereotypisierung und damit letztlich Simplifizierung. Insofern ist es gut, wenn man mit einem Künstler spricht, der ein nicht wegzudenkender Teil des musikalischen Lebens Islands ist, der fast von Anfang an, seit den frühen 70ern, die Musik dort (mit)geprägt hat und dessen Mitwirken in zahllosen Bands und Projekten verdeutlicht, dass die Zusammenarbeit ein elementarer Bestandteil der isländischen Kultur ist, wie Hilmar Örn Hilmarsson im folgenden Interview erwähnt. Weiterlesen
CABARET VOLTAIRE: Collected Works 1983-1985 (#8385)
Man kann sich heute kaum vorstellen, wie nah der Industrial mit all seinen Begleiterscheinungen in den besten Jahren der Eighties (die bekanntlich schon tief in den Seventies begannen) am elektronischen Pop war. Dass man SPK oder Psychic TV in einem Atemzug mit Soft Cell oder Depeche Mode nannte, Non und TG im gleichen Satz wie Fad Gadget oder The Normal, trägt nicht nur der Tatsache Rechnung, dass all diese Bands oft von den gleichen Leuten gehört wurden. Einige dieser Künstler arbeiteten auch zusammen, und letztlich war der frühe Industrial ohnehin viel poppiger und danciger, als das, womit die Folgegeneration Weiterlesen
OWN ROAD/MUTE SWIMMER: Old Tricks EP
Auf den allerersten Eindruck ist „Old Tricks“ eine dieser Split-Veröffentlichungen, die man auch als Release einer Gruppe mit zwei verschiedenen Sängern verkaufen könnte, hätte man die Own Road- und Mute Swimmer-Tracks lediglich nicht so sauber voneinander getrennt. Beide Interpreten folgen einem vertrauten Songwriterpfad, akustisch, stimmungsvoll, meditativ bisweilen, was sie jedoch kaum davon abhält, gelegentlich das Tempo anzuheben und mittels fetziger Akkorde und forschem Gesang energiegeladen zu klingen. Vielleicht liegt die größte Gemeinsamkeit in den Weiterlesen
ÄÄNIPÄÄ: Through A Pre-Memory
Dass der ewige Drone inzwischen Einzug in viele Bereiche populärer Musik gefunden hat, daran ist Stephen O’Malley sicher nicht ganz unschuldig, gab es doch in den letzten Jahren keine Musikpublikation, in der nicht in jeder Ausgabe mindestens einmal ein Verweis auf Sunn O))) zu finden gewesen wäre. Dies und die Tatsache, dass Genres, die mit (scheinbar) einfachen und begrenzten Mitteln arbeiten, vielleicht noch einmal besonders viele anziehen und (vermeintlich) inspirieren, hat dazu geführt, dass die Zahl der Nachahmer inzwischen Legion ist (und manche von diesen vielleicht ebenfalls in eine Schweineherde ausgetrieben werden sollten). Weiterlesen
LUCRECIA DALT: Syzygy
Nach all den traurigen Mädchen, die in den letzten Jahren von Musikindustrie und Presse wie Säue durch die Dörfer getrieben wurden, mag man kaum noch darauf hinweisen wollen, dass Lucrecia Dalt nicht nur eine virtuose Klangkünstlerin, sondern auch eine talentierte Sängerin und Songschreiberin ist. Die Kolumbianerin mit Wohnsitz in Barcelona und Berlin hätte aus ihren Alben „Commotus“ und dem neuen „Syzygy“ makellos runde Popwerke mit Auteur-Anspruch machen können, doch ihr stand der Sinn nach mehr. Ihre reduzierte Elektronik könnte sehr kühl und trocken ausfallen, doch auch das wäre ihr vermutlich zu gewöhnlich und vorhersehbar gewesen. Das Weiterlesen
MATT ELLIOTT: Only Myocardial Infarcation Can Break Your Heart
An Jess Francos launigen Vampirfilm “Doriana Grey” musste ich beim Cover von Matt Elliotts neuem Album aus einem eher oberflächlichen Grund denken – in beiden Fällen wird die verdrehte Doppelgängerallegorie, die einst einer Idee Oscar Wildes entsprang, von einer Frau verkörpert. Vielleicht ist es aber auch das spanische Flair von “Only Myocardial Infarcation Can Break Your Heart”, das mich auf solche Abwege geführt hat. Ich nehme vorweg, dass das zungenbrecherisch betitelte Werk des Engländers die beste Medizin gegen die diesjährigen Herbstdepressionen ist, aber ich sollte dazu sagen, dass mit Medizin hier keine musikalischen Baldriantropfen gemeint sind, sondern Weiterlesen
HERSCHELL GORDON LEWIS: The Lost Films (3-DVD-Box)
Man kennt Herschell Gordon Lewis vor allem über seine Gore-Filme. „Blood Feast“ und „Two Thousand Maniacs“ gehören nicht nur in jeden Nerd-Kanon, sie wurden auch im Cahier du Cinema zu den besten US-Filmen gezählt. Ob es nun eher der Farbenrausch in „The Gore-Gore Girls“ ist oder das abstruse Kammerspiel in „The Twosome Gruesome“, die ihn als auteur auszeichnen, bleibt Geschmackssache. Innerhalb seines Gesamtwerks von knapp vierzig Filmen (von denen knapp die Hälfte veröffentlicht wurde) nimmt das Gore-Genre, dessen große Zeit schon in den frühen Siebzigern vorbei war, keineswegs den größten Raum ein. Die Mediensatire in „The Wizard of Gore“ fand bspw. ihren Niederschlag in noch kritischeren Filmen, auch wenn man dieses Attribut Weiterlesen
M.I.A.: Matangi
M.I.A. zählt zu den ewig polarisierenden Grenzgängerinnen, und so wie es aussieht, wird sich dieses Image über die Jahre eher noch mehr verfestigen. Die einen feiern sie, vielleicht etwas naiv, als Heldin einer forschen Imperialismuskritik. Andere unterstellen ihr Doppelmoral und einen verkürzten Blick auf ihre Lieblingsthemen, ganz zu schweigen von ihrem Drang zur Selbstinszenierung. Eine dritte Gruppe sieht das alles nicht so eng, findet, dass eine Rapperin keine zweite Naomi Klein sein muss, würdigt die rotzige Riot Grrrl-Sexyness und sogar den eigentlich belanglosen Mittelfinger beim letztjährigen Superbowl, schon alleine, weil er der Hauptfigur Madonna die Show gestohlen hatte. Und Weiterlesen
Plants Are My Religion. Interview mit der Ikonenmalerin Olga Volchkova
Einigen unserer Leser ist Olga Volchkova vielleicht als Covermodell des letzten Albums von Crime and the City Solution bekannt, ihre eigentliche Berufung liegt allerdings in der Malerei und anderen Bereichen der Bildenden Kunst. Bei der Gruppenausstellung “My Icon”, die vor kurzem in Berlin stattfand, waren ihre Werke die einzigen, die dem Begriff der Ikone auf recht traditionelle Weiße wörtlich entsprachen. Die Darstellung der allegorischen Figuren, der Umgang mit Raum und Perspektive und nicht zuletzt die Techniken, auf die ihre Gemälde schließen lassen, erscheinen jedem vertraut, der sich schon einmal mit der Ikonenmalerei der christlich orthodoxen Kirchen, vor allem in ihrer russischen Ausprägung, befasst hat. Dennoch wird Weiterlesen
BARRIKAD: Through The Voice One Becomes Animal (Tape- und Lathe Cut-)EP
Fast wundert es, dass der Begriff der Barrikade in der weiten Welt des Post-Industrial nicht häufiger fällt, impliziert er doch eine Mehrdeutigkeit, die sich leitmotivisch durch unzählige Abspaltungen in der Nachfolge von Pionieren wie SPK windet. Man denkt an etwas Kämpferisches, an ein militantes Dagegensein, wenn jemand sprichwörtlich auf die Barrkaden geht. Ebenso radikal negativ, wenngleich auf ganz andere Art, verfährt der Verammelungsfanatiker (Thomas Bernhard), der sich verbarrikadiert und der Welt, der er den Rücken kehrt, ein wütendes „Out Out Out!“ entgegenschreit. Wenige Musikarten verorten ihr Nichteinverstandensein derart im Grenzbereich Weiterlesen
TOR LUNDVALL: Structures and Solitude
Wie wenige andere Künstler verfolgt der in Neuengland ansässige Lundvall seine Vision(en) auf eine Weise, die mit konsequent nur unzureichend beschrieben ist, denn sowohl visuell als auch musikalisch ist seine Handschrift sofort zu erkennen, erschafft er Bilder und Alben, denen in ihren somnambulen Charakter immer eine gewisse Ambivalenz innewohnt, sind sie doch numinos, scheinen sie dem Hörer bzw. Betrachter oftmals gleichzeitig sowohl ein Gefühl der Geborgenheit als auch des Unheimlichen zu vermitteln. Wenn man soweit geht zu sagen, dass seine bevorzugte Jahreszeit der (ewige) Herbst ist, so könnte man vielleicht von dem Zwielicht als von seiner bevorzugten Tageszeit sprechen, ein Zwielicht, in dem (manchmal) Figuren (ver)einsam(t) in der Landschaft stehen, treten sie in Gruppen auf, tragen sie meistens Masken, sind zwielichtige Geschöpfe. Weiterlesen