BOHREN & DER CLUB OF GORE: Piano Nights

Das Zeitalter der Retromanie, das testcard schon in den 90ern ausrief, brachte neben anderen Stilblüten auch das Phänomen der radikalen Drosselung hervor, bei der der Zugriff auf historische Musikstile in Zeitlupe erfolgt, was beim fertigen Resultat dann meist sehr cool und trocken klingt. Nicht wenige Hardcore-Kapellen mutierten im Zuge dessen zu Doom-Acts, und dass man nahezu jede Musikart durch Langsamkeit dekonstruieren kann, bewiesen mehr noch als die Herunterpitcher der Witch House-Fraktion die italienischen Surfrocker Heroin In Tahiti, die wie Link Wray auf Benzos klingen. Es gibt in dem Kontext keinen wichtigeren Namen als Bohren & der Club of Gore, die gerne als Weiterlesen

RLW & SRMEIXNER: Just Like A Flower When Winter Begins

Schlager – und in diesem Fall kann man/muss man natürlich über Geschmack streiten – sind ein Schlag ins Gesicht und man muss sich fragen, was schlimmer ist: die Geschmacksverirrten, denen es aber z. B. nicht peinlich ist, ihre Ergebenheit zu Michael Wendler, dem „König des Popschlagers“, in großen Lettern auf ihrem Auto zum Ausdruck zu bringen oder diejenigen, die entweder mit dem vermeintlichen Zaubertrick Ironisierung anderen weismachen wollen, Schlager würden von ihnen rein auf einer Metaebene goutiert oder aber hehre Gründe vorschieben (ähnlich dem einmal von Ralf König porträtierten Mann, der behauptet, sich Pornofilme aus rein soziologischer Motivation anzuschauen). Weiterlesen

LILI REFRAIN: Kawax

Noch in den 90ern lag zwischen Rock und Minimal Music ein Abgrund, und die Vorstellung, dass eine Musik beides zugleich sein könnte, wäre den meisten wohl absurd erschienen. Das änderte sich bekanntlich, als das Erbe von Pionieren wie LaMonte Young, schon weitergetragen durch Innovatoren wie Glenn Branca, im Mainstream ankam und die unterschiedlichsten Genres hervorbrachte. Lili Refrain zählt zu denen, die in beiden Welten zuhause sind. Ihre früheste musikalische Leidenschaft galt Rock und Metal, irgendwann entwickelte sie – die Auseinandersetzung mit Theorie wird ihren Teil dazu beigetragen haben – ein Interesse an der Repetition, am endlosen Weiterlesen

V.A.: Occulto Issue E (Magazin & Compilation)

Occulto ist ein englischsprachiges Magazin, dass sich einer sehr fundamentalen Definition des Okkulten verschrieben hat – okkult versteht sich hier im Sinne des Verborgenen, Geheimen, nicht ohne Anstrengung Sichtbaren. Das Magische, womit man das Okkulte landläufig gleichsetzt, ist allenfalls Teil dessen. Ein häufig wiederkehrendes Thema der Zeitschrift sind die unterschwelligen Verknüpfungen zwischen Kunst und Wissenschaft, was von einem naturwissenschaftlichen Blick auf kulturelle Erzeugnisse bis hin zur Erforschung ästhetischer Phänomene in den Nischen der Natur reicht. Der Blick auf das Verborgene vermag also auch den breiten Graben zu überbrücken, der sich in unserer arbeitsteilig ausgerichteten Kultur zwischen all diesen Wissensbereichen auftut. Das Okkulte Weiterlesen

ORCHIS: A Dream

Die Geschichte des World Serpent-Vertriebes ist eine Geschichte von Licht und Schatten, in deren Verlauf so manche musikalische Wegmarke gesetzt wurde, aber auch eine Reihe an mittelmäßigen Erzeugnissen zu Ruhm gelangten. Im Schatten der großen Namen, mit denen jeder Musikinteressierte heute etwas verbindet, gediehen auch eine Reihe an unscheinbareren Geheimtipps, die musikalisch oft etwas spröder waren und sich schwerer zuordnen ließen. In diese Gruppe gehörte auch die Folkband Orchis, die mit WSD besonders verknüpft war, da Mitinhaber Alan Trench zugleich eine ihrer treibenden Kräfte war. Weiterlesen

TAKATSUNA MUKAI: Śūnya

Sich auf eine Sparte, ein Genre oder eine Tätigkeit zu beschränken, war noch nie die Sache von Takatsuna Mukai, der bei Theater und Film ebenso zuhause ist wie in unterschiedlichen, meist für ihre Experimentierfreudigkeit bekannten Musikstilen. Wenn er nicht gerade Filmrollen (u.a. „Night Train“, „The Grudge 3“) übernimmt, widmet er sich seinen musikalischen Ideen als Komponist, Produzent oder Virtuose an diversen Instrumenten. Dass dieser Spannbreite nichts Unentschiedenes anhaftet, demonstriert einmal mehr sein aktuelles Album „Śūnya“, eine Sammlung von zwölf kollaborativen Arbeiten. In den jam- oder remixartigen Aufnahmen mit internationalen Künstlern entstand so etwas wie ein Kulminationspunkt seiner bisherigen Arbeiten. Zugleich Weiterlesen

MIA ZABELKA, ZARAH MANI & LYDIA LUNCH: Medusa’s Bed

Im alten Mythos ist Medusa – La Maledetta – die große Ausbremserin und in der Lage, jeden Enthusiasmus, jede Aufbruchstimmung ebenso zu Stein erstarren zu lassen wie den sterblichen Helden, der es wagt, in ihr durch einen Fluch erstarrtes Antlitz zu schauen. Wo die Medusa steht, ist die Grenze, die Sackgasse, in ihrem tödlichen Blick enden Geschichten. Die allerdings fallen nicht dem Vergessen anheim, vielmehr werden sie zu ihrem eigenen Monument. Doch wie so manches Fatum kann Medusa überlistet werden, und obwohl keineswegs von menschlicher, sondern von göttlicher Gestalt, ist auch sie sterblich. Weiterlesen

MAI MAI MAI: Theta

Toni Cutrone, der sein Soloprojekt Mai Mai Mai nennt, ist eine umtriebige Person und hat der Undergroundszene Roms schon in jungen Jahren seinen Stempel aufgedrückt. Gerüchte künden von einer Kindheit in der griechischen Ägäis und Reisen quer durch Europa und den mittleren Osten. Italiener rollen allerdings mit den Augen, wenn das zur Sprache kommt. Ein moderner Münchhausen? Das wäre bei jemandem, der meist mit Maske auftritt, nicht so verwunderlich, doch einige seiner Taten sind offiziell verbrieft: Sein rühriger Club, sein Label und die Bands Hiroshima Rocks Around und Trouble Vs. Glue, mit denen er Noiserock und ein Weiterlesen

VORTEX: Kali Yuga

Dark Ambient ist oftmals weniger Musik zum Beschallen von Räumen, sondern vielmehr der Versuch klanglich einen locus horribilis zu erzeugen. Dabei bietet sich eine Bezugnahme auf seit Jahrtausenden existierende Vorstellungen vom Ende der Welt natürlich besonders an. Diese Vorstellungen, die in krisenhaften Situationen „den Bewusstseinsmarkt und die Kulturindustrie“ (K.L. Pfeiffer) überschwemmen, werden häufig als apokalyptisch bezeichnet, dabei wird der Begriff Apokalypse als Synonym für Weltuntergang verstanden, damit allerdings seiner ursprünglichen Bedeutung (Enthüllung) beraubt, da vergessen Weiterlesen

COMPOUND EYE: Journey From Anywhere

„Journey From Anywhere“ ist nach dem sehr limitierten „Origin of Silence“ von 2012 das zweite Album des aus Drew McDowall und Tres Warren (Psychic Ills) bestehenden Projekts. McDowall war von Mitte der 90er bis zum ersten Teil von „Musick to Play in the Dark“ Mitglied von Coil und musikalisch bewegt sich Compound Eye auch in einem ähnlichen Universum wie diese. Weiterlesen

SHARRON KRAUS & HARRIET EARIS: Winter Songs, Caneuon Y Gaeaf

Sharron Kraus, die ursprünglich aus Oxfordshire stammt, verdankt ihr Wissen über traditionelle Musik auch ihrer Leidenschaft für das Reisen. Allerdings ist sie keineswegs eine Vagabundin, die an den jeweiligen Orten nur als Gast ihre Zelte aufschlägt, um alsbald wieder in neue Richtungen aufzubrechen. Gerne lebt sie in den Gegenden ihrer Wahl etwas länger, schlägt vorübergehend Wurzeln und nimmt sich die Zeit, Freundschaften zu schließen und etwas tiefer in die lokale Folkmusik einzutauchen. Zwar ist sie primär auf das Angelsächsische fokussiert, doch immerhin schließt das zwei Seiten eines Ozeans ein, weshalb ihre Musik Weiterlesen

LUBOMYR MELNYK: Windmills

Wenn sich in Disneys Trickfilm „Die alte Mühle“ das Unwetter legt, scheint es den Tieren egal zu sein, dass von dem Schauplatz, den sie ihr Zuhause nennen, nur noch eine Ruine übrig geblieben ist. Auch zwischen den nun etwas baufälligeren Wänden der Windmühle finden sie schnell wieder eine Unterkunft, und wenn die ersten Sonnenstrahlen den Ort erhellen, wirkt er beinahe wieder so heimelig wie vor dem Sturm. Das fröhliche Ende verdankt der knapp zehnminütige Streifen der Tatsache, dass hier die Natur – freilich eine sehr putzig vermenschlichte – der Protagonist ist, und den Zusammenbruch des Menschenwerks fast achselzuckend überdauert. Weiterlesen

JOSEPHINE FOSTER: I’m a Dreamer

Josephine Foster hat ein Album über das Träumen aufgenommen, das zugleich eine Hommage geworden ist an eine Zeit vor etwa hundert Jahren, als melodramatische Schlager und eine Frühform des Musicals noch Stil und Würde hatten – das ist durchaus keine allzu schlimme Nachricht, doch zugleich eine, über die jeder, der ihre Musik ein bisschen kennt, stolpern muss. War Foster nicht diese Sängerin mit der Thereminstimme, deren spröde Akustiksongs ihre Tiefe subtil offenbaren, ohne Schmalz und ohne Wucht? Deren Stimmungsbilder in dezenten Farbtönen daherkamen? Ausgerechnet sie soll sich nun der Weiterlesen

ROZZ WILLIAMS: Sleeping Dogs

Durch die in den letzten Jahren (wieder)veröffentlichten Aufnahmen von Rozz Williams’ Projekt Premature Ejaculation, die wir auch auf dieser Seite regelmäßig besprochen haben, wurde der experimentelle Teil des Werkes des Kaliforniers in den Mittelpunkt gerückt, wobei Williams’ (Ver)Kult(ung) natürlich primär auf dem Frühwerk von Christian Death gründete, durch das er zur Gothic-Ikone schlechthin wurde und Stoff für gleich mehrere Hagiographien lieferte, denn das 1982 erschienene Debüt „Only Theatre of Pain“ diente -gerade auch ästhetisch- als Blaupause für zahlreiche oftmals weniger inspirierte Bands. Dabei waren Williams’ musikalische Einflüsse und Interessen vielseitig(er) und ließen sich -zumindest dann, wenn es um Songorientiertes ging- oftmals klar in den 70ern verorten. Weiterlesen

MIRT: Rite Of Passage

Wenn „kritische“, eher europäisch gesinnte Geister von einem schöneren Amerika reden, meinen sie damit in der Regel nichts aus dem kulturellen Hauptstrom, sondern schwelgen im Urtümlichen, referieren auf Dinge wie den Appalachian Folk oder den Delta Blues, die bei ihrem Einzug ins Popgeschäft schnell einen guten Teil ihrer ästhetische Unschuld einbüßen mussten. Wagt man sich doch in populärere Gefilde, dann zählt der Highway-Mythos, der Generationen von Outlaws und Geschichtenerzählern zu einem verlorengegangenen Traum von Freiheit inspirierte, zu den beliebtesten Themen. Andere, verwandte Gangster- und Desperadomythen, spielen meist ebenfalls unter freiem Himmel, oft desnachts. Die Weite des Landes und das Fortbewegungsmittel der Wahl schaffen Weiterlesen

HOLGER CZUKAY: On The Way To The Peak Of Normal

Seit einigen Jahren macht sich Herbert Grönemeyer als Verleger mit der Wiederveröffentlichung bekannter und obskurer Releases aus den Annalen des Krautrock verdient. Zu den diesjährigen Wegmarken zählt u.a. das von großen Namen gespickte Conny Plank-Tribute, alsbald sollen die wenigen Aufnahmen des kurzlebigen Bandprojektes Les Vampyrettes wieder zugänglich gemacht werden, das der Produzent zusammen mit CAN-Bassist Holger Czukay betrieb. Auch von Czukay selbst ist die Neuauflage vergriffener Musik geplant, und den Auftakt macht sein zweites Soloalbum „On The Way To The Peak Of Normal”, das 1981 bei Electrola erschienen ist. Weiterlesen

MAURIZIO BIANCHI, MASSIMO CROCE, DBPIT & XXEENA: Isometrie Sonore

Maurizio Bianchi ist ein Beispiel dafür, dass ein legendärer Status auch seine Nachteile haben kann. Denn immer wieder trifft man durchaus an Industrial intressierte Hörer, die auch Jahre nach seinem Comeback davon ausgehen, dass der Norditaliener mit dem Kürzel MB der Musik bereits Mitte der 80er komplett abgeschworen habe und bestenfalls eine posthume Existenz als Wiederveröffentlicher führe. Das hat sicher damit zu tun, dass sein Image stark an die Zeit von Sacher-Pelz, Come Org. und die Jahre der frühen DIY-Releases gekoppelt ist. Ein Blick in seine Diskografie zeigt jedoch, dass er gerade in den letzten Jahren außerordentlich produktiv war und eine große Affinität zu Kollaborationen entwickelt hat. Weiterlesen

LAND OF KUSH: The Big Mango

Sehr szenisch beginnt diese Hommage an den „Big Mango“, wie die Ägypter ihre Haupttadt in Anlehnung an den „Big Apple“ New York nennen, und wenn man den vielen Berichten über die Stadt glaubt, dann ist der beste Einstieg in der Tat, sich relativ orientierungslos ins wilde Treiben zu stürzen. In dem Film, der hier vor geschlossenen Ausgen abläuft, erweist sich die Metropole Al-Qāhira ihrem Ruf entsprechend als Ort solch kruder Gegensätze, dass sich die heterogenen Eindrücke kaum auf etwas Typisches, auf einen verbindlichen Kern reduzieren lassen. Es sei denn, man versteht darunter die Heterogenität selbst und die Geballtheit der Herausforderungen an die Sinne. Weiterlesen

MAMUTHONES: More Alien Than Aliens

Das markante Wort Mamuthones wäre der ideale Bandname für eine doomige Post Metal-Kapelle – eine Assoziation, die sich nicht einmal allzu grob in der Richtung irrt, sondern nur knapp daneben zielt. Drummer Alessio Gastaldello, der zuvor bei der Band Jennifer Gentle die Felle schlug, rief das Projekt vor gut sechs Jahren ins Leben, um seinen Interessen an grummeligen Soundkollagen und rituellen Stimmungen nachzugehen, die mal eine rockige, mal eine experimentelle Gestalt annehmen. Recht schnell erkannten die Schreiber-Kollegen eine gewisse Nähe zu Goblin und diversen Krautbands, und natürlich fiel auch immer mal der allgegenwärtige Drone-Begriff. Weiterlesen