Gothic hatte schon von Anbeginn immer etwas Theatralisches und auf die Vergangenheit Gerichtetes: Man denke etwa an die Auftritte von Bauhaus, die durch die Beleuchtung an expressionistisches Kino erinnerten – nicht zufällig war die erste Veröffentlichung der Band eine (augenzwinkernde) Hommage an Bela Lugosi. Nik Fiend wirkte dank Schminke ganz so, als habe George A. Romero Mephisto auf Leinwand bannen wollen, die Nebelexzesse der Sisters of Mercy sind legendär und die Virgin Prunes, die natürlich nie in das enge (Genre-)Korsett passten, waren vielleicht die theatralischste all der Bands der frühen 80er. Weiterlesen
Archiv der Kategorie: Reviews
SALLY DOHERTY & PAUL KILVINGTON: Silent Spaces
Es gibt wohl kaum einen Musiker, der nicht irgendwann einmal als Fan angefangen hat und später auf die Idee kam, etwas ganz Ähnliches zu machen wie diejenigen, die das eigene empfängliche Gemüt mit so viel Bedeutung nährten. Bei eigenständigeren Künstlern spürt man die Einflüsse eher indirekt, und meist passiert es erst nach Jahren, dass jemand ein Tribute- oder Coveralbum aufnimmt, um alten Vorbildern die verdiente Ehre zu erweisen. Indirekt heißt das dann auch, dass man sich souverän in den eigenen kreativen Bahnen bewegt und es sich leisten kann, die Songs anderer zu spielen. Weiterlesen
MOON DUO: Horror Tour
Bislang waren es eher Grails und Holy Sons, die Psych Rock mit der Ästhetik alter Genrefilme kombinierten und dabei die Hörer gründlich überraschten: Sleaziges Artwork muss der Ernsthaftigkeit einer Musik keinen Abbruch tun, und das Resultat muss nicht mal ironisch wirken. Pünktlich zum 31. Oktober machen auch Ripley Johnson und Sanae Yamada mit ihrem Moon Duo einen Abstecher in die Welt trashiger Horror-Storys und schaffen somit einen Gegenpol zum letzten Wooden Shjips-Album, auf dem sich Johnson einem Highbrow-Thema, nämlich der Geschichte des Manifest Destiny widmete. Weiterlesen
WOLVES IN THE THRONE ROOM: Celestial Lineage
Erwartungsvoll stimmende Glocken, ein episches Keyboard, die ätherische Stimme einer Sängerin. Mit einem solchen Fantasy-Szenario beginnt „Celestial Lineage“, das neue Werk der amerikanischen Band Wolves in the Throne Room. Nachdem „Black Cascade“ vor rund drei Jahren vor allem ein infernalisches Gewitter aus Blast Beats und höllischem Gekeife sein wollte, knüpft die aktuelle Arbeit in Sachen Diversität wieder an „Two Hunters“ an, mit dem die Gruppe erstmals auch jenseits einschlägiger Subkulturen von sich reden machte und den Grundstein zu einem viel diskutierten Image legte. Weiterlesen
MOMICK: s/t (Vinyl-Edition lim. 500)
Bei Momick handelt es sich um ein noch recht junges Projekt, doch die beiden Betreiber Richard Moult und Michael Lawrence sind keine Unbekannten. Moult ist seit langem in verschiedenen Bereichen tätig. Wäre Magritte Landschaftsmaler gewesen und dazu Brite, dann hätten seine etwas dunkleren Gemälde vielleicht ein bisschen wie die des frühen Moult ausgesehen, der in seiner jüngsten Schaffensphase einen abstrakteren, doch nicht minder dunklen Stil für sich entdeckt hat. Weiterlesen
PREMATURE EJACULATION: Dead Whorse Riddles
Die sechzehn auf zwei CDs verteilten Tracks von „Dead Whorse Riddles“ (das Schachtelwort aus „whore“ und „horse“ verwendete Williams später als Titeltrack („Whorse“) als auch als Albumnamen („The Whorse’s Mouth“)) knüpfen an die bisher veröffentlichten Alben der „Lost Recordings“-Serie an, transzendieren sie aber auch zugleich: „The Nature of Pain“ schafft es durch das Zusammenspiel von Loops eine intensive Klangfläche zu erzeugen, in der die einzelnen Elemente sich zu einem Gesamten verdichten, das wie so oft bei Williams eine Atmosphäre der latenten Bedrohung ausstrahlt. Weiterlesen
DAIKICHI AMANO: Human Nature (Buch)
Ich bin weder ein großer Kenner der japanischen Kunst, noch wusste ich etwas über den 1973 geborenen Fotografen und Filmemacher Daikichi Amano, bis ich vor kurzem auf seinen Bildband “Human Nature” gestoßen bin. Darin werden weibliche Akte zusammen mit Meerestieren und Insekten zu Tableaus von seltsam morbider Erotik. Japan- und Erotica-Forscherin Agnès Giard stellt die Bilder in ihrem Vorwort nicht nur in die Tradition japanischer Erotikdarstellungen, sie zieht auch Vergleiche zu barocken Stilleben und Werken des Surrealismus. Rockstar Marylin Manson, ein Fan des Fotografen, beschrieb seine Motive etwas plakativ als Kombination aus Jean Cocteau und Jacques Cousteau. Weiterlesen
SHARRON KRAUS & MICHAEL TANNER: In The Rheidol Valley
Sharron Kraus und Michael Tanner alias Plinth arbeiten nicht zum ersten mal zusammen, schon auf Sharrons Album „The Fox’s Wedding“, seinerzeit bei Durtro Jnana erschienen, hinterließ der Brite als zweiter Gitarrist seine Spuren. Beide Künstler sind einer modernisierten Auffassung des Folk verbunden, beide loten dies jedoch auf ganz unterschiedliche Weise aus. Weiterlesen
DEATH GRIPS: Exmilitary
In Zeiten, in denen sich der Traum eines destabilisierenden Undergrounds entgültig ausgeträumt hat und es überdeutlich ist, dass die kleinen, experimentelleren Plattenfirmen und Musikernetzwerke den „Großen“ nur noch dazu dienen, in einen sowieso schon völlig übersättigten Markt mit neuen Stilrichtungen, und seien diese noch so kurzlebig, vorzustoßen und damit neue Absatzmärkte zu erschließen, in Zeiten wie diesen braucht die Welt ein neues Hip Hop–Album in etwa so dringend wie eine neue Fressbude. Weiterlesen
KING DUDE: Tonight’s Special Death
Von Thomas Jefferson Cowgill, auch bekannt als King Dude, haben die meisten wohl erst vor kurzem Notiz genommen, doch schon gilt er als umstrittener Künstler und wird kontrovers diskutiert. Umstritten und kontrovers aber keineswegs, weil er Dinge machen würde, die man als anstößig betrachten müsste. Viel eher geht es um Fragen seiner Rezeption: Wie sehr hat die Welt eigentlich auf King Dude gewartet? Ist um ihn am Ende noch ein Hype am entstehen, und wenn ja, wie sehr hätte er den verdient? Weiterlesen