MAURIZIO BIANCHI, MASSIMO CROCE, DBPIT & XXEENA: Isometrie Sonore

Maurizio Bianchi ist ein Beispiel dafür, dass ein legendärer Status auch seine Nachteile haben kann. Denn immer wieder trifft man durchaus an Industrial intressierte Hörer, die auch Jahre nach seinem Comeback davon ausgehen, dass der Norditaliener mit dem Kürzel MB der Musik bereits Mitte der 80er komplett abgeschworen habe und bestenfalls eine posthume Existenz als Wiederveröffentlicher führe. Das hat sicher damit zu tun, dass sein Image stark an die Zeit von Sacher-Pelz, Come Org. und die Jahre der frühen DIY-Releases gekoppelt ist. Ein Blick in seine Diskografie zeigt jedoch, dass er gerade in den letzten Jahren außerordentlich produktiv war und eine große Affinität zu Kollaborationen entwickelt hat.

Für die LP „Isometrie Sonore“, die dem Titel nach der Auslotung räumlicher und körperlicher Sounderfahrung gewidmet ist, hat der Mailänder sich mit drei Klangbastlern aus Rom zusammengetan, die zugleich für die große Produktivität der jüngeren Generation italienischer Experimentalmusiker stehen. Auf der ersten Seite gibt es drei Duette mit MB als Konstante, die zweite enthält ein ausgedehntes Jam, an dem alle Beteiligten mitwirken. Als Bonus liegt den ersten dreißig Exemplaren ein Tape bei, das von allen Teilnehmern ein Solostück enthält. Den Auftakt bildet ein entspanntes Ambient-Duett mit der Musikerin und Künstlerin Arianna Degni alias xXeeNa. Mit Wellenrauschen und dem manipulierten Klang eines Tasteninstruments ist das leicht mediterran angehauchte Stück einer Ästhetik des Schönen verpflichtet, ein geheimnisvoller Flötenklang verleiht ihm ein exotisches Flair. Nur kleine Geräuschdetails, die entfernt an Küsse erinnern, sorgen für Minimalverfremdung.

Das Zusammenspiel mit Flavio Rivabella (DBPIT) liefert dazu einen markanten Kontrast. Eine virtuelle Splitlawine, die im steten Takt immer lauter gegen eine Wand kracht, lässt Vivenza- und De Fabriek-Zeiten aufleben, bevor das übersichtliche Klangbild vom breiigen Soundchaos verschlungen wird. Gleitenden, fast feierlich gestimmten Ambient bietet das Duett mit Massimo Croce, das mit der Zeit etwas grobkörniger wird und die Illusion verzerrter Stimmen anklingen lässt. An dieses Stück knüpft auch das rund fünfzehnminütige Quartett an, das die zweite Seite füllt, ein infernalischer Höhenflug voll mit babylonischem Stimmengewirr und anderen Überraschungen.

Fast ist es etwas schade, dass die auf Tape gebannte Compilation en miniature nur dreißig Abnehmer finden wird, denn auch die Solostücke wissen zu gefallen. MBs „Biiettiva“ basiert auf einem wie aus der Ferne wahrgenommenen Fabrikhallensound, stetes Donnern, Schleifen und Rauschen verdecken nur notdürftig den geheimnisvollen Klang undefinierbarer Instrumente. Rivabellas „People“ gebärdet sich – inklusive der obligatorischen Trompete – ebenso subtil. Trotz Titel und Vocals handelt es sich um keine Coverversion, auch soll hier kein amerikanischer Kapitalismus vor den Nutzlosen gerettet werden. XxeNa überzeugt mit forschen Spoken Words über einem frickeligen Klanggerüst, Croce huldigt zuguterletzt einem großen literarischen Helden, dem Anti-Sisyphos Oblomov, durch feingemusterten, gleichtenden Ambient, dessen gläserne Flächen dem Thema entsprechend auch mal etwas verspielt und „regressiv“ daher kommen dürfen.

„Isometrie Sonore“ ist sicher nicht das einzige, aber ein durchaus gutes Beispiel dafür, dass Musik in der Industrial-Tradition sich weiterentwickeln kann, ohne die Ursprünge komplett hinter sich lassen. Geht die Entwicklung in Richtig Ambient, ist weit mehr möglich als pure Entspannungsmusik oder pseudocineastischer Düsterkitsch. Ob bei Tesco und Final Muzik noch Exemplare des Tapes zu finden sind, kann ich nicht garantieren, aber zumindest gingen die letzten Gerüchte in diese Richtung. (U.S.)

Label: Dischi Gatto Alieno/Arte Nel Rumore/Ozky E-Sound