HANS JOACHIM ROEDELIUS & LEON MURAGLIA: Ubi Bene

Von den Vertretern der elektronischen Avantgarde, die in den 70ern in musikalischer Nachbarschaft des Krautrock und regional vor allem in Berlin entstanden ist, gehört der heute 80jährige Hans Joachim Roedelius (Kluster, Cluster, Harmonia, Aquarello) eindeutig zu den produktivsten, gerade in den letzten Jahren erschienen zahlreiche Veröffentlichungen, die derart stark an sein früheres Schaffen anknüpfen, dass man nur schwer von einem zweiten Frühling oder überhaupt einem separaten Kapitel seiner künstlerischen Biografie sprechen kann. Das jüngste Werk “Ubi Bene” entstand in Zusammenarbeit mit dem wesentlich jüngeren Producer und DJ Leon Muraglia und enthält zwölf Tracks zwischen flächigem Ambient, nosigen Ansätzen und anrührenden Pianopassagen.

Die verschiedenen Zutaten, die einen breites Spektrum zwischen zeitgemäßer und retronostalgischer Elektronik ebenso abdecken wie sie alle Register zwischen gleitend und tanzbar ziehen, sind recht gleichmäßig verteilt, und jede Facette hat ihre speziellen Momente – schon deshalb muss jeder Einstieg hier irreführend sein. Die an Ethnobeats mit dem Gummiknüppel erinnernden Takte, die den Opener “Kurhaus Skinnydip” einleiten, stimmen auf geschliffene elektronische Tanzmusik ein, die schon bald durch vollkommen anders ausgerichtete Ambienttracks und Stücke mit akustischem Schwerpunkt abgelöst werden, die sich als nicht weniger wesentlich in dem Soundmosaik von “Uni Bene” erweisen werden. In seiner Kombinatorik aus minimalen Takten und einer ansonsten satten und eher warmen Klangfülle verspricht der erste Track jedoch nicht zu viel, denn dies erweist sich schnell als ein unterschwelliges Leitmotiv. Im von einem melancholischen Jazzpiano geprägten “She Had Always Loved Vienna” kombinieren Roedelius und Muraglia sogar Hall und Dichte zu einer scheinbar paradoxen Struktur.

In Laufe der zwölf Kompositionen, in denen entrückte Flächensounds auf Rauschorgien, fast postrockige Piano- und Gitarrenpassagen und verzerrtes Brummen treffen, entsteht immer mehr der Eindruck, dass das eigentlich verbindende Element in einer entspannten Genügsamkeit zu finden ist, die sich nicht nur atmosphärisch durch das komplette Album zieht, sondern die unterschiedlichsten Elemente erst miteinander zu integrieren vermag – ubi bene heißt im Lateinischen so viel wie “Wo es gut ist”, und das passt tatsächlich ganz gut zu dieser Eigenschaft. Titel wie “Cloud Iridescence”, “A Nostalgia for Lollipops” oder “Surfaces that appear to change”, die mit symbolischen Assoziationen ein reichhaltiges Setting entstehen lassen, tun ihr übriges. Das Stück erscheint in einer Auflage von 750 Doppel-LPs inklusive DL-Code. (U.S.)

Label: Passus Records