NIEDOWIERZANIE: Atalante

In den letzten Jahren ist Leo Maury mit Niedowierzanie und diversen Zusammenarbeiten äußeres produktiv gewesen, und man kann sich den introvertierten Kauz gut in einem abgedunkelten Appartement vorstellen, wo er zwischen Weltschmerz und Hyperaktivität ständig an neuer Musik bastelt. Was dabei herauskommt erreicht immer wieder den Umfang und die Stimmigkeit eines Albums, anderes dagegen bleibt Einzelphänomen und landet vielleicht auf seiner Soundcloud. Die Aufnahmen, die vor kurzem unter dem Titel „Atalante“ auf Bandcamp erschienen sind, entstanden vor knapp vier Jahren in der Zeit nach der Veröffentlichung des Albums „Felicidae“. Auf den ersten Eindruck wirken die Stücke recht heterogen, weshalb man in den ersten Minuten noch eine Sammlung von Outtakes vermuten könnte. Doch es gibt einige rote Fäden, die sich erst mit der Zeit etwas deutlicher zu erkennen geben.

Eine besondere Qualität des Albums, das nach der jungfräulichen Jägerin Atalante aus dem griechischen Mythos benannt ist, besteht darin, dass hier recht unterschiedliche Aspekte des Niedowierzanie-Sounds auf engem Raum miteinander verknüpft werden. In den Worten Maurys verbinden sich hier Abstract paranoïa wave, Necro electronic soundscapes, Psychedelic Foklore und Zonder Pop so selbstverständlich wie nie zuvor. „Bastante Tonto“ eröffnet die Sammlung mit einem verwunschenen Mandolinenloop und stimmt auf eine entrückte Stimmung ein, der die gehauchten Vocals, die von einem Frauenchor aus einem Soundtrack der 70er stammen könnten, die Krone aufsetzen. Schmissiger, aber ebenso weltenthoben der Titeltrack, bei dem das Mandolinenidyll von einer unterschwelligen Nervosität durchdrungen ist, die von schrägen Stimmen und grummelnden Bassounds noch untermauert wird.

In der Folge werden sämtliche Register des Niedowierzanie-Repertoires gezogen: bedrohliches Rauschen und elektrifiziertes Zirpen in „Beluga“, wobei man im Hintergrund immer wieder ein Ringen um Harmonie gewahr wird, sei es durch die kontrollierten Takte, sei es durch die verzweifelt gegen den Lärm anklingenden Saiten mit ihrer lieblichen Melodie; eratische Kombinatorik aus folkiger Melancholie und vertrakten elektronischen Beats in „Casimir“; Dubsounds, die direkt aus einem im Meer versunkenen Jahrmarkt gechannelt scheinen, in „Jerusalem“; mediterraner Cold Wave in „Alma de Cristal“; griechisch anmutendes Saitenspiel in „Radio Zindegi“; Eispickel und fingerstyle in „Karkamal“, das fast Neofolkstimmung aufkommen lässt.

Folkige Zutaten mit mediterranem Kolorit kommen in fast allen Aufnahmen von Niedowierzanie vor, doch nie stand die Mandoline – zu Ungunsten des Cello übrigens, ebenso zu den urigeren Klangkollagen auf „Paradies“ – derart im Vordergrund. Auf „Atalante“ erinnert sie, was beim Titel nicht wundert, stark an griechische Musik, wobei keineswegs der Eindruck entsteht, dass die Kompositionen in einer bestimmten, klar ortbaren Tradition stehen, und gerade die verwunschene Entrückheit der Klänge schlägt dabei ohnehin die Brücke zu anderen Alben des Künstlers. Chrakteristisch an der Umsetzung ist die fast durchgehende Kombination mit an Cold Wave erinnernde Electronica, womit quasi zwei bei Niedowierzanie oft getrennte Stilelemente verbunden werden. (U.S.)

Bandcamp