Bislang waren es eher Grails und Holy Sons, die Psych Rock mit der Ästhetik alter Genrefilme kombinierten und dabei die Hörer gründlich überraschten: Sleaziges Artwork muss der Ernsthaftigkeit einer Musik keinen Abbruch tun, und das Resultat muss nicht mal ironisch wirken. Pünktlich zum 31. Oktober machen auch Ripley Johnson und Sanae Yamada mit ihrem Moon Duo einen Abstecher in die Welt trashiger Horror-Storys und schaffen somit einen Gegenpol zum letzten Wooden Shjips-Album, auf dem sich Johnson einem Highbrow-Thema, nämlich der Geschichte des Manifest Destiny widmete. Weiterlesen
Archiv der Kategorie: Reviews
WOLVES IN THE THRONE ROOM: Celestial Lineage
Erwartungsvoll stimmende Glocken, ein episches Keyboard, die ätherische Stimme einer Sängerin. Mit einem solchen Fantasy-Szenario beginnt „Celestial Lineage“, das neue Werk der amerikanischen Band Wolves in the Throne Room. Nachdem „Black Cascade“ vor rund drei Jahren vor allem ein infernalisches Gewitter aus Blast Beats und höllischem Gekeife sein wollte, knüpft die aktuelle Arbeit in Sachen Diversität wieder an „Two Hunters“ an, mit dem die Gruppe erstmals auch jenseits einschlägiger Subkulturen von sich reden machte und den Grundstein zu einem viel diskutierten Image legte. Weiterlesen
MOMICK: s/t (Vinyl-Edition lim. 500)
Bei Momick handelt es sich um ein noch recht junges Projekt, doch die beiden Betreiber Richard Moult und Michael Lawrence sind keine Unbekannten. Moult ist seit langem in verschiedenen Bereichen tätig. Wäre Magritte Landschaftsmaler gewesen und dazu Brite, dann hätten seine etwas dunkleren Gemälde vielleicht ein bisschen wie die des frühen Moult ausgesehen, der in seiner jüngsten Schaffensphase einen abstrakteren, doch nicht minder dunklen Stil für sich entdeckt hat. Weiterlesen
PREMATURE EJACULATION: Dead Whorse Riddles
Die sechzehn auf zwei CDs verteilten Tracks von „Dead Whorse Riddles“ (das Schachtelwort aus „whore“ und „horse“ verwendete Williams später als Titeltrack („Whorse“) als auch als Albumnamen („The Whorse’s Mouth“)) knüpfen an die bisher veröffentlichten Alben der „Lost Recordings“-Serie an, transzendieren sie aber auch zugleich: „The Nature of Pain“ schafft es durch das Zusammenspiel von Loops eine intensive Klangfläche zu erzeugen, in der die einzelnen Elemente sich zu einem Gesamten verdichten, das wie so oft bei Williams eine Atmosphäre der latenten Bedrohung ausstrahlt. Weiterlesen
DAIKICHI AMANO: Human Nature (Buch)
Ich bin weder ein großer Kenner der japanischen Kunst, noch wusste ich etwas über den 1973 geborenen Fotografen und Filmemacher Daikichi Amano, bis ich vor kurzem auf seinen Bildband “Human Nature” gestoßen bin. Darin werden weibliche Akte zusammen mit Meerestieren und Insekten zu Tableaus von seltsam morbider Erotik. Japan- und Erotica-Forscherin Agnès Giard stellt die Bilder in ihrem Vorwort nicht nur in die Tradition japanischer Erotikdarstellungen, sie zieht auch Vergleiche zu barocken Stilleben und Werken des Surrealismus. Rockstar Marylin Manson, ein Fan des Fotografen, beschrieb seine Motive etwas plakativ als Kombination aus Jean Cocteau und Jacques Cousteau. Weiterlesen
SHARRON KRAUS & MICHAEL TANNER: In The Rheidol Valley
Sharron Kraus und Michael Tanner alias Plinth arbeiten nicht zum ersten mal zusammen, schon auf Sharrons Album „The Fox’s Wedding“, seinerzeit bei Durtro Jnana erschienen, hinterließ der Brite als zweiter Gitarrist seine Spuren. Beide Künstler sind einer modernisierten Auffassung des Folk verbunden, beide loten dies jedoch auf ganz unterschiedliche Weise aus. Weiterlesen
KING DUDE: Tonight’s Special Death
Von Thomas Jefferson Cowgill, auch bekannt als King Dude, haben die meisten wohl erst vor kurzem Notiz genommen, doch schon gilt er als umstrittener Künstler und wird kontrovers diskutiert. Umstritten und kontrovers aber keineswegs, weil er Dinge machen würde, die man als anstößig betrachten müsste. Viel eher geht es um Fragen seiner Rezeption: Wie sehr hat die Welt eigentlich auf King Dude gewartet? Ist um ihn am Ende noch ein Hype am entstehen, und wenn ja, wie sehr hätte er den verdient? Weiterlesen
MACU vs. FEDERICO BARABINO: Waves
Susanne Hafenscher alias MaCu beackert von Wien aus schon lange diverse Bereiche intensiver Drones und filigraner Ambientsounds, ihr gutes Ohr für subtile Klangverknüpfungen verdankt sie neben ihrem ununterbrochenen musikalischen Forscherdrang auch einem Musikstudium, in dem sie sich mit Größen wie Ligeti oder Varese auseinandergesetzt hat. Mit dem argentinischen Elektroakustiker Federico Barabino kam sie durch die günstigen Umstände, die das Netz bereithält, in Kontakt. Weiterlesen
THE GREAT PARK: Now Wash Your Hands
Als Stephen Burch letzten Winter ein Album mit Neufassungen seiner bislang besten Songs herausbrachte, hatte ich schon das Gefühl, dass bei The Great Park gerade ein bestimmter Abschnitt zu Ende ging. Was die Stücke auf „Winter“ vielleicht am meisten verband, war ihr auf’s Allerwesentliche reduzierter Charakter. Überwiegend Gitarre und Gesang, zurückgenommene Melodien, zwischendurch fast Momente der Stille. Dass die Stücke an wenigen vorweihnachtlichen Tagen aufgenommen wurden, hörte man, doch es tat ihnen keinen Abbruch. Das Rohe und Raue hatte seinen eigenen Stil und schien die Essenz der Musik zu offenbaren. Weiterlesen
MUJERCITAS TERROR: Excavaciones
Im Jahr 1868 veröffentlichte Louisa May Alcott den ersten Teil ihres Romans “Little Women”. Oberflächlich betrachtet die Biografie vier junger Schwestern im tristen Neuengland, umgibt die Geschichte doch etwas Märchenhaftes. Auch in den zahlreichen Filmadaptionen kam dies zur Geltung, ob in der berühmten Umsetzung “Betty und ihre Schwestern” mit Winona Ryder oder in den japanischen Mangas, die auf dem Stoff basieren. Weiterlesen
SIMON FINN – Through Stones
Es mag diejenigen, die etwas mit Simon Finns Werk und Werdegang vertraut sind, nicht überraschen, dass er den Titel des Abschlusstracks „A Bad Plan is Better Than None“ in den Linernotes als Motto seiner Lebensphilosophie bezeichnet, denn in den Jahrzehnten seit Finn sein Debüt „Pass the Distance“ veröffentlichte, schien er zumindest partiell vom Pech verfolgt zu sein: Wegen unklarer Rechtslage verschwand das Album kurz nach Erscheinen recht schnell wieder aus den Regalen, seiner Tätigkeit als Biobauer in Kanada, wo er seit Anfang der 70er lebte, kam er zu einem Zeitpunkt nach, als die Zeit noch nicht reif Weiterlesen
ZOLA JESUS: Conatus
Ich muss gestehen, dass es mir nicht leicht fällt, mich auf eine druckreife Meinung zu Nika Roza Danilova und ihrem Projekt Zola Jesus festzulegen. Da waren Momente der Begeisterung, als ich irgendwann in der Zeit vor ihrem “Stridulum” genannte Durchbruch auf diese dumpf verrauschten Aufnahmen gestoßen bin, auf denen kompromisslose Lofi-Attitüde und feinfühlig-coole Melancholie eine merkwürdige Allianz eingingen. Alles wirkte geheimnisvoll, fast urig, und doch auf die ganz eigene dreckige Art chic. Weiterlesen
NURSE WITH WOUND & ARANOS: Acts of Senseless Beauty (Re-Release)
Das Gesamtwerk von Nurse With Wound ist ungemein vielgestaltig. In den ersten Schaffensphasen, in der Zeit der späten 70er und frühen 80er, trat Stephen Stapleton (zunächst mit Band-Verstärkung) mit einem opulenten und ereignisreichen Kollagensound an die Öffentlichkeit, kombinierte dabei bedrohlich klingende, zum Teil brutale Dunkelheit mit einem Faible für Triviales. In dieser Zeit bildeten sich mehr oder weniger alle Imagkomponenten des Projektes heraus, angefangen von einer absurden Ironie nach Dada-Art über einen surrealen Sinn fürs Überrationale bis hin zu einem in der allgemeinen Wahrnehmung oft unterschlagenen Hauptthema der Band: Die Erotik in all ihren abgründigen Facetten. Weiterlesen
SAMARIS: Hljóma Þú
Der Name Island hat eine ungeheure Resonanzkraft, die der archaischen Landschaft – welch Paradox: Ist doch das geringe Alter der Insel der Grund für die unberechenbare(n) Natur(gewalten) – geschuldet ist und wie bei keinem anderen Land der Welt wird eben diese Landschaft evoziert, um die Musik isländischer Künstler zu erklären und beschreiben. Zwei Beispiele, die ohne langes Suchen exemplarisch für den Konnex Natur-Kultur (Musik) Weiterlesen
Hallucinatory Mahdis and Æons. Andrew Gilbert & David Tibet in Berlin
Die Maler Andrew Gilbert und David Tibet sind ein ungleiches Gespann, und doch verbunden durch einige interessante Gemeinsamkeiten. Beide sind Kinder des British Empire, und auf je eigene Weise prägte das auch ihr Werk. Tibet, der als Sänger von Current 93 eines der interessantesten und eigenwilligsten Kapitel alternativer Musikgeschichte schrieb, kam in der ehemaligen Kronkolonie Malaysia zur Welt und verbrachte dort seine Kindheit. In „England’s Hidden Reverse“ äußerte er, wie sehr ihn das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen und Religionen beeindruckte. Weiterlesen
FREIDA ABTAN: The Hand of the Dancer/The Temple of the Dreamer
Wer hierzulande schon einmal etwas von Freida Abtan gehört hat, der könnte ihr eventuell im Zusammenhang mit Nurse With Wound begegnet sein. Auf dem teilweise poppigen “Huffin’ Rag Blues”-Album hat die Kanadierin an einigen Stellen Gesang beigesteuert. Am markantesten bei “Thrill of Romance…?”, einem Song, der aus einem imaginären Massive Attack-Score zu “Eraserhead” stammen könnte. Hier lieh sie dem Klischee der von Verlangen zerfressenen und ihren Liebhaber sehnsüchtig erwartdenden Frau ihre Schmachtstimme, begleitet von einem entspannten Trip Hop-Beat und unheilschwangeren Sitharklängen. Weiterlesen
CINDYTALK: Silver (7”)
In der Athener Konzertlocation Six D.O.G.S ist das Jahr 2011 ein Jahr der Klänge und Farben. Über eine Zeit von elf Monaten organisiert Kurator Angelos Petroutsas insgesamt sieben Auftritte internationaler Musiker, die sich unter dem Projektnamen “We Dream In Colour” jeweils einer bestimmten Farbe widmen. Etwas bluming werden die Konzerte als künstlerische Reise vom Mond zur Sonne bezeichnet, die aus den Mitschnitten zusammengestellten Aufnahmen, die jeweils als 7” bei Tourette erscheinen werden, als farbenprächtige Blüten. Weiterlesen
JELLO BIAFRA AND THE GUANTANAMO SCHOOL OF MEDICINE: Enhanced Methods of Questioning
Jello Biafra war nicht bloß Sänger in einer Punklegende, und er ist auch nicht bloß Betreiber eines der renommiertesten Independent-Labels weltweit. Ich glaube, es gäbe keine griffige Bezeichnung, die seine Bedeutung für dreißig Jahre Gegenkultur nicht herunter brechen und in ein allzu enges Vorstellungskorsett zwängen würde. Mit den Dead Kennedys überführte er den cartoonhaften Galgenhumor eines Robert Crumb, der schon immer viel zu sarkastisch für die gängige Hippie-Konnotation war, in die abgeklärte Zeit um 1980. Weiterlesen
V.A.: Home Taping Is Music, Vol. 2
Woodland Recordings existiert nun schon seit ein paar Jahren und hat eine durchaus respektable Entwicklung zu verbuchen. Seinem Low Budget- und DIY-Gestus treu geblieben, konnte sich das Label einen eigenen kleinen Platz in der Musikszene erobern, und damit ist vor allem die britische und die deutsche gemeint. Viele der auf dem Label vertretenen Künstler verbindet eine Tendenz zum Folk oder vielleicht allgemeiner gesprochen: zum Akustiksound. Weiterlesen