JOANNA NEWSOM: Divers

Über Joanna Newsom konnte man sich in der Zeit ihres großen Durchbruchs vortrefflich streiten. Da gab es die mit starker Folkidentifikation, die nicht einmal Puristen sein mussten, aber Fräulein Newsom ihre Popularität unter den Spexlesern übelnahmen. Jedes hybride Stilelement kam ihnen zu gefällig vor und hatte für sie den Beigeschmack von Ausverkauf und Hipstertum. Dann waren da aber auch jene Spexleser selbst sowie ihre schreibenden Stichwortgeber, die in Joanna schon deshalb ein Wunderkind sehen wollten, weil sie ihre folkig grundierten Songs mit allerlei stilfremden alten und neuen Weiterlesen

SINDRE BJERGA / MICROMELANCHOLIÉ: Invisible Paths

Auf „Invisible Paths“ treffen die beiden Soundtüftler Sindre Bjerga and Robert Skrzyński, der neben seiner Band Forrest Drones solo unter dem Projektnamen Micromelancolié firmiert, zum wiederholtenmal zusammen. Ähnlich wie bei ihrer vorherigen Kollaboration „Prayer Calls“ (Aurora Borealis 2012) schickten die beiden Aufnahme um Aufnahme von Norwegen nach Polen und zurück, bis dass sich die jeweiligen Bauformen zu einer stimmigen Textur mit Ecken und Kanten zusammensetzte. Weiterlesen

ANEMONE TUBE: In The Vortex of Dionysian Reality (C-41 Tape)

Auf seinem neuen Tape zieht uns Anemone Tube kompromisslos in den Strudel einer dionysischen Welt. Man muss nicht viel über den Mythos des griechischen Wein- und Rausch-Gottes wissen, um die abgründige Natur dieses Strudels zu begreifen, denn zumindest die ersten drei Stücke der vorliegenden EP lassen an dieser keinen Zweifel: Formlos und chaotisch wird die in Sound gegossene Welt des Dionysos gezeichnet, doch manchmal auch überraschend einfach in ihrer derben, verrauschten Musikalität. Man mag die Atmosphäre der vier Tracks dunkel und zum Teil niederdrückend finden, wenn man Rausch und Sinnlichkeit zu sehr mit Frohsinn assoziiert. Doch ganz Weiterlesen

COLIN POTTER: Rank Sonata

In einem größeren Rahmen ist Colin Potter in jüngerer Zeit wohl v.a. als Teil der Nurse With Wound-Besetzung und als gelegentlicher Mitmusiker bei Current 93 in Erscheinung getreten, und viele Neueinsteiger wissen wohl nur wenig über die Bedeutung des Mannes in mittlerweile vier Dekaden experimenteller Musik. Da wäre neben weniger bekannten Formationen wie Monos und Ora natürlich sein eigenes Werk, mit dem er in steter Frequenz die Grenzgebiete zwischen Drone, Field Recordings und diverser Electronica auslotet. Mit Weiterlesen

EVEREST MAGMA: Modern / Antique

Hinter dem Namen Everest Magma verbirgt sich der Turiner Musiker mit dem Pseudonym Rella The Woodcutter, der auch an dem Kollektiv Eternal Zio beteiligt ist oder zumindest war. Alles, was man hierzulande bisher von ihm zu hören bekam, bewegte sich im Schnittbereich archaischer Ritualistik und einem blueslastigen Folksound, der ein starkes Interesse an amerikanischen Traditionen offenbart, in den etwas opulenteren Stücken aber auch schon immer ein Faible für Schräges und Fuzziges zur Schau stellte. Hört man zum ersten mal die Weiterlesen

SATAN IS MY BROTHER: They Made Us Climb Up Here

Denkt man an doomige, dronige oder sonstwie dunkle Klangwelten, die mit Jazzelementen angereichert sind, dann entsteht schnell die Vorstellung eines doch alles in allem runden und harmonischen Hörerlebnisses, aller düsteren Hardboiled-Melancholie zum Trotz. Der imaginäre Thriller entpuppt sich als lineares Narrativ mit klarer Schlussgebung und nicht als surrealer Trip durch unwegsames Gelände. Natürlich ist diese Assoziation naheliegend angesichts einiger recht populärer Musik, die gerade in unseren Breiten aufgenommen oder veröffentlicht wird. Dass angejazzte Slowtempo-Musik auch Weiterlesen

Sharron Kraus auf Tour in Deutschland, u.a. mit B’ee von In Gowan Ring

Die englische Folkmusikerin Sharron Kraus, die mit so unterschiedlichen Bands wie Backworld und The Iditarod aufgetreten ist und schon auf David Tibets Durtro-Label veröffentlicht hat, verbringt den November auf Tour in Deutschland und den umliegenden Nachbarländern. Kassel, Göttingen, Berlin, Leipzig und Giessen stehen auf dem Plan, in der Berliner Nomad Bar wird sie am Freitag, den 13.11. zusammen mit B’ee von In Gowan Ring und Birch Book auf der Bühne stehen. B’ee wird Sharron an der Gitarre und mit Backing Vocals begleiten und außerdem ein paar In Gowan Ring-Stücke präsentieren. Weiterlesen

THIGHPAULSANDRA: The Golden Communion

Etwas Monumentales haftet dem Werk Thighpaulsandras an, und das in Zusammenhängen, die gleich die wichtigsten Säulen seines Werks als Musiker, Sänger und Performer umfassen: Die epische Struktur seiner oft ausladenden Kompositionen, ferner die dem Eindruck nach allesumspannende Weite seiner thematischen und atmosphärischen Konzepte, für die Genrebegriffe wie Soundart, Rock, Jazz, Psychedelia oder Ambient kaum eine Rolle spielen. Dann nicht zu vergessen seine raumfüllende Stimme und die großen theatralischen Gesten, die niemals aufgesetzt wirken. Man würde sich auch nicht trauen, ihm den Weiterlesen

EXPO 70: Solar Drifting

Justin Wright alias Expo 70 veröffentlicht seit Jahren in Dauerrotation spacige Soundscapes irgendwo im Graubereich zwischen psychedelischem Rock und verspielter elektronischer Avantgarde, und einige seiner interessantesten Releases erblickten auf Zoharum das Licht der Welt, so beispielsweise das Robert Anton Wilson gewidmete Konzeptalbum namens „From Earth to Sirius“ und eine mit viel Bonusmaterial ausgestattete Neuauflage seiner LP „Corridors of Infinity“. Dieser Tage erscheint ebenfalls auf dem polnischen Label eine Sammlung an Outtakes und vergriffenen Stücken unter dem Titel „Solar Drifting“. Weiterlesen

POST SCRIPTVM: Seance

Post Scriptvm zählt man gemeinhin zum Industrial oder besser Post-Industrial, und so zutreffend diese Rubrizierung auch ist, sollte man gerade im Fall der beiden in New York lebenden Osteuropäer von jedem Schubladendenken absehen und die durchaus vielfältigen Einflüsse und Parallelen im Auge behalten, die das Duo verzeichnen kann. Zu den wichtigsten Inspirationsquellen für Post Scriptvm zählen philosophische Ansätze und diverse Kunst-Avantgarden aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, was sich nicht nur im Artwork, sondern besonders in der Weiterlesen

Ô PARADIS: Llega el Amor, Asoma la Muerte

Jahr für Jahr nimmt Demian mit seinem Projekt Ô Paradis neue Alben auf und verfeinert seine so schwer zu charakterisierende Musik, betont mal die poppig beschwingten, mal die erdig folkigen, mal die verspielt elektronischen Seiten seines Stils und kommt doch immer wieder zurück ins Zentrum seines eigenen Kosmos. In der Frequenz seiner Veröffentlichungen, bei der man mit der Zeit schon mal den Überblick verlieren kann, kommt nie der Eindruck des Maschinellen auf. Warum das so ist, lässt sich nicht allein Weiterlesen

TELLAVISION: The Third Eye

Dass es das Projekt Tellavision um die in Hamburg lebende Fee Kuerthen schon ganze acht Jahre gibt, ist mir als Pop-Banause bislang entgangen, weshalb „The Third Eye“ dann für mich auch einem Sprung ins kalte Wasser gleichkommt. Der erste Eindruck war, dass es sich bei der Musikerin um eine Meisterin des Kombinierens von vermeintlich Unkombinierbarem handeln muss. Ob die Leidenschaft, mit der sie dabei vorgeht, auf antrainiertem Können oder einem gesunden Dilettantismus beruht, ist vielleicht nicht so wichtig. Dass die Weiterlesen

DBPIT / XXENA / DANIELE PINTI: Lympha Obscura

Die Vorstellung darüber, was eine Wissenschaft ist, unterliegt ständigen Veränderungen, und was heute als Irrlehre, Satire oder auch Kunst gelten würde, mag in einer anderen Epoche dem gängigen wissenschaftlichen Diskurs entsprochen haben – und umgekehrt. Das vermutlich im Norditalien des 13. Jahrhunderts entstandene Voynich-Manuskript, dessen Faszinosum jüngst in einem audiovisuellen Werk namens „Lympha Obscura“ eingefangen wurde, ist derart an der Grenze dessen angesiedelt, was heute als Outsider Art gelten würde, dass man nach wie vor nicht klären kann, mit was für einem Text man es zu tun hat. Weiterlesen

PAUL JONES: No Call From Rasmus While Jogging

Paul Jones, den einige noch von seiner Mitwirkung bei Cindytalk her kennen, spielt Figuren auf seiner meist akustischen Gitarre, die prinzipiell endlos angelegt sein könnten, ohne dabei zu langweilen – und dies nicht obwohl, sondern gerade weil seine entspannten Pickings ganz minimale Patterns entstehen lassen, bei denen man die subtilen und sicher spontan einbrechenden Variationen oft nur unterschwellig wahrnimmt. Auf diese Weise wirkt seine Musik wie ein hintergründiges, atmosphärisches Mantra. Man kann für dies das oft strapazierte Wort Minimal Music oder besser noch den eher auf Weiterlesen

PARVE: Stabilité Économique

Man soll es eigentlich nicht im Rahmen einer Plattenbesprechung sagen, aber Parve aus Jerusalem sind besonders auf der Bühne eine Macht. Yaniv Schonfeld steht nach alter Jesus and Mary Chain-Manier mit dem Rücken zum Publikum und lässt die tiefen Saiten seiner Gitarre dröhnen und pulsieren. Tomer Damsky verwandelt sich am hinteren Bühne Rand in eine lupenreine Frontfrau indem sie sich in allen Schattierungen der Verzweiflung duch die überlangen Stücke schreit und dabei ihr Schlagwerk barbeitet, dass es den Hörern die Weiterlesen

ROSARUBEA: Chrysalide

Ich musste bei RosaRubeas neuem Album “Chrysalide” an die Novelle “Morpho Eugenia” von Antonia Byatt denken, in dem die Verpuppung einer Raupe und ihre letztliche Verwandlung in einen Schmetterling – eingebunden in die Geschichte eines dämonischen Familiengeheimnisses – symbolisch für die Verwandlungen steht, ohne die Leben kein Leben wäre. “Chrysalide”, das nach dem Puppenstadium des Schmetterlings benannt ist und sich musikalisch erst gar nicht zwischen entrückter Kammermusik und erdiger Psychedelia entscheiden will, widmet sich ganz den vielfältigen Verwandlungen, die der Biologie, aber auch der Weiterlesen

DAWN MCCARTHY: Traveller Returning

Man muss das Wort “Nabelschau” nicht mögen, aber ein Blick zurück auf die eigenen Anfänge ist für viele Musiker interessant. Welche Unsicherheiten konnte man mit der Zeit überwinden, welche ganz persönlichen Elemente gingen andererseits mit zunehmender Erfahrung verloren? Wie lassen sie sich wiederfinden? Wann und wie entstand eine eigene Handschrift, eine eigene Stimme, die von einem bestimmten Moment an untrennbar mit einem musikalischen Werk verbunden bleiben sollte? Dawn McCarthy, die seit ihrem Album mit Weiterlesen

TROUM & YEN POX: Mnemonic Induction

Als 2002 diese 2000 entstandene Zusammenarbeit des amerikanischen Duos mit den zwei Musikern aus Bremen auf Malignant Records veröffentlicht wurde, da kamen einem zwei Gedanken: Beide Projekte arbeite(te)n mit flächigen Klängen, so dass eine Zusammenarbeit durchaus nachvollziehbar war. Auf der andren Seite machten Yen Pox „Blood Music“, Musik für ein „New Dark Age“ (um die Titel ihrer ersten beiden Alben zu zitieren) – nach langer Pause situieren sie ihr neues Album „Between the Horizon and Abyss“ an –, während Troum sich auf ihren zahlreichen Veröffentlichungen oft mit Zuständen jen- und abseits des Wachens beschäftigten, z.B. auf der fantastischen „Tjukurpa“-Trilogie. Weiterlesen

CURRENT 93: Swastikas for Noddy & Crooked Crosses for the Nodding God (2LP-Re-Release)

Für viele ist “Swastikas for Noddy” eines der essenziellen Current 93-Alben, und schon allein im Hinblick auf den musikalischen Richtungswechsel, den die Platte einleitete, spricht einiges für ihren Ausnahmestatus. In der ersten Schaffensphase der englischen Band, die sich über die gesamte Mitte der 80er Jahre hinzog, stand Current 93 für lange, alptraumhafte Soundscapes, in denen David Tibet auf Alben wie “Nature Unveiled”, “Dog’s Blood Rising” und “Dawn” seine Hörer wie ein vollends dem Wahn verfallener Vergil auf einen Höllentrip mitnahm, bei der er ein tobendes Inferno aus Okkultismus, Paranoia und apokalyptischen Visionen entfachte. Keine noch so Weiterlesen