DER BLUTHARSCH AND THE INFINITE CHURCH OF THE LEADING HAND: Joyride

Dass die Musik von Albin Julius seit den 90ern große Veränderungen durchlaufen hat, ist ein Gemeinplatz und sollte sich mittlerweile bis in die letzten Winkel der etwas eigenwilligeren Musikwelten herumgesprochen haben. Noch interessanter vielleicht ist die Tatsache, dass die Entwicklung von Der Blutharsch And The Infinite Church Of The Leading Hand auch im Kleinen, z.B. von einem Album zum nächsten, kaum vorherzusehen ist und stets Überraschungen bereithält. „Joyride“ folgt – abgesehen von einer Compilation und zwei EPs – auf das vor gut anderthalb Jahren erschienene Weiterlesen

SLEAFORD MODS: Key Markets

Jüngst noch vom Observer als „one of 2014’s least likely success stories” tituliert, so haben die Sleaford Mods es tatsächlich seit der Veröffentlichung ihres letzten Albums „Divide and Exit“ in nahezu jedes Presseerzeugnis geschafft: Von Zeit bis TV Spielfilm preist man das Duo als – so lautet das gäng(st)ige Narrativ –  diejenigen, die den gegenwärtigen Zustand der „sceptered isle“ am genauesten sezieren. Inzwischen haben die Sleaford Mods sogar Glastonbury gespielt (auch wenn es offenbar nicht sehr viel Spaß gemacht hat). Der Opener „Live Tonight“ mit seinem Chor aus grölenden Fans wie auch der Titel scheinen den jüngsten Erfolg zu ironisieren. Weiterlesen

GX JUPITTER-LARSEN / THE NEW BLOCKADERS: Live At The Schimpfluch Carnival

Als die 1987 in Zürich gegründete Gruppe Schimpfluch nach 25 Jahren im Bristoler Arnolfini-Zentrum ihre große Restrospektive feierte, nahmen an den zahlreichen Performances und Workshops nicht nur langjährige Mitglieder des Kollektivs (Runzelstirn & Gurgelstøck, Sudden Infant, G*Park, Dave Phillips) teil. Auch eine große Zahl an Künstlern, die im Laufe der Jahre mit der Gruppe oder einzelnen Mitgliedern kooperiert hatten, beteiligten sich an dem mehrtägigen Festival. Die Liste dieser Kollaborateure ist lang, und neben Vagina Dentata Organ, Junko von Hijokaidan und Rashad Becker Weiterlesen

SCOUT PARÉ-PHILLIPS: Heed The Call

Wer heute behauptet, Singer Songwriter-Musik sei brav, bieder und out, hat Scout Paré-Phillips noch nicht gehört. Die junge New Yorkerin sieht aus wie der feuchte Traum aller Gucci-Gothics und tanzt auf allen Hochzeiten. Bei den Sterling Sisters, der Band von Slim Cessnas Sohn, ließ sie ihren Bass brummen, auf einem Jack White-Abum ist ihre Stimme zu hören, nebenbei modelt sie für den kanadischen Designer Ovate. Ihre eigenen Songs wurden im hauseigenen Studio von Cult of Youth aufgenommen und über die dubiosen Dais Records veröffentlicht, und in der übrigens Zeit tourt die Dame ordentlich und spielt natürlich – wie könnte es auch anders sein – im Doppelpack mit King Dude. Aber auch mit Weiterlesen

THE EX / FENDIKA: Addis Hue/Lale Guma (7”)

The Ex ist eine der dienstältesten Anarcho Punk-Bands der Welt, und vielleicht verdanken die Niederländer ihre Langlebigkeit bei konstanter Veröffentlichungsaktivität ein wenig der schon vor Jahren stattgefundenen Zuwendung zur Musik des afrikanischen Kontinents, der ihre Kreativität in interessante neue Bahnen lenkte und ihrem Stil diverse Frischzellenkuren verabreichte. Während in den letzten Jahren immer mehr das Interesse des Frontmannes Arnold de Boer an der Undergroundmusik Ghanas Weiterlesen

KINGDOM OF HEAVEN: XXIII

Es wäre eine interessante Frage für sich, warum es besonders in der amerikanischen Populärkultur immer wieder Musik gibt, die sowohl Elemente der Kirchenmusik enthält als auch an die Klänge von Jahrmarkt und Zirkus erinnert. Liegt es wirklich nur daran, dass beide Bereiche eine Affinität zu Orgeln haben? Hat Hollywood seinen Teil dazu beigetragen, da es in besseren Zeiten das Sakrale allzu gerne in unfreiwillig karnevalesker Form auf die Leinwand brachte? Oder gibt es so etwas wie eine geheime Verbindung zwischen diesen auf den ersten Blick so verschiedenen Heterotopien, in denen die Menschen für Momente Zuflucht Weiterlesen

HERBST9: Fragmentary

Das Doppelalbum „Fragmentary“ lässt sich als Livedokument wie auch als eine Art Werkschau des deutschen Duos betrachten, denn die 16 Tracks (inklusive fünf bislang unveröffentlichter Stücke) stammen so in etwa aus jeder Schaffensphase. Der dunkle Ambient, den Herbst 9 seit Ende der 90er auf einer Reihe von Alben gespielt haben, wurde durch Artwork und Titelgebung in Regionen verortet, die zeitlich und örtlich weit entfernt von unserem Habitat sind, Weiterlesen

DOC WÖR MIRRAN feat. CONRAD SCHNITZLER: Rojo

Ein eigenwilliges Kollektiv, das sich seit Jahrzehnten um einen nimmermüden Bandleader schart und dadaistische Soundkollagen irgendwo zwischen Industrial, freier Improvisation und Musique Concrete mit Art brut-Illustrationen und merkwürdigen Songtiteln kombiniert – die Rede ist nicht von Nurse With Wound, sondern von der deutschen Formation Doc Wör Mirran um den in Fürth lebenden Joseph B. Raimond. In der Vergangenheit beteiligten sich Größen wie Frans de Waard (Kapotte Muziek, Beequeen) und Asmus Tietchens an ihrer Musik, und gerade erscheint eine Weiterlesen

NIEDOWIERZANIE: Paradies

In dieser Welt ein Album nach dem Paradies zu benennen ist nicht nur ein starkes Stück, sondern geradezu ein Unding – es sei denn, das Album gestaltet sich als aufwühlende Klage, die die ganze Gewaltsamkeit transportiert, die dem Glauben oder auch nur dem Wunsch nach einem paradiesischen Zustand innewohnt und sich sehenden Auges gegen alle Abgeklärtheit sträubt, welche die Wirklichkeitserfahrung naturgemäß mit sich bringt. Léo Maury, besser bekannt unter dem Namen Niedowierzanie (Polnisch für „Misstrauen“ oder auch „Eifersucht“), bezeichnet seinen neuen Longplayer selbst als Lamento, als Weiterlesen

VALERIO COSI: Plays Popol Vuh

Tribute-Alben sind seltener geworden, was sicher auch daran liegt, dass die enorme Retrowelle, die sich schon in den 90ern ankündigte und im neuen Jahrtausend ganze Genres hervorbrachte, so langsam am Abebben ist und viele deshalb vor allzu deutlichen Referenzen zurückschrecken. Doch vielleicht ist dies ja gerade der geeignete Zeitpunkt, dem zwielichtigen Schwelgen in zitathafter Nostalgie eine Absage zu erteilen und stattdessen wirklich relevante Bezüge dezidierter aufzuarbeiten. Weiterlesen

DEISON & UGGERI: In the Other House

Der Topos des Spukhauses findet sich in den meisten Medien – oder wie es bezogen auf den Film Georg Seeßlen und Fernand Jung formulieren: „Vom verdammten Haus zu erzählen scheint dem Kino von Anfang an aufgetragen.“ In der Literatur hat Mark Z. Danielewski mit House of Leaves vielleicht einen postmodernen Endpunkt gesetzt und in der Musik war es der Ambient, der die Beschallung von Räumen teils im Titel trug (vgl. Brian Eno) und dessen uneheliches Kind das Attribut „Dark“ verwendete, um finsterste, nicht immer ganz klischeefreie Evokationen von unheilvollen Orten zu erzeugen. Weiterlesen

BODUF SONGS: Stench of Exist

Auch wenn sich die instrumentelle Gewandung immer mal ein bisschen verändert, man braucht nicht lange, um eine Boduf Songs-Platte zu erkennen. Ein knapp bemessenes Repertoire an simplen Gesangsmelodien an der Grenze zur Monotonie, ein paar wiederkehrende Gitarrenmotive, hier und da ein paar ambiente Spannungsmacher, Texte von trockener, spukhafter Abgeklärtheit – dass Mat Sweet damit nicht nervt, liegt nicht nur daran, dass seine späteren Alben etwas elektronischer ausfallen, oder dass ihn hierzulande kaum jemand kennt. Was immer er macht, macht er auf eine unnachahmlich Weiterlesen

DAVE PHILLIPS / HIROSHI HASEGAWA: Insect Apocalypse

Man müsste schon vollkommen unvertraut sein mit dem Werk von Dave Phillips und Hiroshi Hasegawa (Astro, C.C.C.C. u.a.), um bei einem knapp achtzigminütigen Dröhnen auf der Basis des Klangs tropischer Insekten etwas anderes zu erwarten als Irritation, Dramatik und zugleich so etwas wie „psychedelischen“ Wohlklang. „Insect Apocalypse“, das über ein längers Prozedere hinweg herangewachsen ist, kann außerdem als gelungenes Beispiel kreativer Arbeitsteilung gelten. Den unbeabsichtigten Grundstein zu dieser Kollaboration legte Phillips in mehreren Aufenthalten in Südostasien und Weiterlesen

TIMEMOTHEYE & THE SPECTRAL LIGHT: Grave Needs

In einem vor einiger Zeit veröffentlichten Interview sprach Timothy Renner davon, dass das Introspektive von Stone Breath, die Thematisierung von Spiritualität, langsam an einen Endpunkt komme, sich sein Schreiben verändere und er gab zu, dass die politischen Texte, die er mit seinem Crossoverprojekt Albatwitch schreibe, augenblicklich von ihm als „dringender” – vielleicht möchte man sagen “drängender” – empfunden würden. Weiterlesen

SOAPKILLS: The Best Of Soapkills

In einer der letzten Szenen in Jim Jarmushs „Only Lovers left Alive“ betreten die beiden Vampire Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton) ein Lokal im Marrokanischen Tanger, in dem gerade ein kleines Konzert stattfindet. Was sie zu sehen und zu hören bekommen, ist nicht etwa Sir Richard Bishop bei der Präsentation seines neuen Albums, sondern eine charismatische Sängerin, die mit ihrer Band ein schwermütiges Lied auf Arabisch vorträgt. Wie sehr die beiden von der Austrahlung der jungen Frau beeindruckt sind, merkt man nicht nur an ihrer Mimik, denn Adam sagt nur sinngemäß, dass er hoffe, dass sie nicht allzu populär werden wird. Ob es ihm um die Weiterlesen

EXPLORING JEZEBEL: On A Business Trip To London

Hätte der Wire über dieses Dominick Fernow-Album berichtet, wenn es bei einem ordinären Industrial-Label, sagen wir Freak Animal erschienen wäre? Vielleicht sind Phänomene wie Blackest Ever Black ja ein interessantes Experiment, insofern sie die These belegen, dass für die Bildung und Veränderung eines Kulturkanons der Rahmen immer wichtiger ist als das Bild oder was sich sonst so an Inhalt in ihm befindet. Wie dem auch sei, Fernow ist als treibende und in den meisten Fällen auch einzige Kraft hinter Hospital Productions, Prurient, Vatican Shadow und manch anderem längst Weiterlesen

NICK GREY AND THE RANDOM ORCHESTRA: Breaker of Ships

Nick Grey hatte Mitte des letzten Jahrzehnts eine ganze Reihe an Platten herausgebracht, teilweise solo, teilweise bereits mit seinem Random Orchestra, teilweise aber auch in Zusammenarbeit mit wieder anderen Kollegen und stets bei undergroundigen Labels mit Sinn für verträumten, krautig angehauchten Folk. Nach einer mehrjährigen Pause, die relativ abrupt einsetzte, hat die Musikwelt den nun in Berlin lebenden Musiker seit etwa einem Jahr zurück, und es macht den Eindruck, als würde er mit diesem Neustart ganz neue Horizonte erkunden und dabei auch seinen Bekanntheitsradius merklich erweitern. Weiterlesen

SIEBEN: Lietuva

Es vergeht kein Jahr ohne ein oder mehrere Lebenszeichen von Matt Howden, dem Mann, der jahrelang die erste Geige des Neofolk spielte und sein Instrument nach allen Regeln und Regelbrüchen streicht, zupft, als Handdrum nutzt oder mit seinen Bartstoppeln kratzend in die Rassel eines Schamanen verwandelt. Mithilfe von Mikros, Sampling und Looptechnik entsteht im Handumdrehen der Sound einer ganzen Band, bei der Matt dann gleich noch die Rolle des Frontsängers übernimmt. Von seinem Hauptprojekt Sieben erscheinen in zuverlässiger Regelmäßigkeit opulente Alben, doch Kollaborationen und Neuinterpretationen gibt es Weiterlesen

IONOSPHERE: Nightscape

Schon in meiner Besprechung zu Sawakos „Nu.it“-Album schrieb ich, dass es wenig Musikarten gibt, die das Phänomen der Nacht so unmittelbar und quasi impressionistisch einzufangen wissen wie Ambient. Während die Japanerin die Nacht als ein verspieltes Abenteuerreich darstellte, in dem sich wohlige und unheimliche Stimmungen gegenüberstehen, bis alles wie in einem Film zum beruhigenden Finale kommt, erscheint die Nacht in „Nightscape“, dem dritten Longplayer des deutschen Projektes Ionosphere, wie ein unendlicher Raum, der nicht nur den Schlafenden scheinbar für immer in seine Dunkelheit zieht. Weiterlesen