TOYS’R'NOISE: s/t

Die ersten Minuten subtiler Dröhnung, die das offizielle Debüt von Toys’R'Noise einleiten, lassen den Bandnamen glatt etwas unpassend erscheinen. Zumindest lassen die beiden Komponenten des sprechenden Kompositums eine ganze Weile auf sich warten. Der Illusion einer entspannten Ambientplatte mit postrockigen Gitarren, Streichern und Keyboards will man aber doch nicht auf den Leim gehen, zu spannungsgeladen wirkt der vielfarbige Flächensound des Openers, zu sehr sind schon die ersten Momente von einer unterschwelligen Dynamik und einer stetigen Steigerung der Klangfülle geprägt. Eventuell sind auch schon einige der spärlichen Infos über die umtriebigen Franzosen durchgesickert, die Bühnen und Studios mit einer Vielzahl an zweckentfremdeten Weiterlesen

TORBA: Polyester Catacomb

Es mag Geschmacksache sein und auch für andere Musikarten gelten, doch gerade im Noisebereich steht und fällt die Intensität von Musik oft mit dem Vorhandensein einer Spannungskurve, welche die einzelnen Sounds davor bewahrt, als ordinäre Slideshow am Rezipienten vorbei zu ziehen. Der in Berlin lebende Harshnoiser Mauro Diciocia alias Torba spielt in der Hinsicht gerne mit den Erwartungshaltungen seiner Hörer, legt falsche Fährten und wiegt sie in der Sicherheit, bloß inmitten eines akustischen Geröllfeldes zu stehen. Erst wenn man sich dort eingerichtet hat, kommt irgendwann recht plötzlich Bewegung ins Bild. Unberechenbare Dynamik und verdichtete Sounds lassen eine Intensität entstehen, die – dem Genre entprechend – im Infernalischen endet. Es sei denn, der Weiterlesen

NURSE WITH WOUND AND GRAHAM BOWERS: Parade

Die neue Gemeinschaftsarbeit von Stephen Stapleton und dem walisischen Komponisten Graham Bowers ist schon optisch eine solche Augenweide, dass man sich endlos lange damit befassen könnte. Von weitem erinnert das bunten Frontcover an Arbeiten von Yasutoshi Yoshida alias Govt. Alpha, man denkt vielleicht auch an Hannah Höch, und auf der Innenseite des Digipack befindet sich eine Kollage, die deutlich auf die Gemüsemänner Acrimboldos anspielt. Dass ich zudem an barocke Stillleben denken muss, ist sicher auch nicht nur meiner überbordenden Fantasie geschuldet. Für Nurse With Wound-Fans ist dieses schamlose Zusammenklauben von Querbezügen und ihre Neuanordnung in Weiterlesen

ANEMONE TUBE: The Transfiguration Of The Image

Das Tape erlebt (insbesondere im (Post-) Industrial) als Tonträger eine gewisse Renaissance. Das liegt sicher an zweierlei. Zum einen ist es eigentlich das umständlichste Medium, dem gleichzeitig die „tactile pleasure of so-called obsolete media“ (David Keenan), die Vinyl innehat, fehlt und somit auf gewisse Weise sicher die anachronistisch-trotzigste Positionierung gegen das Nullmedium MP3 in all seiner Seelenlosigkeit ist. Zum anderen ermöglichten es Tapes in der Frühzeit experimenteller Musik auch Loops und Protosamples zu kreieren. Weiterlesen

V.A.: Art of the Muses. An Experimental Music Compilation featuring ten Female Composers from Far East Asia

Es ist schwierig, sich zum Konzept des Samplers „Art of the Muses“ zu äußern, ohne ins Diskutieren zu geraten, sich – eventuell kontrovers – zu positionieren oder verschiedene Standpunkte gegeneinander abzuwägen. Definiert man Musikerinnen nach ihrem Geschlecht und darüber hinaus nach ihrer Herkunft aus nicht-westlichen Ländern, tritt man schnell in diverse Fettnäpfe. Ist es nach wie vor notwendig, darauf hinzuweisen, dass experimentelle Musiksparten keineswegs reine Männerdomänen sind? Schafft man durch derartige Hervorhebungen nicht erst die Vorstellung vom Ausnahmestatus weiblicher Klangkunst, der man ein entsprechendes Talent, zumindest auf den ersten Eindruck, gar nicht zugetraut hätte? Und gilt nicht ähnliches für die Musikerin und auch den Musiker aus Fernost, wenn sie oder er sich Weiterlesen

LUSTMORD: The Word As Power

Worte und Wörter haben im bisherigen Oeuvre Brian Williams’ – zumindest musikalisch – lediglich eine untergeordnete Rolle gespielt. So war die Stimme anfangs nur eine weitere Klangquelle inmitten des industriellen Schabens und Dröhnens, fand später dann Einsatz als Sprachsample (am deutlichsten durch den extensiven Gebrauch von Samples aus Tourneurs „Night/Curse of the Demon“ auf „The Monstrous Soul“) oder tauchte kurz als Choralsample (auf „Carbon/Core“) auf. In den Booklets wurden zudem (finstere) Stimmungen evoziert, (dunkle) Örtlichkeiten beschworen: Man fand sich unter „bones of men“, sah „the crumbling of idols“ oder „an eternal shadow“, befand sich in „the cold waste“, „cyclopean vistas“oder „strangest eons“, alles – natürlich – „within darkness“. Weiterlesen

CHRIS WATSON: In St Cuthbert’s Time. The Sounds of Lindisfarne and the Gospels

In den meisten Fällen ist ja doch von Musik die Rede, wenn der Begriff “field recordings” fällt, von Klängen also, die zwischen Aufnahme und Mastering einige bedeutsame Bearbeitungsschritte erfahren haben, was nicht selten in unterschiedlichen Graden der Verdichtung, Harmonisierung oder Rhythmisierung resultiert. Die eigentlichen Feldaufnahmen sind in dem Fall nur ein Moment unter vielen. Chris Watson, der allein in seiner Zeit bei The Hafler Trio sein Können im oben genannten Bereich ausgiebig demonstrierten konnte, ruft in seinem neuen Release nicht nur das Rohmaterial selbst in Erinnerung, sondern auch den Ursprung des Begriffs in der Welt der Wissenschaft, entstand Weiterlesen

JOZEF VAN WISSEM: Nihil Obstat

Jozef van Wissem spielt Laute und wurde erstmals als eine Hälfte der Brethren Of The Free Spirit einem größeren Publikum vorstellig. Seitdem lotet der in New York lebende Musiker die vielfältigen Möglichkeiten einer an Renaissance und Barock geschulten Spielweise aus und erforscht nebenbei das Zusammenspiel mit anderen Klangquellen. Dass er trotz dieses nicht gerade poppigen Konzeptes auch außerhalb der Hörerschaft Alter Musik zu Aufmerksamkeit gelangt, geht nur zum Teil auf seine Zusammenarbeit mit „Regie-Ikone“ Jim Jarmusch zurück, mit dem er seine Leidenschaft für’s Minimale, mitunter Lakonische teilt. Seine Musik Weiterlesen

POST SCRIPTVM: Grey Eminence

Auf den ersten Blick mag es fast irritieren, dass Post Scriptvm ihr (immer noch) aktuelles Album „Grey Eminence“ genannt hatten, denkt man bei dem Begriff doch unweigerlich an eine wichtige Person. „Grey Eminence“ hat jedoch wenig von einer persönlichen Message, und überhaupt macht es den Eindruck, als verschwinden die beiden Musiker im Laufe des Albums regelrecht hinter der eigens geschaffenen Düsternis, oder unter den Bergen fein bearbeiteter Klangobjekte. Natürlich, Spuren menschlichen Wirkens finden sich auf dem Longplayer zuhauf. Sie finden sich in Form etlicher Sprach- und Gesangsfetzen, die keinen geringen Teil der Samples ausmachen, auch in so manchem Zitat Weiterlesen

CABARET VOLTAIRE: Red Mecca (LP Re-Release)

Seit ihrer Wiedergeburt als Indie legen Mute einen besonderen Schwerpunkt auf den historiografischen Aspekt ihrer Veröffentlichungspolitik, womit nicht nur die Geschichte des Labels gemeint ist, sondern mit Größen wie Laibach oder Crime And The City Solution auch die Geschichte der Subkultur der letzten gut dreißig Jahre. Dass die Reihe an (Re-)Releases der Sheffielder Pioniere Cabaret Voltaire ausgerechnet mit der neuen Vinylauflage ihres dritten Albums „Red Mecca“ (Rough Trade 1981) startet, ließe sich mit der Scharnierfunktion des Albums erklären, denn es stellt in mehrerer Hinsicht einen End-, Anfangs- und Wendepunkt in der Diskografie der Briten dar. Weiterlesen

HEDOROMERUHEN: s/t

Dass Noisemusiker nebenher ein Akustikprojekt betreiben oder ab einem bestimmten Alter sogar komplett auf Folk umsatteln, ist vielleicht nicht die Regel, aber durchaus auch nicht ganz ungewöhnlich – haben beide Großsparten doch einen so diametralen Bezug zu Materialismus, Geschwindigkeit und Disharmonie, dass man sie kaum ohne Bezug zueinander denken kann. Es gibt Fälle, die wie ein Kompensieren des Atonalen durch trivialen Schmalz anmuten und an das berühmte Diktum denken lassen, dass Sentimentalität und Grausamkeit oft nah beieinander liegen. Natürlich gibt es auch äußerst gelungene Beispiele, bei denen auch im akustischen Gewand die Spuren des Weiterlesen

CINDYTALK: A Life Is Everywhere

Nicht wenige Bands der Postpunk-Ära kommen als lebende Tote zurück, zwängen sich in schwarze Klamotten, helfen vielleicht noch mit Kajal nach, um einen Auftritt auf dem jährlich in Leipzig stattfindenden Szenekarneval zu ergattern; Cindytalk gehen schon seit Jahren ihren eigenen (sehr eigenständigen) Weg und haben sich klanglich dabei (wieder einmal) neu erfunden. Die Elektronik, die das letzte verbliebene Mitglied Gordon Sharp seit einigen Jahren passenderweise auf Editions Mego veröffentlicht, lotet aus, was im Spannungsfeld von Mensch und Maschine klanglich alles möglich ist. Weiterlesen

SUN CITY GIRLS: Eye Mohini (Sun City Girls Singles Volume 3)

Für einige ihrer Song- und Albumtitel hätten die Sun City Girls ein paar kleine Literaturpreise verdient, so z.B. für das schlichte Statement „You’re Never Alone With A Cigarette“ (denn Schnorrer sind sofort zur Stelle), das vor fünf Jahren den Auftakt einer Compilation-Reihe betitelte, in der die Singles der Band dokumentiert werden. Zusammenstellungen von Live-Tracks, Outtakes und besonderen Wegmarken waren bereits während der aktiven Bandkarriere ein wichtiges Standbein des Trios und bildeten Weiterlesen

MY SISTER GRENADINE: Spare Parts

My Sister Grenadine ist eine dieser Bands, die merkwürdige Instrumente benutzt. So würde der aufs Primitivste heruntergebrochene Satz lauten, mit dem man die drei Wahlberliner Angelina Kartsaki, Felix Koch und Vincenz Kokot in eine griffige Schublade einordnen könnte. Das sollte man aber tunlichst unterlassen, und ich erwähne ihn auch nur aus einem Grund: Der zum Teil ungewöhnliche Sound ist weit davon entfernt, eitler Selbstzweck zu sein, verschwindet zum Teil fast hinter dem intelligenten Songwriting und der mitreißenden Stimmung der Songs, und schafft es doch, die Band aus dem gängigen Folk- und Indie-Allerlei herausragen zu lassen. Weiterlesen

NISENNENMONDAI: N

Live habe ich Nisennenmondai mehrmals verpasst, was wirklich bedauernswert ist, denn nach allem, was man so an Konzertmitschnitten von ihnen aufschnappt, scheinen die energetischen Auftritte die eigentliche Raison d’Etre der japanischen All Girl-Combo zu sein, die mit dem typischsten aller Rockinstrumentarien etwas auf die Bühne bringt, das rein formal dem Techno verdächtig nahe kommt. Diese Feststellung unterscheidet sich übrigens stark vom Grundtenor vieler Rezensionen, in denen – ausgehend von einigen anspielungsreichen Songtiteln der Band – von Krautrock und Sonic Youth, von This Heat und Terry Riley die Rede ist. Aber bei Nisennenmondai Weiterlesen

IN GOWAN RING: The Glinting Spade (Re-Release)

Der amerikanische Folktroubadour B’ee, dessen größte Konstante wohl sein unstetes Wanderleben ist, hat sich in der Vergangenheit nie endgültig zwischen seinen beiden Inkarnationen Birch Book und In Gowan Ring entschieden, beide „Gruppen“ scheinen wohl auf Langzeit nebeneinander zu bestehen. Zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden der beiden Projekte ist viel gesagt worden, auch in unserem Interview mit dem Musiker wurde über die eher amerikanische und zugleich sehr erdverhaftete Grundierung Birch Books und die vergleichsweise europäische, abstrakte und zugleich weltentrückte Ausstrahlung des älteren Projektes In Gowan Ring gesprochen, ebenso über eine Entwicklung, die beides miteinander zu verbinden schien. Weiterlesen

ASIA ARGENTO: Total Entropy

Böse Zungen werden Asia Argento wohl immer nachsagen, nicht nur Schauspielerin, Regisseurin oder Model zu sein, sondern v.a. eine Berufstochter, die die autistische Exzentrik ihres berühmten Vaters in extravertierter Form weiterführt und ansonsten von dessen Renommee profitiert. Reduziert man sie auf diese Rolle, übergeht man allerdings einige Fakten: Zum einen, dass sich in ihrer Familie noch weit mehr Kreative finden, zum anderen, dass sie erst Jahre nach ihrem frühen Filmdebüt auch unter der Regie ihres Vater spielte. Vor allem aber dass sie sich nun bereits Weiterlesen

DAVID E. WILLIAMS: Trust No Scaffold Built Of This Bone

David E. Williams taucht zuverlässig in jedem Dark Folk- und Dark Cabaret-Kanon auf und liegt konsequent quer zu allen Standards solcher Musik. Gleich zweimal das Wort „dark“ in den ersten Satz zu packen war nicht einmal beabsichtigt, aber als allgemeines Attribut ist es mehr als legitim. Williams ist ein Unikat, will man ihn dennoch charakterisieren, dann vielleicht am ehesten als schwarzgalligen Zwillingsbruder von Daniel Johnston, als idealen Star sämtlicher Houellebecq-Verfilmungen, als liebenswürdig-verbiesterten Anti-Crooner, der einem selbstverliebten Weiterlesen

AIN SOPH: Ars Regia (LP Re-Release + Buch)

Es ist nicht leicht, etwas Allgemeines über Ain Soph zu sagen. Die Interessen und Ausdrucksweisen der römischen Band haben sich in den knapp drei Jahrzehnten seit ihrer Gründung zum Teil extrem gewandelt. Das gleiche lässt sich über die Stimmung ihrer Musik sagen, ähnliches über die Haltung des von einigen Umbesetzungen geprägten Kollektivs, die immer deutlich präsent ist, auch dann, wenn sie vordergründig vage und ungreifbar bleibt. Vergleicht man bestimmte Referenzen im Bandkosmos untereinander oder mit den Interessen der einzelnen Musiker in ihren anderen Aktivitäten Weiterlesen