HAUS ARAFNA: You

Etwa einmal im Jahr bekommt man – in Form dessen, was im angloamerikanischen Raum inzwischen „snail mail“ genannt wird – einen schön gestalteten Flyer mit Ankündigungen von meistens etwa zwei neuen Veröffentlichungen von Galakthorrö – immer bevor im WWW die ersten Informationen auftauchen. Dieser liebenwürdige Anachronismus ist in einer Zeit, in der alles, was nur zu digitalisieren ist, in MP3s, AVIs, PDFs etc. transformiert wird, dabei seiner Materialität beraubt und dadurch oftmals kastriert wird, fast schon ein Akt des notwendigen Widerstands. Weiterlesen

OSSIAN BROWN: Haunted Air

In unseren Breitengraden mag man der Zunahme von Aktivitäten anlässlich Halloweens zu Recht kritisch gegenüberstehen, hat das (Über-)Angebot von Masken, Kostümen, Dekoration etc. doch primär mit dem Wunsch der Industrie zu tun, einen weiteren Markt für ihre Produkte zu finden, wirken die „Süßes oder Saures“-Rufe vieler Kinder seltsam leer und farblos, auf der anderen Seite die teils aggressiven Abwehrgesten älterer Mitbürger hilflos. Weiterlesen

SHARRON KRAUS: The Woody Nightshade

Die englische Folksängerin Sharron Kraus wurde vielen unserer Leser wohl durch ihr letztes Studioalbum „The Fox’s Wedding“ bekannt, das 2008 auf dem Durtro Jnana-Label von David Tibet und Mark Logan erschien. In dem kurz darauf geführten Interview vermittelte sie einen Einblick in ihre vielseitige Persönlichkeit, die ein leidenschaftliches Interesse an kulturellen Traditionen mit modernen Ansichten in sich vereint, ohne dass es wie ein Widerspruch anmuten würde. Weiterlesen

V.A.: Schlagstrom! Vol. 5

Das Schlagstrom-Festival ist eine Berliner Konzertreihe, die sich verschiedenen Spielarten elektronischer Musik widmet und alten Szeneveteranen und Newcomern die Möglichkeit gibt, sich die Bühne zu teilen. Innerhalb der elektronisch erzeugten oder zumindest bearbeiteten Musik ist so ziemlich alles möglich, ein weiteres Kriterium ist natürlich die Attraktivität der meisten Acts für schwarzgekleidetes Publikum jedweder Art, also eher Elektro als Electro, um es auf die Korinthentour zu sagen. Weiterlesen

CYCLOBE: Wounded Galaxies Tap At The Window

Stephen Thrower und Ossian Brown debütierten 1999 mit „Luminous Darkness”, einem anspruchsvollen, unglaublich dichten Album von Geräuschmusik, das Throwers langjährige Mitwirkung bei Coil verriet, aber (weitaus) weniger am Song orientiert war. Der Nachfolger „The Visitors“ knüpfte daran an, enthielt aber einige wesentlich längere, ausufernde Tracks, die man durchaus als psychedelisch im besten Wortsinne bezeichnen konnte. Weiterlesen

ANTONY AND THE JOHNSONS: Thank You For Your Love

Antonys Imagewandel vom engelsgleichen Sonderling zum Liebling der Popschickeria hat etwas Märchenhaftes, und mit ein paar tragikomischen Wendungen mehr gäbe seine Geschichte glatt einen gelungenen Almodovar-Stoff ab. Es gibt aber auch ein paar Dinge, die etwas schade sind. Weiterlesen

BLACK MOUNTAIN: Wilderness Heart

Erst kürzlich berichtete unser Magazin über die texanische Psychrock-Combo THE BLACK ANGELS. Im gleichen Atemzug werden mittlerweile gerne die kanadischen BLACK MOUNTAIN genannt, die ihre Fans ebenfalls dieser Tage mit einem neuen Album beehren. Dies mag vielleicht den beiden Bandnamen geschuldet sein, so wie viele Leute gerne von David Lynch auf Cronenberg kommen, und man sich bisweilen fragt, warum. Die Liebe beider Gruppen zur Rockmusik früherer Dekaden, die im jeweils eigenen Schaffen deutlich herauszuhören ist, trägt sicher noch mehr zu dieser Verknüpfung bei, die bei genauerem Hinhören jedoch etwas vorschnell ist. Weiterlesen

THE BLACK ANGELS: Phosphene Dream

Ein interessantes Phänomen sind sie – THE BLACK ANGELS, die sich vor drei Alben im Texanischen Austin zusammengeschlossen und nach einem Song von THE VELVET UNDERGROUND benannt haben: “The Black Angel’s Death Song”, jenes hypnotisierende Stück Monotonie vom 67er Bananenalbum, das auf noch gewagtere Experimente vorausweisen sollte. In diese Zeit zeigen auch sämtliche stilistische Wegweiser des Quintetts, das die BEATLES zu seinen Hauptinspirationen zählt, aber allem Anschein nach noch viel mehr von Gruppen wie THE DOORS und den 13TH FLOOR ELEVATORS gelernt hat. Weiterlesen

ISOBEL & NOVEMBER: Sleeping Keys

Die Schweden ISOBEL & NOVEMBER haben letztes Jahr schon einen Longplayer herausgebracht, dessen Highlight „Big Black Crow“ ein richtiger Kracher gewesen ist. Ich tat den Song damals als Glückstreffer einer Band ab, die ansonsten ganz gekonnt auf der Welle gewisser Musik mitschwimmt, die man mit der Metropole Denver assoziiert: düstere Americana, die in Skandinavien natürlich so exotisch wirken muss wie der australophile Sound von MADRUGADA, das ganze mit einem Schuss Gothic und einer markanten Stimme. Das war allerdings etwas vorschnell, denn die Inspirationen der vier Musiker scheinen vielfältiger zu sein. Weiterlesen

KUNST ALS STRAFE: Movement Across A Barren Surface

Wer mit der Musik der Berliner Gruppe KUNST ALS STRAFE nichts anfangen kann, der kommt sicher in Versuchung, ihren Bandnamen auf den eigenen Hörverdruss zu beziehen. Tatsächlich referiert er auf eine kulturwissenschaftliche Tagung, deren Vorträge auch in einem Sammelband vorliegen. Unter anderem mit dem „genealogischen“ Foucault („Überwachen und Strafen“ etc.) im Gepäck, wird dort den Wechselbeziehungen von Kreativität und Disziplin nachgegangen, und man könnte es sich jetzt zum Sport machen, diesen Relationen im Sound der Band um Gerrit Haasler nachzuspüren. Weiterlesen

ISOBEL CAMPBELL & MARK LANEGAN: Hawk

Isobel Campbell und Mark Lanegan betreiben ein kleines Museum, einen Showroom für verwegene Tagträume amerikanischer Prägung. Bei solchen Stichworten muss einem zwangsläufig das vielbeschworene „andere“ Amerika in den Sinn kommen. Man sollte die beiden aber nicht allzu voreilig in den unpopulären und verschrobenen Gefilden des Kontinents verorten, bloß weil sie einen folkig-angebluesten Songwriterton anstimmen und eine stilvolle Vintage-Patina mit hohem Echtheitsfaktor zu ihrem Markenzeichen erklärt haben. Weiterlesen

aTELECINE: …and six dark hours pass

Es gibt den Begriff des Halo-Effekts, der die Auswirkungen, die ein Element auf ein weiteres hat, beschreibt (z.B. wie einzelne itemsin einem Fragebogen einander beeinflussen). Auch im künstlerischen Bereich könnte man davon sprechen, wenn ein in einem Medium bekannter Künstler sich an etwas anderem versucht. Wie viele Menschen würden sich z.B. für die Gemälde Bob Dylans interessieren, gäbe es da nicht seine Jahrzehnte andauernde Karriere als Musiker, ähnliches ließe sich bzgl. Paul McCartneys fragen. Es ist vielleicht müßig darüber zu spekulieren, aber wahrscheinlich fände ohne die auditive Hilfe der visuelle Output nicht so schnell den Weg in Galerien und Museen. Weiterlesen

MONTE CAZAZZA – The Cynic

Wird der Name Monte Cazazza genannt, so ist das, was ich den Raunfaktor nennen möchte, sehr hoch, schließlich hat der Kalifornier in den 70ern den Slogan „industrial music for industrial people“ erfunden (der zur Bezeichnung für ein ganzes Genre werden sollte), drehte zudem angeblich den ersten Kunstfilm, in dem ein Fistfuck gezeigt wurde („Mondo Homo“) oder ließ auf einem Kunstevent einen verwesenden Katzenkadaver verbrennen und verwehrte den angeekelten Besuchern die Flucht. Weiterlesen

JULIA KENT: Last Day In July

Über Julia Kent ließe sich mittlerweile schon ein kleines Buch schreiben, so viele Bands hat sie bereits mit ihrem Cello begleitet, sei es auf Tour oder bei Aufnahmen. Eine Aufzählung würde hier den Rahmen sprengen, exemplarisch seien nur RASPUTINA, LARSEN, ANTONY AND THE JOHNSONS und BACKWORLD genannt. Dabei versteht sie es immer, ihre Arbeit mit Bogen und Saiten auf die stilistischen Eigenarten der jeweiligen Künstler auszurichten, jede Egozentrik scheint ihr fremd zu sein. Als vor wenigen Jahren dann ihr Debüt „Delay“ erschien, war die Überraschung umso größer, denn die kreative Eigenständigkeit ihrer auf Loops und Klangschichten basierenden Musik lag auf der Hand. Weiterlesen

ORCHESTRA NOIR: What If…

“Was wäre wenn..?” – eine Frage, die wohl jedes Gemüt ab und an in tagträumerischer Laune in eine Welt glücklicherer Wendungen und besserer Entscheidungen abdriften lässt. Die das Hadern mit dem Hier und Jetzt verstärkt, und doch die Möglichkeit eines besseren Lebens bewusst macht. Selbstverständlich kann man dieses Gedankenspiel auch umdrehen, und sich fragen, wie es wohl wäre, wenn alles noch schlechter kommen würde, oder am Ende sogar ganz ohne den Konjunktiv: Ob nicht sowieso alles viel trostloser ist, als es scheint. Weiterlesen

THE OWL SERVICE: The View Fron A Hill

Man mag von Folkbands mit sehr starkem Rekurs auf die Jahre um 1970 halten, was man will – neben den bereits vorgestellten TREMBLING BELLS und Sängerinnen wie SHARRON KRAUS haben auch THE OWL SERVICE das Potenzial, Anhänger von Veteranen wie THE PENTANGLE, TREES oder MELLOW CANDLE positiv zu überraschen. Nur soviel zu den obligatorischen Vergleichen, die man schlecht unter den Tisch fallen lassen kann, zumal Alison O’Donell von letztgenannter Band an den neuesten Aufnahmen mitgewirkt hat. Weiterlesen

HYBRYDS: Urban Rituals

Mitte der 80er rief ein Künstler namens Sandy Viktor Nijs, der sich Magthea nennt, ein Musikprojekt ins Leben, das für Jahre die Vorstellung dessen mitprägen sollte, was man gängigerweise unter dem Genre “Ritual Industrial” versteht: die HYBRYDS. Weitgehend unerkannt von den Augen und Ohren der Musikethnologen impliziert ihr Sound die Vorstellung einer archaischer Ritualistik, transponiert in ein post-industrielles Setting. Auch nach rund fünfundzwanzig Jahren verfolgen die Hybryds ihre Richtung weiter, soeben erschien ihr neuestes Album. Weiterlesen

ANEMONE TUBE: Dream Landscape

Das deutsche Dark Ambient- / Noiseprojekt kehrt nach längerer Pause (zuletzt hatte ich sie auf der bei Auf Abwegen erschienenen Zusammenarbeit mit Christian Renou wahrgenommen) mit einem großformatigen CD/DVD-Paket zurück, das als erster Teil der so genannten „Suicide Series“, die auf an verschiedenen Orten gemachten Feldaufnahmen basiert, konzipiert ist und aufgrund der Gestaltung wie eine (Ver-)Weigerung wirkt, (illegale) Downloads (bzw. MP3s als dominantes Medium) zu akzeptieren. Weiterlesen

LAETITIA SADIER: The Trip

Wer den Namen Laetitia Sadier hört, denkt zunächst an STEREOLAB, jene experimentierfreudige Londoner Band, die mit als erste den Stempel „Post Rock“ verpasst bekam und sich bereits durch eine Gemeinschaftsarbeit mit NURSE WITH WOUND verdient gemacht hatte. Zu Beginn der 90er wurde die Band nämlich von Sadier und ihrem damaligen Partner Tim Gane aus der Taufe gehoben, und ihr etwas spröder Gesang galt seither als eines der Markenzeichen der Band. Weiterlesen