Die Schweden ISOBEL & NOVEMBER haben letztes Jahr schon einen Longplayer herausgebracht, dessen Highlight „Big Black Crow“ ein richtiger Kracher gewesen ist. Ich tat den Song damals als Glückstreffer einer Band ab, die ansonsten ganz gekonnt auf der Welle gewisser Musik mitschwimmt, die man mit der Metropole Denver assoziiert: düstere Americana, die in Skandinavien natürlich so exotisch wirken muss wie der australophile Sound von MADRUGADA, das ganze mit einem Schuss Gothic und einer markanten Stimme. Das war allerdings etwas vorschnell, denn die Inspirationen der vier Musiker scheinen vielfältiger zu sein. Weiterlesen
KUNST ALS STRAFE: Movement Across A Barren Surface
Wer mit der Musik der Berliner Gruppe KUNST ALS STRAFE nichts anfangen kann, der kommt sicher in Versuchung, ihren Bandnamen auf den eigenen Hörverdruss zu beziehen. Tatsächlich referiert er auf eine kulturwissenschaftliche Tagung, deren Vorträge auch in einem Sammelband vorliegen. Unter anderem mit dem „genealogischen“ Foucault („Überwachen und Strafen“ etc.) im Gepäck, wird dort den Wechselbeziehungen von Kreativität und Disziplin nachgegangen, und man könnte es sich jetzt zum Sport machen, diesen Relationen im Sound der Band um Gerrit Haasler nachzuspüren. Weiterlesen
ISOBEL CAMPBELL & MARK LANEGAN: Hawk
Isobel Campbell und Mark Lanegan betreiben ein kleines Museum, einen Showroom für verwegene Tagträume amerikanischer Prägung. Bei solchen Stichworten muss einem zwangsläufig das vielbeschworene „andere“ Amerika in den Sinn kommen. Man sollte die beiden aber nicht allzu voreilig in den unpopulären und verschrobenen Gefilden des Kontinents verorten, bloß weil sie einen folkig-angebluesten Songwriterton anstimmen und eine stilvolle Vintage-Patina mit hohem Echtheitsfaktor zu ihrem Markenzeichen erklärt haben. Weiterlesen
aTELECINE: …and six dark hours pass
Es gibt den Begriff des Halo-Effekts, der die Auswirkungen, die ein Element auf ein weiteres hat, beschreibt (z.B. wie einzelne itemsin einem Fragebogen einander beeinflussen). Auch im künstlerischen Bereich könnte man davon sprechen, wenn ein in einem Medium bekannter Künstler sich an etwas anderem versucht. Wie viele Menschen würden sich z.B. für die Gemälde Bob Dylans interessieren, gäbe es da nicht seine Jahrzehnte andauernde Karriere als Musiker, ähnliches ließe sich bzgl. Paul McCartneys fragen. Es ist vielleicht müßig darüber zu spekulieren, aber wahrscheinlich fände ohne die auditive Hilfe der visuelle Output nicht so schnell den Weg in Galerien und Museen. Weiterlesen
MONTE CAZAZZA – The Cynic
Wird der Name Monte Cazazza genannt, so ist das, was ich den Raunfaktor nennen möchte, sehr hoch, schließlich hat der Kalifornier in den 70ern den Slogan „industrial music for industrial people“ erfunden (der zur Bezeichnung für ein ganzes Genre werden sollte), drehte zudem angeblich den ersten Kunstfilm, in dem ein Fistfuck gezeigt wurde („Mondo Homo“) oder ließ auf einem Kunstevent einen verwesenden Katzenkadaver verbrennen und verwehrte den angeekelten Besuchern die Flucht. Weiterlesen
JULIA KENT: Last Day In July
Über Julia Kent ließe sich mittlerweile schon ein kleines Buch schreiben, so viele Bands hat sie bereits mit ihrem Cello begleitet, sei es auf Tour oder bei Aufnahmen. Eine Aufzählung würde hier den Rahmen sprengen, exemplarisch seien nur RASPUTINA, LARSEN, ANTONY AND THE JOHNSONS und BACKWORLD genannt. Dabei versteht sie es immer, ihre Arbeit mit Bogen und Saiten auf die stilistischen Eigenarten der jeweiligen Künstler auszurichten, jede Egozentrik scheint ihr fremd zu sein. Als vor wenigen Jahren dann ihr Debüt „Delay“ erschien, war die Überraschung umso größer, denn die kreative Eigenständigkeit ihrer auf Loops und Klangschichten basierenden Musik lag auf der Hand. Weiterlesen
ORCHESTRA NOIR: What If…
“Was wäre wenn..?” – eine Frage, die wohl jedes Gemüt ab und an in tagträumerischer Laune in eine Welt glücklicherer Wendungen und besserer Entscheidungen abdriften lässt. Die das Hadern mit dem Hier und Jetzt verstärkt, und doch die Möglichkeit eines besseren Lebens bewusst macht. Selbstverständlich kann man dieses Gedankenspiel auch umdrehen, und sich fragen, wie es wohl wäre, wenn alles noch schlechter kommen würde, oder am Ende sogar ganz ohne den Konjunktiv: Ob nicht sowieso alles viel trostloser ist, als es scheint. Weiterlesen
THE OWL SERVICE: The View Fron A Hill
Man mag von Folkbands mit sehr starkem Rekurs auf die Jahre um 1970 halten, was man will – neben den bereits vorgestellten TREMBLING BELLS und Sängerinnen wie SHARRON KRAUS haben auch THE OWL SERVICE das Potenzial, Anhänger von Veteranen wie THE PENTANGLE, TREES oder MELLOW CANDLE positiv zu überraschen. Nur soviel zu den obligatorischen Vergleichen, die man schlecht unter den Tisch fallen lassen kann, zumal Alison O’Donell von letztgenannter Band an den neuesten Aufnahmen mitgewirkt hat. Weiterlesen
HYBRYDS: Urban Rituals
Mitte der 80er rief ein Künstler namens Sandy Viktor Nijs, der sich Magthea nennt, ein Musikprojekt ins Leben, das für Jahre die Vorstellung dessen mitprägen sollte, was man gängigerweise unter dem Genre “Ritual Industrial” versteht: die HYBRYDS. Weitgehend unerkannt von den Augen und Ohren der Musikethnologen impliziert ihr Sound die Vorstellung einer archaischer Ritualistik, transponiert in ein post-industrielles Setting. Auch nach rund fünfundzwanzig Jahren verfolgen die Hybryds ihre Richtung weiter, soeben erschien ihr neuestes Album. Weiterlesen
ANEMONE TUBE: Dream Landscape
Das deutsche Dark Ambient- / Noiseprojekt kehrt nach längerer Pause (zuletzt hatte ich sie auf der bei Auf Abwegen erschienenen Zusammenarbeit mit Christian Renou wahrgenommen) mit einem großformatigen CD/DVD-Paket zurück, das als erster Teil der so genannten „Suicide Series“, die auf an verschiedenen Orten gemachten Feldaufnahmen basiert, konzipiert ist und aufgrund der Gestaltung wie eine (Ver-)Weigerung wirkt, (illegale) Downloads (bzw. MP3s als dominantes Medium) zu akzeptieren. Weiterlesen
LAETITIA SADIER: The Trip
Wer den Namen Laetitia Sadier hört, denkt zunächst an STEREOLAB, jene experimentierfreudige Londoner Band, die mit als erste den Stempel „Post Rock“ verpasst bekam und sich bereits durch eine Gemeinschaftsarbeit mit NURSE WITH WOUND verdient gemacht hatte. Zu Beginn der 90er wurde die Band nämlich von Sadier und ihrem damaligen Partner Tim Gane aus der Taufe gehoben, und ihr etwas spröder Gesang galt seither als eines der Markenzeichen der Band. Weiterlesen
ARGINE: Umori D’Autunno
Würde man die wichtigsten Italo-Folker auf einer Skala einordnen, die von „psychedelisch schräg“ bis „glasklar nostalgisch“ reicht, so wären ARGINE aus Bella Napoli recht nah beim letztgenannten Pol anzuordnen. Mit der (mich nur bedingt überzeugenden) Terminologie aus Rigobert Dittmanns Essay „Heldendämmerung“ gesprochen, sind sie viel eher Idealisten als Nihilisten. Argine mit ihrem kraftvoll-punkigen Vorzeige-Neofolk sind nach sechs Jahren wieder da, und sie machen ihre Sache leidenschaftlich gut. Weiterlesen
V.A.: Rough Trade Shops Psych Folk 10
Was ist eigentlich Psychedelic Folk? Die Kenner werden die Nase rümpfen, und wenn sie auf dem neuesten Stand der Dinge sind, dürfen sie, schon um sich um eine allzu schulmeisterliche Definition zu drücken, auf die Monografie „Seasons They Change“ von Jeanette Leech verweisen, die in Kürze erscheinen wird, und bei entsprechender Zeit und Muse auch bei Black Online gewürdigt werden soll. Das Lästern über diverse Folk-Präfixe und ihre allzu vollmundige Verwendung hat ja auch in diesem Magazin eine gewisse Tradition. Anlässlich der gerade beim vermeintlichen Indie-Riesen Rough Trade erschienenen „Psych Folk 10“-Compilation sollte man vielleicht noch einmal rekapitulieren, wovon man spricht. Weiterlesen
ANDREW LILES – Interview
Es mag ein ungewöhnliches Kompliment sein, bei einem Vertreter sogenannter Experimentalmusik zuallererst auf das große Unterhaltungspotential hinzuweisen. Seit den 80ern geht ANDREW LILES seiner Leidenschaft, dem Sammeln, Bearbeiten und Zusammensetzen ungewöhnlicher Klänge nach, machte irgendwann sein Steckenpferd zum Beruf und zählt heute nicht nur zu den wichtigsten Figuren im Dunstkreis von NURSE WITH WOUND, sondern auch mit seinem Solowerk zu den ganz Großen an der Schnittstelle von Electronica und Musique Concrète. Weiterlesen
SLEEP CHAMBER: Satanic Sanction
Der Amerikaner John Zewizz ist seit Ende der Siebziger (mit Sleep Chamber seit Anfang der 80er) musikalisch aktiv und gehört zur zweiten Industrialgeneration: Mit Sleep Chamber (und einer Reihe von Seitenprojekten) und seinem Label Inner-X-Musick (auf dem neben eigenen Projekten auch Werke von u.a. Controlled Bleeding und Hunting Lodge veröffentlicht wurden) bewegte er sich thematisch am Nexus zwischen Magie (was durch die an TOPY angelehnte eigenwillige Orthographie und das Artwork sehr offensichtlich wird) und Sex Weiterlesen
SABBATH ASSEMBLY: Restored To One
Sabbath Assembly, benannt nach der wöchentlichen Zusammenkunft der Process Church of the Final Judgment und bestehend aus Jex Thoth und David Nuss – mit Unterstützung von Produzent Randall Dunn, vertonen auf ihrem Debüt Hymnen eben jener von Robert und Mary Ann de Grimston Anfang der 60er gegründeten Gruppe, die schon recht früh auch popkulturell Spuren hinterlassen hat; so zitierte George Clinton auf den ersten Funkadelicalben de Grimston. Weiterlesen
CURRENT 93: Baalstorm, Sing Omega
Will Oldham schrieb in den Linernotes zur Compilation „Judas as Black Moth” über David Tibets Projekt: „Current 93 exists at the eye of a salutary storm; one that yields fear from fear, awe from awe and love from love.” Diese Sturmmetaphorik durchzieht das gesamte neue Album. Anlässlich der beiden Auftritte im HMV Forum bezeichnete Sebastian Horsley – der „Dandy in der Unterwelt” – einen Dichter als jemanden, der seine Faust emporstreckt und hofft, dass ein Blitz einschlagen werde. Weiterlesen
NOVELLER: Desert Fires
Ich kann nicht umhin, mir die Wüstenfeuer, die dem neuen NOVELLER-Album den Namen geben, als nur schemenhaftes Glühen am nächtlichen Horizont vorzustellen, aller naiven Farbenpracht des Covers zum Trotz. Höchstwahrscheinlich lassen die klangvollen Variationen auf der elektrischen Gitarre, in ihrer Entrücktheit und Intensität an hypnotische Dämmerzustände erinnernd, am ehesten derart nächtliche Assoziationen zu. Weiterlesen
THE GREAT PARK: If You Can Hold It You Can Throw It
Das Kontrastieren von schönen, mitunter gar idyllisch anmutenden Klängen mit bitteren oder zumindest doppelbödigen Lyrics ist seit jeher eines der beliebtesten Vexierspiele der Musik. Doch Vorsicht ist geboten, denn so etwas kann schnell bemüht wirken und nach hinten losgehen, und ehe sich der Künstler versieht, lautet das Urteil der feindseligen Schreiberzunft: „plakativ“. Wenn das Ganze sich jedoch nicht allzu demonstrativ durch ein ganzes Album zieht, sondern eher mit beiläufiger Selbstverständlichkeit vonstatten geht, kann so etwas nach wie vor seine Wirkung haben. Weiterlesen