Eine der Schattenseiten des DIY besteht in der Tatsache, dass viele der zwangsläufig limitierten Veröffentlichungen von relativ unbekannten aber hochrenommierten Bands früher oder später für drei- bis vierstellige Summen gehandelt werden. Ist dies schlicht Teil eines wilden Anarchismus oder doch der unweigerliche Sieg des kapitalistischen Marktes? Ultralibertäre würden sicher beides bejahen und darauf pochen, dass das ohnehin das gleiche sei. Wie dem auch sei, der natürliche Feind des Leichenflädderers ist die Wiederbelebung von Toten, und dank der vorliegenden Weiterlesen
400 PPM: Just In Time
Shawn O‘ Sullivan, der u.a. mit Led Er Est, einem Trio aus New York, eine Musik spielt, die ihre Inspiration ganz sicher aus dem Wave der 80er zieht und mit ihnen auf einer Reihe von Alben die Möglichkeiten melancholischer Musik ausgelotet hat, debütierte 2013 mit einer EP unter dem Namen 400 PPM, auf dem er einen reduzierten Techno spielte, der musikalisch scheinbar weit entfernt von Led Er Est war, was aber nicht verwunderte, hat O‘ Sullivan seine Wurzeln doch im Techno. Weiterlesen
DREW MCDOWALL: Haecceity Deluge
Im Laufe seiner Karriere hat Drew McDowall recht unterschiedliche Musik gespielt, die – abgesehen vom punkigen Frühwerk – das im weitesten Sinne Experimentelle und Elektronische gemeinsam hat. In den letzten Jahren trat er hauptsächlich als eine Hälfte von Compound Eye in Erscheinung, und untermauerte dort seinen Ruf als exzellenter Dröhner fernab dessen, was heute Hipsterstandard ist. Daneben unterstützt er im Rahmen seiner Produzentenarbeit junge Bands und tritt mittlerweile auch verstärkt solo Weiterlesen
TRONDHEIM JAZZ ORCHESTRA / CHRISTIAN WALLUMRØD: Untitled Arpeggios and Pulses
Über weite Strecken mag man kaum glauben, dass ganze zehn Musiker an den „Untitled Arpeggios and Pulses“ mitgewirkt haben, und die ersten gut zehn Minuten erscheinen ausgesprochen minimalistisch orchestriert. Eine Folge durlastiger Akkorde auf Wallumrods Flügel, scheinbar endlos wiederholt, eine immergleiche Melodie. Eine ganze Weile lang muss man genau hinhören, um all das zu registrieren, was irgendwann nicht mehr zu überhören ist, nämlich dass dieses trügerische Einerlei voll kleiner, mit der Zeit immer deutlicher werdender Brüche ist. Weiterlesen
CURRENT 93: The Moons At Your Door
Im Anfang war das Wort. So könnte man die Geschichte der Genese/der Genesis von Current 93 beginnen, denn obwohl längere Texte auf dem Frühwerk nur selten vorkamen und manchmal die Stimme nur ein Klang(mittel) unter anderen war, so spielte das Konzept(ionelle), der Logos schon immer eine dominierende Rolle – man denke nur an das musikalisch noch etwas unausgegorene 1983 erschienene 12′-Debüt „LAShTAL“. Weiterlesen
IRMLER / EINHEIT: Bestandteil
Zum dritten mal nun hat sich das ohnehin recht kollaborationsfreudige Duo Hans Joachim Irmler (erstmals mit Faust in Erscheinung getreten) und F.M. Einheit (früher bei den Einstürzenden Neubauten) zusammen ins Studio begeben und in einer längeren Reihe an Jam-Sessions ein beeindruckendes Album entstehen lassen. Den spontanen, tendenziell improvisierten Charakter spürt man an allen Ecken und Enden, trotz allem ist „Bestandteil“ aber auch ein kollagenartiges Werk, das seinen einzelnen Komponenten viel Raum gibt und immer wieder bestimmte Klänge besonders exponiert. Dies verführt natürlich leicht dazu, den Weiterlesen
HIJOKAIDAN: Emergency Stairway To Heaven
Die 1979 in Kyoto gegründete Formation Hijokaidan ist eines der ältesten und langlebigsten Urgesteine aus dem Bereich, der gemeinhin Japanoise genannt wird, und auf der vor sechs Jahren erschienenen 30CD-Box mit dem schlichten Titel “The Noise” – die ich nur in Auszügen kenne – konnte man sich ein Bild machen von den typischen Stilelementen und den Wandlungen der von einigen Umbesetzungen geprägten Gruppe um Gründer Jojo Hiroshige. Hijokaidan sind v.a. durch ihre spektakulären Auftritte berüchtigt, doch es gibt auch eine Vielzahl von Studioafnahmen, die oft in Kollaboration mit Weiterlesen
CONSUMER ELECTRONICS: Dollhouse Songs
Überraschend schnell legen Philip Best, seine Frau Sarah und Russell Haswell nach dem im letzten Jahr veröffentlichten „Estuary English“ mit „Dollhouse Songs“ einen Nachfolger vor, der an den Vorgänger textlich wie musikalisch anknüpft. Eröffnet wird das Album, dessen Cover Trevor Brown gestaltet hat, mit „History of Sleepwalking“, einem Stück aus verzerrten, brutzelnden Sounds, und (kaum zum Tanzen animierenden) Beats. Weiterlesen
HATI: Metanous
Nachdem das enorm rührige Danziger Zoharum-Label vor anderthalb Jahren zwei klassische Alben ihrer Landsleute HATI – „Zero Coma Zero“ und „Recycled Magick Emissions“ – herausbrachte, erscheint nun im selben Haus erstmals ein neues Werk des unlängst zum Trio herangewachsenen Projektes, dessen Musik mittels archaischer Klänge rhythmischer und dröhnender Art mit den tieferen Bewusstseinsschichten seiner Hörer in Dialog tritt. Weiterlesen
V.A.: In The Cities Of Your Eyes
Im Booklet der vorliegenden Compilation findet sich ein Gedicht, in dem die Zeile „In the Cities of your Eyes“ vorkommt, der Verfasser ist der syrische Dichter Nizar Qabbani, und man kann kaum umhin, diese wenigen Zeilen über die Heimatlosigkeit und die Suche auf die Menschen in den Flüchtlingscamps auf den griechischen Dodekanes-Inseln zu übertragen, denen der Sampler gewidmet ist. Um welche Städte es da wohl geht – kündet der Vers von der Erinnerung an die Orte der Herkunft, die sich unverkennbar in die Gesichter der Geflohenen eingebrannt hat? Oder eher von der Sehnsucht nach den unbestimmten Orten der Zukunft, falls man sie denn je erreichen wird? Manchmal hat es sicher mehr Weiterlesen
JOHN ZORN: The Testament of Salomon
Seit seinen Anfängen in den Musikszenen der New Yorker Downtown hat John Zorn eine weite Strecke hinter sich gelegt und derart unterschiedliche Alben als Musiker, Komponist und Produzent hervorgebracht, dass es im Grunde mühsam ist, ein bestimmtest Werk von ihm als repräsentativ herauszuheben. In einem Interview betonte er einmal seinen „additiv“ ausgerichteten Zugang zu diversen Musikarten und sein Faible für das Abklopfen der unterschiedlichsten Genres auf versteckte Verbindungen. Und so ist es wenig von Belang, ob er beispielseise im Jazz, im Rock, im Klezmer oder in weiteren traditionellen Weiterlesen
HEXN: Al-Khimiyya
Das italienische Projekt HEXN ist noch recht jung an Tagen und trat erstmals im letzten Winter in das Halbdunkel einer interessierten Nische. Dort präsentierte es seine streng limitierte CD-EP “Alpha Omega”. Jüngst erschien im Tape-Format und ebenfalls in geringer Stückzahl das erste Album der mysteriösen Formation, bei der man genau genommen nicht wirklich weiß, ob es sich überhaupt um eine solche handelt, oder ob der seltsame Lo Fi-Sound nicht doch von einer einzelnen Person ausgebrütet wurde. Weiterlesen
RAFAEL ANTON IRISARRI: A Fragile Geography
Am Beginn von Rafael Anton Irisarris “A Fragile Geography” stand eine kleine Katastrophe: Beim Umzug von Seattle nach New York kam dem renommierten Soundsammler und Dunkeldröhner beinahe sein ganzes musikalisches Equipment abhanden, dazu ein umfangreiches Archiv an teils rohen, teils bearbeiteten Klangdateien. Abgesehen von dem mittelgroßen Trauma, das ein solcher Verlust für einen Musiker bedeuten muss, scheint die Misere aber auch ihr Gutes gehabt zu haben. Schon kurz nach dem Vorfall meldete Irisarri sich nach mehrjähriger Pause wieder mit Soloarbeiten zurück, und völlig auf neue Weiterlesen
SUBLIMINAL: Sterben Lassen
Mit zwei Alben und einer Reihe von EPs hat sich Albert Fisch als inzwischen rabiatester Künstler in der Galakthorrö-Familie etabliert. Thematisch ein Feld beackernd, das Throbbing Gristle mit „Very Friendly“ und „Slug Bait“ zuerst bestellt haben. „Out of the Light“ verzichtet fast völlig auf Rhythmus, stattdessen eine pulsierende Klangfläche; Fischs Stimme klingt, als wolle er einen Hybrid aus Power Electronics und Black Metal in die Welt werfen: verzerrt, schreiend, kreischend. Weiterlesen
NEW PROCESSEAN ORDER: CrucifEgo
Nach eigener Angabe ist der New Processean Order keine Band, und das nicht nur deshalb, weil die Besetzung neben Hauptinitiator Alessandro Papa bei jeder Veröffentlichung variiert und sich primär aus bekannten Musikern anderer Projekte zusammensetzt. NPO versteht sich darüberhinaus als musikalischer Arm einer Neugründung der von Robert DeGrimston gegründeten Process Church of the Final Judgement, was ein hehres Anliegen ist. Wie sehr die mitwirkenden Musiker hinter diesem Konzept stehen, ist nicht entscheidend für ihre Teilnahme, und vermutlich sind von Weiterlesen
DARKRAD: Little Black World
Wäre das Album „Little Black World“ ein Film, dann wäre es ein Thriller, der an einigen Stellen ganz abrupt in blanken Horror übergeht. Sein Plot wäre episodisch strukturiert mit immer wiederkehrenden Figuren und Motiven, sodass man auch an beliebiger Stelle den Kinosaal betreten könnte. Dann würde je nach der entsprechenden Stelle vielleicht der Eindruck eines subtilen oder aber eines reißerischen Filmes entstehen. „Little Black World“ entschied sich aber dafür, im Medium Musik auf die Welt zu kommen und wurde unter den Händen der Weiterlesen
MARC ALMOND / JEREMY REED / OTHON MATARAGAS: Against Nature
„I’m committing a crime against nature“ sang Marc Almond in dem Stück „In Bluegate Fields“, das extra für ein Konzert in einer viktorianischen Musikhalle unweit der so bezeichneten Gegend Londons geschrieben wurde. In diesem Song ging es – wie nicht selten in den Texten des Sängers – um dekadente Auschweifungen als Flucht aus einer profanen Alltagsexistenz, und er lehnte sich stark an Episoden aus Oscar Wildes „The Picture of Dorian Grey“ an. Dieses berühmte Buch wäre vielleicht nie so entstanden ohne den Einfluss, den ein anderer, damals noch populärerer Roman, auf Wilde ausübte, nämlich „A Rebours“ aus der Feder Weiterlesen
DA-SEIN: Tautology
Ich und auch andere Kollegen haben im Laufe der Jahre immer wieder auf diesen typischen (analogen) Galakathorröklang hingewiesen, einen Sound, der –auch wenn der Grad der Drastik der einzelnen Projekte doch unterschiedlich war – zu einer gewissen Wiedererkennbarkeit führte und für den sich dann der von SPK entlehnte Begriff des Angst Pop einbürgerte. Gleichzeitig war dieser Klang ebenso wie die gewählte Gattungsbezeichnung offen genug und ließ deswegen (genug) Spielraum. Weiterlesen
BLACK LESBIAN FISHERMEN: ectopic apiari
Vom Namen her stapeln die Black Lesbian Fishermen zunächst einmal ziemlich hoch, denn von den vier Bandmitgliedern ist nur einer wirklich lesbisch, nämlich der Bassist Stratis Sgourellis, der auf der Insel Lesbos zur Welt kam und dort lebte, bis er sich an einer Uni in Padmos einschrieb. Der Rest des Quartetts ist entweder auf dem griechischen Festland oder auf der Insel Euböa unterwegs, zu allem Überfluss sind die vier nicht einmal durchgehend männlich, auch wenn die einzige Frau an Bord ihren Namen dezent mit R. abkürzt. Doch nur soviel zur – um im Bildbereich griechischer Geografie zu bleiben Weiterlesen