THE CERAMIC HOBS: Spirit World Circle Jerk

Beim Beschreiben von Musik gebrauche ich hin und wieder das Wort „aufgeräumt“. Es erübrigt sich im Grunde zu erwähnen, dass ich es nie im Bezug auf eine Frank Zappa-Platte verwenden würde, und auch ex positivo muss sicher nicht viel dazu erklärt werden. Wer ein überschaubares Klangbild entwirft, überraschende Wendungen gut dosiert, Ambiguitäten ebenso wie zitathafte Einsprengsel nur punktuell einbringt und an komplexe Rhythmen nicht einmal denkt, der darf schon mal mit dieser Vokabel rechnen. Am meisten Sinn hat der Begriff natürlich dann, wenn zu Minimalismus und Geradlinigkeit auch noch eine kühle, eher trockene Stimmung hinzukommt, und so etwas wie Groove wäre der Sache auch eher nicht so förderlich. Einige ideale Beispiele für so etwas finden sich im Frühwerk von Asmus Tietchens. Aus dem Blickwinkel von The Ceramic Hobs muss das Wort Assoziationen zu einer unzumutbaren Domestizierung hervorrufen. Ihr aktuelles Album „Spirit World Circle Jerk“ hat den Charme einer Kiste, aus der beim vorsichtigen Öffenen ein Dutzend Springteufel heraushüpfen und den Raum mit Konfetti, Flugblättern und allerhand Schrott füllen.

The Ceramic Hobs – zu Deutsch: Die Cerankochfelder – stammen aus dem nordenglischen Blackpool und haben in größeren Abständen auch schon in unseren Breiten gespielt, allerdings war die mediale Resonnanz eher gering. Ihre Diskographie ist jedoch durchaus entdeckenswert, und in der soliden Anzahl an bisherigen Veröffentlichungen findet man nicht nur musikalische Spuren von Punk, Noise, Rockabilly und einer Menge an Cultural Jammings – man stößt auch auf eine wütende Landung Gesellschaftsnausea, an vorderster Front Statements im Geiste der Psychiatriekritik und des Mad Pride-Movement. Und bei Statements ist es nicht geblieben, immer wieder waren Menschen mit Psychiatrieerfahrung in das Line-up der Band integriert und brachten ihre Erfahrung auf eine Weise ein, die fordernd und kämpferisch war und niemals einen lamentierenden Ton annahm.

Ihre neueste LP ist zweigeteilt: Auf den beiden Vinylseiten stehen sich sechs rotzige Songbretter und ein soundscapiges Medley von rund zwanzig Minuten gegenüber, letzteres eine wahre „magical mystery tour“ (Dieter Müh), die auch einen Zwischenstopp in Las Vegas zum Nachladen von „fear and loathing“ unternimmt und das Herzstück des Albums bildet. Die kompakten, aber keineswegs eingängigen Songs der ersten Seite sind von einer Art, die das feinsinnige, doppel- und dreifachironische Songwriting stark kaschiert: hinter einem Gröhlen, das man irgendwo im Grenzbereich zwischen Grindcore, Funeral Doom und bierseligem Prollpunk verorten kann, aber auch hinter ungeschlachten Riffs auf der tiefgestimmten Gitarre und überhaupt einer Menge Dinge, die „schwer“ sind. Vorangetrieben von Kollagen aus notdürftig gezügelter Energie und begleitet von atonalen Brüchen entspinnt sich in „Say no to“ ein Diskurs über den Teufel und über Hexerei in Afrika, was – wie ernsthaft auch immer – strikt abzulehnen sei. Mir rief der Text den Populär-Ethnologen David Signer in Erinnerung, der die missgünstigen Verhexungspraktiken in Westafrika untersucht und unterschlägt, dass solche Okkult-Praktiken erst durch den materialistischen Einfluss seit der Kolonialzeit pervertiert worden sind – weswegen er auch in rechten Publikationen gerne zitiert wird. Auch die weiteren fünf Songs bieten ein enormes Panorama an muskalischen und inhaltlichen Bezugspunkten.

Aus einem kleinen Ableger des überraschend folkigen Titeltracks verselbständigt sich die Mammutkollage auf der zweiten Seite, die den anderen Stücken von der Fülle her in nichts nachsteht, allerdings auf erkennbare Songstrukturen weitgehend verzichtet. „Voodoo Party“ (abgemischt übrigens vom Berliner Noisemusiker Kakawaka) würde, wäre es von fragilerer Konsistenz, an den vielen Kontrasten zusammenbrechen, und nebenbei trieft es vor bissiger Ironie. Eine Big Band spielt auf zur medialen Aufarbeitung eines Schulmassakers, polyphone Rhythmen trommeln gegeneinander an, schöne Pianotupfer, Glockenspiel und beschwingte Salsaklänge werden unter schwergewichtigem Noiserock begraben, kommentiert von einer dreckigen Lache und einem jammernden Saxophon. Immer wieder könnte man ein bestimmtes Detail für den Auftakt eines Songgebildes halten, doch letztlich ist das ganze Stück im Grunde eine einzige Aneinanderreihung von Auftakten ist, die keine sind.

The Ceramic Hobs sind große Verweigerer. Sie verweigern eine stilistische Kohärenz, aus der man ein Genre destilieren könnte. Sie verweigern Aufgeräumtheit nicht nur im Klangbild, sondern auch in ihrer Message. An den Vocals werden sich die Geister scheiden, doch das ist ihnen gleich. Dass all dies nichts mit Untätigkeit und fehlender Markanz zu tun hat, beweisen sie auf der vorliegenden LP ein weiteres mal.

Label: Must Die Records