MIA ZABELKA, ZARAH MANI & LYDIA LUNCH: Medusa’s Bed

Im alten Mythos ist Medusa – La Maledetta – die große Ausbremserin und in der Lage, jeden Enthusiasmus, jede Aufbruchstimmung ebenso zu Stein erstarren zu lassen wie den sterblichen Helden, der es wagt, in ihr durch einen Fluch erstarrtes Antlitz zu schauen. Wo die Medusa steht, ist die Grenze, die Sackgasse, in ihrem tödlichen Blick enden Geschichten. Die allerdings fallen nicht dem Vergessen anheim, vielmehr werden sie zu ihrem eigenen Monument. Doch wie so manches Fatum kann Medusa überlistet werden, und obwohl keineswegs von menschlicher, sondern von göttlicher Gestalt, ist auch sie sterblich.

Das hörspielartige Spoken Words-Album, das Mia Zabelka, Zahra Mani und Lydia Lunch unter dem Titel „Medusa’s Bed“ aufgenommen haben, ist neben einer Vielzahl anderer Motive auch dieser Dialektik von Illusion und Enttäuschung gewidmet, sowie der Suche nach einem Weg, sich aus diesen Verstrickungen zu lösen. „Medusa’s Bed“ erinnert an eine Performance auf einer abgedunkelten Bühne, während der eng bemessene Lichtstrahl des Scheinwerfers ausschließlich auf die Protagonistin, Lydia Lunch, fokussiert ist. Nur gelegentlich hellt sich das Szenario auf und lässt auch die beiden Musikerinnen deutlicher ins Blickfeld rücken. Dem aufmerksamen Rezipienten entgeht die musikalische Leistung der Akteurinnen keineswegs, die mit einem reichhaltigen Soundpool (Mani) und filigran-verfremdetem Violinenspiel (Zabelka) eine fein ausgearbeitete Musik geschaffen haben.

Doch mit ihrer eindringlich derben Stimmarbeit lässt Lunch, wie in vielen ihrer Kollaborationen, auch diese Arbeit knapp an der personality show vorbeischlittern. Sie ist der markante Stempel auf einem Blatt, dass mit feinen, leicht übersehbaren Kalligraphien verziert ist. Die Anekdoten, Aphorismen und Sentenzen, in denen sie zahllose „cold heart facts“ verpackt, berichten von abgewetzten und vor allem erschöpften Figuren, „stranded on the crossroads of bloodshed and oblivion“. Es scheint, dass sie einst so etwas wie einen amerikanischen Traum en miniature geträumt haben: „Everything was possible, allowed, ours“ heißt es zu Beginn, doch wie um die ambiente Schöngeisterei der Ethno-Flöte und der feingliedrigen Soundspäne Lügen zu strafen, endet schon das erste Stück in einem Bekenntnis zum Sinnverlust. Im Verlauf häufen sich drastische Bilder an, „a corpse left rotting in the rain“ ist nur eines davon. „Medusa’s Bed“ ist so hard boiled, aber auch so existenzialistisch wie ein Roman der schwarzen Serie.

Wenn Lunch unverblümte Drastik und versiffte Relaxtheit zu neuen Höhen auffahren lässt, wenn sie mit einer von Whiskey und Tobak gezeichneten Stimme von „daily crucifixions“ berichtet und auf ihre betont abgeklärte Weise „so many deaths, murders, suicides“ beklagt, ist sie – ganz ähnlich ungleichen Geschwistern wie Henry Rollins oder Boyd Rice – auch so etwas wie ein illegitimes Kind Bukowskis. Diese demonstrative Coolness ist stets von einer faszinierenden Ambiguität, vermag sie doch Wahres auszusprechen, mit Selbstironie zu kontern – hier durch raues Grummeln und fiebriges Stöhnen – und zugleich ihren eigenen Selbstwiederspruch unfreiwillig bloszulegen. Denn was wäre abgeklärter als Schweigen? Diesen Schluss nicht zu ziehen macht die Lächerlichkeit, zugleich aber auch die Stärke eines solchen Gestus aus.

Eine ganz eigene Energie entsteht aber durch das Zusammenspiel mit der Musik, die man zu Unrecht herunterspielen würde, sähe man darin nur einen angenehmen, ambienten Hintergrund. Schon das gelegentlich tastende Spiel mit den Saiten, das trotz Raum für Frickelein melodisch und konzentriert ausfällt, lässt sich kaum in die Peripherie der Wahrnehmung verbannen, ebenso der Regen aus kleinteiligen Soundbrocken, der von zeit zu Zeit auf das Ohr niederprasselt. Zu spannend und un-heimelig für einen reinen Kontrast, verschmilzt das klangliche setting mit der Zeit immer mehr mit der Sprache. Dass dabei jede Melodramatik fehlt, verleiht den Geschichten die Portion Tragik, die nötig ist, um im Bett mit Medusa zumindest kein trostloses Ende zu finden. (U.S.)

Label: Monotype