DAVE PHILLIPS & HIROSHI HASEGAWA: Insect Apocalypse

Man müsste schon vollkommen unvertraut sein mit dem Werk von Dave Phillips und Hiroshi Hasegawa (Astro, C.C.C.C. u.a.), um bei einem knapp achtzigminütigen Dröhnen auf der Basis des Klangs tropischer Insekten etwas anderes zu erwarten als Irritation, Dramatik und zugleich so etwas wie „psychedelischen“ Wohlklang. „Insect Apocalypse“, das über ein längers Prozedere hinweg herangewachsen ist, kann außerdem als gelungenes Beispiel kreativer Arbeitsteilung gelten. Den unbeabsichtigten Grundstein zu dieser Kollaboration legte Phillips in mehreren Aufenthalten in Südostasien und Ecuador, wo er in zahlreichen Naturaufnahmen vor allem das immerwährende Summen und Zirpen von Insekten aufzeichnete.

Phillips und Hasegawa, die sich schon seit den 90ern kennen, begannen irgendwann gemeinsam an dem Material zu arbeiten und improvisierten in einem Studio in Koenji erstmals live an den Aufnahmen, die mehrfach durch Filter und Effekte gejagt wurden. Es dauerte jedoch bis 2012, als das Schweizer Luff Festival eine Kollaboration der beiden für einen japanisch-schweizerischen Themenabend vorschlug. So erfolgte der nächste Durchgang dann auf der Bühne. Erst danach entstand die Idee zu einem Album, und nach mehrfachem Hin- und Herschicken von Dateien brachte Phillips die Stücke in ihre endgültige Struktur.

Es gibt einige Tracks auf „Insect Apocalypse“, die mit dem oberflächlichen Eindruck von Eindimensionalität spielen, der sich allerdings schnell verflüchtigen sollte, wenn man Stücke wie „scrap breeding“ oder das statischere „antophilia apocalypse“ nur in entsprechender Konzentration und Lautstärke hört. Nicht nur wird das kontinuierliche Surren mit der Zeit dichter und opulenter, immer mehr zeichnen sich unter der Oberfläche weitere Geräusche ab, die man teilweise für Obertöne halten könnte, die aber – ob geheimnisvolles Pfeifen oder an Froschquaken erinnernde Sounds – allesamt subtil eingebaute Ergänzungen sind.

Andere Tracks sind weit offenkundiger bearbeitet, so treffen in „hexapod retaliation“ ein Mückenkonzert und weitere Urwaldbewohner auf industrielle Geräusche, in „radioactive darkness“ mutiert ein Waldszenario mit Affengelächter in puren Noise und in „anura mutant“ übernehmen endgültig Synthies das Ruder und lassen das Stück in dunklem Grollen ausklingen. Diese Sounds verraten natürlich besonders Hasegawas Handschrift, die sich jedoch ebenso in der fließenden, sich stetig intensivierenden Gestalt wiederfindet, die unweigerlich an die Klangwelten von Astro erinnert.

Dass man letztlich bei vielen Passagen kaum sagen kann, ob sie aussschließlich auf field recordings basieren oder doch eher elektronischen Ursprungs sind, macht einen zusätzlichen Reiz der Platte aus, die allerdings primär aufgrund ihrer atmosphärischen Sogwirkung überzeugt. (U.S.)

Label: Monotype