ASMUS TIETCHENS: Bleiche Brunnen

Das Album mit dem alliterierenden Titel ist das dritte (repsektive vierte, wenn man die Zusammenarbeit mit Arcane Device dazunimmt) Album des Hamburgers auf dem Dark Vinyl Sublabel Stille Andacht. Tietchens’ Veröffentlichungen der letzten Jahre sind von einer zunehmenden Abstraktion gekennzeichnet, von einer Reduktion, einem Minimalismus, ungefähr beginnend mit dem 2000 auf Ritornell erschienenen ersten Teil der Mengenserie. Diese Abstraktion geht fast so weit, dass man in Passagen den Eindruck hat, dass der Klangerzeuger/Klangbearbeiter eher als Absenz denn als Präsenz da ist.Verglichen mit älteren Aufnahmen, auf denen das bearbeitete Klangmaterial manchmal im tatsächlichen Wortsinne (be)greifbarer war, fragt man sich zudem bei vielen neueren Aufnahmen, was hier als Ausgangsmaterial gedient haben könne – und das sollte definitiv nicht als Kritik verstanden werden.

Der Hamburger selbst schreibt über „Bleiche Brunnen“ nicht ganz unpassend: „Elektronische Musik von äußerster Abstraktion. Menschenferne Klänge und Geräusche aus bleichen, vergessenen Brunnen. Poröse Überreste in verlassenen Landschaften, kristalline Zeugnisse anorganischer Zustände von höchster Transparenz. Die Musik vermittelt Ruhe, lädt aber keinesfalls zur Kontemplation ein.“

Auf „Aus bleichen Brunnen“ meint man, ein durch leere Höhlen pfeifender Wind versuche ein Harmonium zu imitieren. „Monopteroi – nah und fern“ erinnert mit den tastenden, leicht hochtönigen Klängen an in Höhlen wachsende Kristalle. Auf „Seltsame Gegend“ tauchen einzelne Töne kurz auf, bevor sie verschwinden. „Ein Hauch von Ozon, lichtblau“ ist verglichen mit den anderen Stücken noch weniger greifbar, die Klänge scheinen sich zu verflüchtigen, so wie das titelgebende Gas. Auf „Die Froschkönigin“ fiept es unruhig, ganz so, als stehe ein jahrzehntealter Computer vor dem Kollaps. Am Ende des Stücks lassen die Töne kurzzeitig an eine im Äther verschindende Stimme denken. Was all den Stücken gemeinsam ist, dass sie durchaus einen (retro-)futuristischen Touch haben.

Vor einigen Jahrzehnten hieß es in einem philosophischen Traktat eines inzwischen emeritierten Anglisten, das das anthropofugale Denken zelebrierte: „Das Ziel der Geschichte – das ist das verwitterte Ruinenfeld. Der Sinn – das ist der durch die Augenhöhlen unter das Schädeldach geblasene, rieselnde Sand.“ Ganz so desolat manifestieren sich diese “[m]enschenferne[n] Klänge” nicht, aber einiges könnte man sich als alternative Soundtracks für „Solaris“ oder „Stalker“ vorstellen. Natürlich enthält auch dieses Album wieder ein obligatorisches Zitat von Cioran und zusätzlich den Hinweis „Eure Angst ist berechtigt“. (MG)

Label: Stille Andacht