Viele selbst gelungene multimediale Arbeiten mit Bild und Sound wirken schon deshalb zusammengepappt, weil einfach vieles immer irgendwie passt, und in den Fällen, in denen ein spontaner Jam-Charakter vorliegt, kann auch noch mal so einiges schief gehen, wenn die Beteiligten lediglich ihrem Egotrip folgen. Arianna Degni und Flavio Rivabella alias Xxena und DBPIT sind derart auf einander eingestimmt, dass sie sich immer den entsprechenden Raum geben, der für einen echten Dialog nötig ist. So gesehen ist es beinahe konsequent, dass die beiden in ihrer neuesten Arbeit den Rezipienten ebenso frei mit einbeziehen und auch im Zusammenspiel Mut zur Fragmentierung zeigen. Weiterlesen
Archiv der Kategorie: Reviews
NATURE AND ORGANISATION: Snow Leopard Messiah
Um den Werdegang von Michael Cashmore zu verstehen, muss man sich v.a. von der Vorstellung verabschieden, dass der Kopf einer Band oder eines Musikprojektes immer die Person am Mikrophon sein muss. Schon in seiner Zeit bei Current 93 war der Gitarrist weit mehr als ein ausführendes Organ, sondern drückte der Musik seinen unverkennbaren Stempel auf. Seine scheinbar einfachen, in Wirklichkeit aber äußerst feinsinnigen Kompositionen bezeugen eine ganz eigene Handschrift, die man im Vergleich zu Current 93-Alben ohne seine Mitwirkung sofort heraushört. Als in den frühen 90ern vermehrt Tonträger von Cashmores eigenem Projekt Weiterlesen
(r): All About Satan
Der Satan musste schon viele Platten über sich ergehen lassen, einige gute und zahllose schlechte, mitunter ganze Musikgenres, aber ganz sicher ist ihm das ziemlich egal, und ob er sich in einer der Vorstellungen über ihn – einer biblischen, einer mittelalterlichen, einer gegenaufklärerischen oder einer libertären – besonders wiedererkennt, bleibt sein Geheimnis. Es ist heute schwer, ihm ein Album zu widmen, mit dem man nicht abgedroschen wirkt, und genau genommen gibt es nur zwei Wege, dies auf die Beine zu bringen. Der eine besteht darin, alle Weiterlesen
TWILIGHT CIRCUS MEETS EDWARD KA-SPEL: 800 Saints In A Day
Wenn Ryan Moore vom Twilight Circus Dub Sound System mit Edward Ka-Spel ins Studio geht, dann ist dies die Wiederaufnahme einer alten Verbindung, denn Moore spielte bekanntlich fast zwei jahrzehntelang Schlagzeug und Bass bei den Legendary Pink Dots. Mit etwas Fantasie also ist ein Album wie “800 Saints A Day” auch ein Beispiel dafür, wie die Pink Dots heute klingen könnten, wenn Moore nach seiner Hinwendung zum Dub in der Band geblieben und seine Einflüsse eingebracht hätte. Weiterlesen
SYLVAIN CHAUVEAU & ENSEMBLE NOCTURNE: Down To The Bone – An Acoustic Tribute to Depeche Mode
Von allen Popgruppen mit Wurzeln im New Wave haben die Jungs aus der Londoner Trabantenstadt Basildon, die im letzten Schnipsel der 70er als Composition of Sound firmierten und sich kurz darauf in Depeche Mode umbenannten, die vielleicht konstanteste Erfolgsgeschichte hinter sich, und es gibt außerdem wenige, die in den Jahrzehnten ihres Bestehens in aller Harmlosigkeit derart polarisiert haben. In meiner Teenagerzeit, in der sich auch immer wieder Depeche Mode-Platten in meinem Regal einfanden, gab es die einen, die in der Combo fast so etwas wie ein Mysterium dunkler Avantgarde sahen und sich anhörten, als sprächen sie über Weiterlesen
IN GOWAN RING: The Serpent and the Dove
Wenn immer ein neues oder aufgewärmtes Musikphänomen auf der Bildfläche erscheint, gibt es Vorreiter, denen der Ruhm der Popularität verwehrt bleibt, dafür aber die Liebe und Anerkennung dezidierter Anhänger auch über einen Hype hinaus sicher ist. Im Folk und seinen dunklen, psychedelischen Spielarten, der im letzten Jahrzehnt in aller Munde war, ist B’ee eine solche Figur. Mitte der 90er gründete er sein Projekt In Gowan Ring, das einem kleinen, aber graduell wachsenden Kreis an Enthusiasten ein Garant für feinsinnigen entrückten Folk mit mittelalterlichen Einflüssen werden sollte. Mit Weiterlesen
AZAR SWAN: And Blow Us A Kiss
Wenn wir in der letzten Zeit eines vernachlässigt haben, dann die Fraktion der stylischen Kids, die Studios, Clubs und Dachterrassen an Orten wie Brooklyn unsicher machen. Das schließt gelegentliche Ausflüge nicht aus, und der ins Reich von Azar Swan, bei denen Drew McDowall bereits mitmischte und die Hinz und Kunz mit These New Puritans vergleicht, lohnt durchaus – zumal die Band gerade in Europa und somit auch Deutschland unterwegs ist und an ausgewählten Orten bald im Doppelpack mit Spiritual Front zu sehen sein wird. Ihr Debüt ist bereits ein Jahr alt und mittlerweile auch als Remixalbum erhältlich, wir halten uns dennoch ans Original. Weiterlesen
MORTHOUND: Off The Beaten Track The Light Don’t Shine
Betrachtet man die düstere Industrial-Riege der 90er und vergleicht diese mit der gediegenen und nicht selten etwas hippen heutigen Soundart-Szene, die man auf der CTM erleben kann und über die Monat für Monat der Wire berichtet, so kommt man zu dem Schluss, dass es zwischen diesen beiden Subkulturen kaum Berührungspunkte gibt. Dennoch hat Benny Nilsen, der sich mittlerweile BJ nennt, als einer der wenigen den Sprung von der einen in die andere Szene geschafft und tanzt mittlerweile auf beiden Hochzeiten. Sein Projekt Morthound, vor rund zwanzig Jahren einer der klassischen Exponenten des Weiterlesen
JOEL LANE: The Anniversary Of Never
Unter den jüngeren Autoren der weird fiction scheint der 2013 relativ jung verstorbene Joel Lane ein Chronist der Versehrten, ein Archivar des Verlusts zu sein: „Personal loss is an important literary theme and one that I return to quite often“ sagte er in einem Interview, das ich vor zwei Jahren mit ihm führte. Wenn in (s)einem in The Socialist veröffentlichten Text über Noir-Romane Lane davon spricht, dass es sich bei diesen Texten um „literature of despair, paranoia and alienation” handle, dann kann man das zumindest partiell auch als eine Beschreibung seiner Literatur(en) verstehen. Weiterlesen
ALIF: Aynama-Rtama
Man muss viel regelmäßiger Musik aus dem nordafrikanischen und vorderasiatischen Raum hören, um ein Gespür für die Poptauglichkeit des Arabischen zu bekommen. Gesungen und im Kontext einer Musik, die mit westlichen Popkategorien kompatibel ist und trotz Wurzeln in der traditionellen arabischen Musik zu unkitschig ist, um Exotismus zu befriedigen, bekommt die Sprache, die man hierzulande wohl doch meist nur im Vorbeigehen oder in politischen Nachrichten streift, einen ganz anderen Klang. Ihr für westliche Ohren oft etwas abgehackter Rhythmus entfaltet dabei eine ganz eigene Poesie. Eine Band, die sich in der Hinsicht Weiterlesen STEVE VON TILL: A Life Unto Itself
Ob Drummer oder Gitarrist, jeder zweite Hardcore-Musiker, der nicht in seinen jugendlichen Gewohnheiten festgefahren ist, hat irgendwann das Bedürfnis, langsamer zu spielen und landet dann zielsicher beim Doom – dieses Klischee kursiert gelegentlich in den USA und ist natürlich hochgradig ignorant gegenüber den Ursprüngen des Doom Metal im Blues und psychedelischen Hardrock. Dennoch steckt darin ein Fünkchen Wahrheit insofern, dass ab den 80ern einige Karrieren einen solchen Weg gegangen sind, darüber hinaus verbindet beide Genres ein gewisser Bezug zum Weiterlesen
HANS JOACHIM ROEDELIUS & LEON MURAGLIA: Ubi Bene
Von den Vertretern der elektronischen Avantgarde, die in den 70ern in musikalischer Nachbarschaft des Krautrock und regional vor allem in Berlin entstanden ist, gehört der heute 80jährige Hans Joachim Roedelius (Kluster, Cluster, Harmonia, Aquarello) eindeutig zu den produktivsten, gerade in den letzten Jahren erschienen zahlreiche Veröffentlichungen, die derart stark an sein früheres Schaffen anknüpfen, dass man nur schwer von einem zweiten Frühling oder überhaupt einem separaten Kapitel seiner künstlerischen Biografie sprechen kann. Das jüngste Werk “Ubi Bene” entstand in Zusammenarbeit mit dem Weiterlesen
MEG BAIRD: Don’t Weigh Down The Light
Meg Baird, die Sängerin und Gitarristin der amerikanischen Folkband Espers und gelegentlich Duettpartnerin von Sharron Krauss und Will Oldham, ist im letzten Jahr von ihrer Heimatstadt Philadelphia in die kalifornische Bay Area gezogen, und auch wenn es Trivia sein mag, wundert man sich angesichts dessen vielleicht etwas weniger darüber, dass sich auf ihrem vor kurzem erschienenen Album “Don’t Weigh Down The Light” alles um die Distanz dreht, um Schritte des Verlassens und Neubeginnens, um die Erinnerung an zurückgelassene Orte, die man nur unter Schmerzen loslassen mag. Weiterlesen
THE EX: At Bimhuis (1991-2015)
Die Engländer würden es zwar nie zugeben, aber insgeheim wurmt es sie, dass sie nicht The Ex hervorgebracht haben, eine Ende der 70er entstandene Punkband aus den Niederlanden, die sich kaum hinter den eigenen Exponenten mit dem Label “Anarcho” verstecken braucht, für die aber Punk auch nie tot sein musste – zum einen, weil sie den Begriff selbst nie so hoch hielten, zum anderen aber, weil sie ihrer Idee des Spontanen und der Revolte gerade deshalb treu geblieben sind, indem sie durch ihre immer wieder wagemutige Hinwendung zu Musikarten wie Jazz, Improv, Noiserock und nicht zuletzt vieles aus Afrika ihr Weiterlesen
FABRIZIO MODONESE PALUMBO: Doropea
Dass der Titel „Doropea“ wie ein Personenname klingt, könnte mit dem äußerst lebendigen Bild zusammenhängen, dass Fabrizio Modonese Palumbo auf dem so betitelten Tape-Album von seiner Heimatstadt Turin zeichnet. Ohne den zusätzlich eingeschmuggelten Vokal wäre das Wort lediglich eine annagrammatische Verschachtelung der Namen zweier Flüsse, die an diesem Ort zusammenfließen: der bekannte Po und die kleine Dora, auch genannt Dora Riparia. Mit Mitteln, die einem von dem früheren Aufnahmen des Larsen- und Blind Cave Salamander-Musikers, der auch als “(r)” firmiert, her Weiterlesen
JOHN DUNCAN / MASAMI AKITA: The Black Album
John Duncan, der früher für seine spektakulären Performances berüchtigt war und heute mit eklatant kurzen Konzerten mehr und mehr seine Fans vergrault, umreißt den Grundcharakter seiner Kollaboration mit Masami Akita als etwas, das man tatsächlich von den wenigen kursierenden Merzbow-Interviews her kennt: “Masami’s and my conversations look like heroin addicts talking: A phrase. A five minute silence. Another phrase. A five minute silence. A question.“ u.s.w. „The Black Album shows what’s going on in our heads.” Es war wohl eine für Soundart-Kollaborationen nicht untypische Weiterlesen
ROBIN CRUTCHFIELD: Into The Dark Wood
Zum inzwischen fünften Mal widmet sich der ehemalige Dark Day-Musiker seinen „acoustic glissando and drone soundscapes for the daydreamers of the world “, seinen minimalistischen und repetetiven Harfenminiaturen für „fairie folk“, „friends in the enchanted otherworld“ und „hidden folk“, die gerne auch einmal „toadstool soup“ zu sich nehmen. Nach Ausflügen zu Dark Holler und Important Records veröffentlicht Crutchfield seine Reise „in den dunklen Wald“ im Eigenverlag auf seinem Minilabel Nigh Eve Recordings lediglich als Download. Weiterlesen
FEE REEGA / TOBIO LOTTO: Shoot
Ich weiß nicht, ob das Küchenpsychologie ist, aber es gibt die Vorstellung, dass man jemanden entweder vögeln oder töten will, wenn man ihm oder ihr länger als sechs Sekunden in die Augen sieht ohne dabei zu blinzeln. Ja, zwischen Gewalt und Dingen, die mit Liebe zu tun haben, gibt es bei genauerem Hinsehen etliche Gemeinsamtkeiten, ganz zu schweigen davon, dass das eine in das andere kippen kann. Aber da ich bei Fee Reega seltsamerweise immer auf Psychothemen kommen, breche ich hier gleich ab und stelle ganz brav ihr neues (angeblich Mini-)Album vor, dass sie diesmal zusammen mit Tobio Lotto in Spanien und Frankreich eingespielt hat. Es enthält ganze Weiterlesen
STEFAN WESOŁOWSKI: Kompleta
Manchmal sind Dinge erst dann vollendet, wenn sie nach einer Zeit des Niedergangs zu einem zweiten Leben erwachen. Der Titel von Stefan Wesełowskis erstmals vor sieben Jahren erschienenem Album verweist auf ein Vollenden, doch die Musik auf „Kompleta“ und erstrecht die visuellen Motive erinnern eher an einen Wiederaufbau, an die Restauration von etwas Altem, Verfallenem unter veränderten Vorzeichen. Weiterlesen