Macelleria Mobile di Mezzanotte, kurz MMM, ist wie eine Noireserie, die sich immer wieder fortsetzt, auch wenn man das nie erwartet, denn die einzelnen Folgen enden immer wieder in derart fataler Schwärze, dass der jeweilige Schluss allenfalls als Cliffhanger zu einem Nachruf taugt. MMM, das ist räudiger Dark Jazz mit Ambient-, Doom- und Noise-Zitaten und im Unterschied zu den ganzen Gebirgsformationen auf Denovali weit entfernt von jeder Entspannungsmusik. MMM, das ist auch die Geschichte abgeklärter Nihilisten in schäbigen Trenchcoats, die nur das Schattenspiel einer Jalousie von den geheimnisvollen Frauen trennt, die ungefähr so viel Skrupel kennen wie Weiterlesen
Archiv der Kategorie: Reviews
CONTROLLED BLEEDING & SPARKLE IN GREY: Perversions of the Aging Savant
Vergangenes Jahr konnte man auf der Facebook-Seite Controlled Bleedings einen Post von Paul Lemos lesen, in dem dieser das Ende der Band verkündete, zu frustriert schien er darüber zu sein, dass das Publikum die vielen musikalischen Ha(c)kenschläge nicht (mehr) mitzumachen schien. Kurz darauf verschwand dieser Post wieder und nun melden sich Controlled Bleeding mit einer Split-CD mit Sparkle In Grey zurück, auf der man den Eindruck hat, mit den hier versammelten Tracks wolle Lemos zeigen, dass er sich um Erwart(ungshalt)ungen und Kohärenz noch immer nicht schert. Weiterlesen
SQUADRA OMEGA: Altri Occhi Ci Guardano
Was haben John Fahey-Gitarren, krautiges Schrammeln, und spukige Giallosounds gemeinsam? Zunächst nicht viel, außer dass sie prinzipiell kombinierbar sind und in etwa der gleichen Zeit die Musikwelt aufmischten und die kompakten Strukturen der Populärkultur aufbrachen. Squadra Omega, ein norditalienisches Kollektiv von Instrumentalisten aus zahlreichen anderen Bands, hatten seit jeher ein Faible für die Musik der 60er und 70er, ohne sich je auf ein Genre oder einen griffigen Retrostil festzulegen. Auf ihrer neuen Doppel-LP legen sie eine Fährte durch einen Dickicht an Errungenschaften, die sie nicht bloß archiviert Weiterlesen
ERIK FRIEDLANDER: Illuminations. A Suite for Solo Cello
Vielleicht würde Erik Friedlander die Bedeutung von Konzepten in seiner Musik nicht allzu hoch ansetzen, dennoch spielen inhaltliche Sujets in seinen Aufnahmen eine große Rolle, beziehen sich doch zahlreiche seiner ohnehin zahlreichen Kompositionen, wenn sie nicht sowieso für Film oder Theater geschrieben sind, auf konkrete Ereignisse oder sind dem Andenken an ihm nahestehende Personen gewidmet. Bedenkt man dann noch die permanente Dynamik von Stimmungen und Spannungen, dann wundert es kaum, dass der New Yorker Cellist sich in erster Linie als Erzähler versteht. Weiterlesen
PRINCE BUJU: We Are In The War
Manchmal sind es ganz einfache Dinge, die gesagt werden müssen, und manchmal will es der Zufall, dass diese einfachen Dinge einen doppelten Boden haben. „We are all in the war, singt Prince Buju in dem Song, der in seiner Heimat Ghana schon längst ein Hit ist und zum Aushängeschild seines Debütalbums wurde. Allerdings meint der Sänger und Saitendrescher einen viel umfassenderen Zustand des Gegeneinander- statt Miteinanderagierens, den die Menschen überwinden sollten. Auf niederländisch, der Sprache seines Verlegers und Protegees Arnold de Boer (The Ex), bedeutet Weiterlesen
ERIK FRIEDLANDER: Nothing on Earth
Der vor zwei Jahren fertiggestellte Film „Nothing on Earth“ ist die Dokumentation einer Dokumentation. Regisseur Mich Angus begleitete den Fotografen Murray Fredericks bei seiner Reise ins Innere Grönlands und filmte seine zum Teil gefahrvollen Anstrengungen, die schmilzende Eisdecke des gewaltigen Landes einzufangen. In der gut ausgewogenen Balance aus Bild und Ton ist der Film Making of und zugleich Kommentar. Weiterlesen
BABY DEE: I Am A Stick
Baby Dee hatte sich in den letzten Jahren – zumindest im Studio – stimmlich etwas zurückgenommen. War ihr letztes Album „Regifted Light“ zum Großteil instrumental, überließ sie auf „State of Grace“, ihrer Zusammenarbeit mit Little Annie, dieser weitgehend das Mikrofon, um schließlich, ganz unter Pseudonym versteckt (was vielleicht ein Grund dafür war, dass das Album kaum medialen Widerhall erfuhr), die Orgel spielte, während Eliot Bates seine Oud zupfte. Weiterlesen
URNA: Devours Me
Wer im letzten Jahr gut aufgepasst und die Ohren nach gutem Ambient offen gehalten hat, dem ist sicher Urnas „Couchemar“-Tape nicht entgangen, auf dem Mastermind Gianluca Martucci doomige Schwere mit dem archaischen Flair des Rituellen zusammenbrachte, um, wie er sagte, Alpträume zu exorzieren. Dass sich Elektronisches und raue Gitarrenklänge die Waage halten, mag ein Grund sein, warum Urnas dröhnende Soundscapes nie nach Gruftieambient klingen. Weiterlesen
REINHOLD FRIEDL: Golden Quinces, Earthed For Spatialised Neo-Bechstein
Die meisten verbinden Reinhold Friedl mit seinem Ensemble zeitkratzer. Weniger bekannt ist, dass der Dirigent von Haus aus Pianist ist und auch in dem Bereich einige Kollborationen und Soloalben vorzuweisen hat. Sein Faible gilt Inside Piano-Techniken, mit denen er sich längst einen eigenen unberechenbaren Stil erarbeitet hat. Für seine jüngst veröffentlichte Arbeit hat er sich nicht zum ersten mal ein Instrument ausgesucht, für das er seit längerem ein besonderes Interesse hegt, nämlich den raren Neo Bechstein-Flügel. Weiterlesen
STEPMOTHER: Calvary Greetings
Vor zehn Jahren, als es Cabaretbands mit Vintagefimmel bis in die Feuilletons geschaft hatten und alle Zeichen auf Weird und Lowbrow standen, hätte man Stepmothers „Calvary Greetings“ glatt für ein hippes Retroding halten können – das wäre dann Alfred Bohlands Schuld gewesen, der das Cover der Platte nebst Booklet mit hundert Jahre alten Kuriositäten in Schwarzweiß und Sepia geschmückt hat. Eine kurze Hörprobe reicht, um festzustellen, dass nostalgischen Erwartungen hier mit einer saftigen Ohrfeige quittiert werden. Weiterlesen
MAI MAI MAI: Petra
Als Toni Cutrone alias Mai Mai Mai vor ein paar Jahren im Umfeld des römischen Experimental-Underground auftauchte und zu seiner musikalischen Reise durch ein mediterranes Altertum aufbrach, konnte man das ganze noch als liebenswürdiges Fake betrachten, war die verspielte und zugleich kühl-analoge Musik doch recht nah an damals gerade gehypter Retro-Electronik Marke Chill Wave angesiedelt, und die Oddysse durch das östliche Mittelmeer als Hintergrundgeschichte klang verdächtig nach einem Nerd, der gerade in seinen verblassten Erinnerungen an den Griechisch- und Lateinunterricht herumkramt. Weiterlesen
CHARLEMAGNE PALESTINE: Ssingggg Sschlllingg Sshpppingg
Bei einem Künstler wie Charlemagne Palestine besteht immer die Gefahr, dass man sich mehr auf den Überbau als auf das Eigentliche konzentriert, will sagen, dass man ihn auf die Rolle des outsider artists reduziert, auf den skurrilen Mann mit Hut, Cognac und enormer Plüschtier(an)sammlung – von denen einige wie schon bei anderen Veröffentlichungen auch das Cover des unaussprechlich betitelten neuen Albums zieren und das den Eindruck erweckt, hier sei diesen Kinderspielzeugen ein Altar errichtet worden, die Sakralisierung des Profanen also. Weiterlesen
ARDECORE: Vecchia Roma
Auch wenn das Covermotiv vielleicht etwas anderes suggeriert, ist mit dem alten Rom, das Ardecore in ihrem dritten Studioalbum besingen, nicht die antike Weltstadt gemeint, sondern das Rom des frühen 20. Jahrhunderts. Ardecore haben in Deutschland bislang nie wirklich Fuß gefasst, obwohl sie in ihrer italienischen Heimat eine bekannte Größe sind. Seit Jahren stehen sie bei einem großen „Indie” unter Vertrag, ihr Name fällt in einheimischen Feuilletons und prangt von glänzenden Titelseiten, einzelne Mitglieder standen bereits mit Leuten wie Mike Patton und Peter Brötzmann auf der Bühne. Weiterlesen
PACIFIC 231 & BARDOSENETICCUBE: The Traditions Of Changes
Wenn zwei Musiker einen völlig konträren Ansatz verfolgen, kann eine Kollaboration zu ungewöhnlichen Ergebnissen führen oder grandios scheitern. Nur eines ist sie niemals: vorhersehbar. Igor Potsukaylo alias Bardoseneticcube ist nach eigener Einschätzung der geborene Surrealist, der sich von seinen Ideen und Assoziationen eher treiben lässt, vergleichbar einem Schreiber der ecriture automatique, der seiner Feder und den Worten freien Lauf lässt. Pierre Jolivet alias Pacific 231 ist Komponist, der dem Soundmaterial begegnet wie ein Bildhauer seinem Steinblock, wenn er schon längst die Idee des künftigen Werks vor Augen hat. Einer fürs kreative Chaos also und ein anderer, um ebendies in eine verdauliche Form zu bringen. Weiterlesen
FUTURE BROWN: s/t
Ein gelungener musikalischer Hybrid oder einfacher ausgedrückt eine gute Stilmischung erkennt man daran, dass die einzelnen Komponenten zwar an vielen Stellen miteinander verschmelzen und überraschend Neues zutage tragen, sich dabei aber keineswegs in einem assimilierten Einheitsbrei auflösen. Visionen dieser Art sind seit Jahren aktuell, und die virtuosesten Resultate finden sich im Bereich elektronischer Producer-Musik. Am Debüt des Allstar-Projektes Future Brown werden sich die Geister scheiden. Alle, die sich unter Weiterlesen
V.A.: Songs For A Child – A Tribute To Pier Paolo Pasolini
Dass der Regisseur und Autor Pasolini so unterschiedliche Fans hat und einen Rattenschwanz an verschiedensten Interpretationen und Vereinnahmungen hinter sich herzieht, ist sicher auch seiner eigenen schwer greifbaren Position geschuldet. Dass er zugleich Katholik, Kommunist und bekennender Schwuler war, ist meist das erste, was man über ihn hört, doch auch jede dieser drei Eigenschaften für sich verkörperte er auf jeweils untypische Art. So bekannte er sich auch nach seinem Parteiaustritt – er wurde wegen seiner Homosexualität geschasst – zu kommunistischen Ideen, gleichwohl seine konkreten Ansichten eher kommunitaristisch oder anarchistisch anmuteten, wenn sie nicht ohnehin eher der katholischen Soziallehre ähnelten. Sein Weiterlesen
KRENG: The Summoner
Es sind schon viele Alben aus Trauer entstanden, und viele handeln von der Trauer um eine geliebte Person. Alben, die das Trauern als solches zum Thema haben, sind seltener. Das könnte damit zu tun haben, dass die Frage nach den Mechanismen des Trauerns sehr theoretisch anmutet, aber sie ist auch komplizierter als man vielleicht denkt, denn eine Trauer, die sich weder in die Verdrängung noch in Selbstmitleid flüchtet, erfordert Leidensfähigkeit und ist keineswegs eine passive Angelegenheit. Weiterlesen
SIELWOLF & NAM-KHAR: Atavist Craft
Auch wenn mit Sielwolf und Nam-khar keine krassen Gegensätze aufeinanderprallen, sind die beiden im Raum Frankfurt ansässigen Projekte doch verschieden genug, um eine wenig vorhersehbare Kollaboration auf die Beine zu bringen. Die seit den späten Achtzigern aktiven Sielwolf fröhnen einem sperrigen Stil, der zwischen industriellen Soundscapes und derbem Crossover rangiert und auch aus den späteren Ambientarbeiten (z.T. veredelt von Mick Harris) nicht verschwunden ist. Das Kollektiv Nam-khar spielt einen rituellen Ambientsound, der wesentlich harmonischer angelegt ist und die Hörer eher durch Sogwirkung und atmosphärische Dichte herausfordert. Wo Sielwolf vertrackte Rhythmen und Weiterlesen
SIX ORGANS OF ADMITTANCE: Hexadic
Die Diskographie von Six Organs of Admittance war schon immer von Veränderungen bestimmt und oszillierte zum einen zwischen folkigen Akustiksongs und lärmigem Feedback, zum anderen zwischen Lofi und Aufnahmen von fast indietauglicher Qualität. Was dann so unterschiedliche Platten wie „Dust & Chimes“, „The Sun Awakens“ oder „Shelter from the Ash“ verband, war der Hang zur Improvisation und der damit verbundene Verzicht auf allzu gute Arrangements, die locker gespannten Gitarrensaiten und einige Eigenschaften mehr, die dutzende von Schreibern dazu bewogen, auch hier den Begriff „Psychedelic“ zu verwenden. Weiterlesen