Der japanische Autor und Multimedia-Künstler Kenji Siratori hat mit seinem früheren Kollaborateur Andrew Liles nicht nur die Veröffentlichungsfrequenz gemeinsam. Die beiden verbindet auch eine Vorliebe für bedrohliche Szenarien mit einem Hang ins Bizarre und Groteske, der sich nirgends so deutlich zeigt wie in der häufigen Verwendung des Wortes Monster. Jüngst ist seine zweite Graphic Novel erschienen, die den Titel „Monster’s Device“ trägt. Nach eigener Angabe hat Siratori die Beschränkungen des Weiterlesen
Archiv der Kategorie: Reviews
CHARLEMAGNE PALESTINE + Z’EV: Rubhitbangklanghear Rubhitbangklangear
Unter den Minimalisten ist Charlemagne Palestine sicher derjenige, der im etablierten und institutionalisierten Musikbetrieb weniger als seine Kollegen wahrgenommen wird. Die Auftritte und Aufnahmen Palestines hatten bzw. haben – nicht nur wegen dem Moment des Repetetiven (der sich auch im Titel widerspiegelt) – (auch) immer einen gewissen rituellen Charakter, etwa wenn z. B. die Stofftiere aus der extensiven Sammlung Palestines auf der Bühne drappiert wurden (vgl. die Rückseite der CD) und er sich den obligatorischen Cognac (der hier das Cover ziert) einschüttete. Und auch Z’EV hat sich sowohl musikalisch Weiterlesen
DANIEL MENCHE: Marriage of Metals
Daniel Menche, mit dessen umfangreichem Werk ich nur punktuell vertraut bin, ist bekannt für konzeptuell stringente Aufnahmen, bei denen meist die Bearbeitung von Sounds einzelner Klanquellen im Vordergrund steht. Das Getöse von Wasserfällen, das Summen von Insekten und diverse Wetterphänomene waren in den letzten Jahren Ausgangsmaterial des amerikanischen Klangmanipulators, die im Endresultat dann unterschiedlich deutlich herauszuhören sind. Sein neues Album trägt den alchemistisch anmutenden Titel „Marriage of Metals“, und was in den beiden Stücken v.a. Weiterlesen
MICK HARVEY: Four (Acts Of Love)
Mick Harvey gehört nicht zu denen, die sich übermäßig viel Zeit lassen für ihre Alben, und wenn man bedenkt, was in der jüngeren Vergangenheit alles auf dem Plan stand – u.a. Touren mit den Neubauten, die Produktion des letzten PJ Harvey-Albums, die Arbeit an einer umfangreichen Serge Gainsbourg-Hommage – dann wundert man sich fast, dass zwischen „Sketches From the Book of the Dead“ und dem jüngst erschienenen „Four (Acts of Love)“ nur knapp zwei Jahre vergangen sind. Aber das passt umso besser, denn in dieser doch sehr australisch geprägten Saison darf neben Simon Bonney, Nick Cave und Hugo Race natürlich auch ein Lebenszeichen des ehemaligen Crime- und Bad Seeds-Mitstreiters Harvey nicht fehlen. Weiterlesen
WOLF EYES: No Answer – Lower Floors
Seit Wolf Eyes Ende der 90er – damals noch als Soloprojekt von Nate Young – debüttierten, war der Rezipient oft fassungslos ob der Flut der Veröffentlichungen – natürlich nicht nur, aber auch auf den Labels, die von jedem einzelnen Mitglied betrieben wurden (auf John Olsons American Tapes, auf Hanson Records des 2005 ausgestiegenen Aaron Dilloway, auf Gods of Tundra, das von Mike Connelly betrieben wird, der die Band vergangenes Jahr verließ und auf Youngs AA Records). Weiterlesen
MUSHROOM’S PATIENCE: Road To Nowhere
Zu den interessantesten Büchern, die vermutlich nie geschrieben werden, zählt die Biografie der Band Mushroom’s Patience, bzw. dessen, was in den 80ern einmal als experimentelle Progband ins Leben gerufen wurde und sich mit den Jahren als ein offenes Kollektiv um Raffaele Cerroni, pardon: Dither Craf, entpuppen sollte. Es wäre ein Buch, dessen Kapitel hier und da abrupt enden. Einmontierte Nebenstränge würden je nach Gusto für Abwechslung oder Verwirrung sorgen, ebenso die wechselhafte Stimmung – mal heiter, oft dunkel, meist aber entspannt und nahezu immer kauzig verdreht. In einem surreal überzeichneten Italien, das den urbanen Schauplatz bildet, tauchen illustre Weiterlesen
ILLUSION OF SAFETY: Sweet Dreams
Das seit 1983 aktive Projekt um Dan Burke hat trotz durchaus atonaler Momente meistens zurückhaltender agiert als viele andere (Post-)Industrialvertreter. Obwohl auch Illusion Of Safety die Abgründe des Un-Tiers Mensch Inspiration waren, so wirkte die Konfrontation mit den Scheußlichkeiten, zu denen der Homo sapiens fähig ist, niemals wie bloßer Selbstzweck, verkam sie nie zur (letztlich) affirmativen Machogeste. Dies spiegelte sich auch in der musikalischen Gestaltung wider, denn Illusion Of Safety waren nie auf einen Ansatz festgelegt. Exemplarisch wird das einerseits verdeutlicht durch das relativ rabiate Weiterlesen
MOMBU: Niger
Sollte es eine Wahl zum sympathischsten Cover des Jahres geben, dann sollten definitiv auch die römischen Tikicore-Jazzer Mombu dafür kandidieren. Die Gestaltung ihres neuen Longplayers „Niger“ ist eine liebevoll-spackige Hommage an diverse Metal-Idole, darüber hinaus die perfekte Einführung in den eigenen Themenkosmos. Mit Tenorsaxophon und einer gewaltigen Drumsection beschwört das Duo aus dem Dunstkreis der legendären Zu ein weiteres mal die Geister einer exotischen Parallelwelt. Was daraus entsteht ist die musikalische Entsprechung eines grindigen Comics, dessen Schauplatz diesmal Weiterlesen
ORCHIS: Chimaera
Orchis ist ein englisches Folktrio um den ex WSD-Mitbegründer Alan Trench und steht nicht nur für glasklaren weiblichen Gesang, sondern auch für ein improvisiertes Saitenspiel, das immer etwas unberechenbar wirkt und manchmal, zusammen mit den Rasseln und Trommeln, auch ordentlich scheppert und knarzt. Wer erst durch den medialen Folkhype vor rund zehn Jahren sein Interesse an solcher Musik entdeckt hat, ist eventuell noch nicht auf die Gruppe aufmerksam geworden, denn die Zeit ihrer regelmäßigen Aktivitäten lag in den 90ern und wurde durch eine kreative Diaspora abgelöst, in der Weiterlesen
JAMES BLACKSHAW AND LUBOMYR MELNYK: The Watchers
Als James Blackshaw und der Pianist Lubomyr Melnyk sich vor Jahren auf einem Festival kennenlernten, war die Begegnung für keinen der beiden unbedeutend. Blackshaw betrachtete den Pionier der auf schier endlosen, enorm schnellen Tonfolgen basierenden „Continuous Music“ als eine zentrale Einflussquelle, Melnyk wiederum bezeichnete den jüngeren Kollegen nach dessen Konzert als sein Pendant auf der Gitarre. Spontan entstand der Plan zu einer kreativen Zusammenarbeit, die sich dann aus Zeitgründen erst im letzten Jahr in einer Londoner Jazzlocation realisieren ließ. Sechs Weiterlesen
ENSEMBLE ECONOMIQUE / HEROIN IN TAHITI: Split LP
Surfrock der frühen 60er ist an sich cool genug, dass man ihn gut dreißig Jahre später auch mal eins zu eins kopieren konnte, ohne gleich peinlich zu wirken, und die zahllosen Tarantino-Parties waren sicher nicht der schlimmste Hype aus den Annalen der 90er Jahre. Seinen Niederschlag in späterer Musik fand dieser Sound hauptsächlich bei Weiterlesen
CUZCOS: s/t
Ganz sicher hatten Natalia und Cristiano das Verwilderte und Unberechenbare ihrer Musik im Sinn, als sie ihre Band Cuzcos nannten, und vielleicht spielten die beiden Argentinier auch mit der Idee, Outcasts und Underdogs zu sein. Im derben hispanischen Slang steht der Name nämlich für Straßenköter, und hat schon vom Sound her eine ganz andere Konnotation als im Deutschen, wo er bestenfalls für altbackenen Dosenbierpunk herhalten könnte. Zumal er auch noch an eine alte Inkastadt in Peru erinnert. Das soll aber keineswegs heißen, dass Cuzcos keinen Bezug Weiterlesen
V.A.: Drone-Mind // Mind-Drone Volume 2: Yann Novak / Strom Noir / Emma Ya / Karl Bösmann
Schon an anderer Stelle haben wir die neue Reihe von Dronerecords vorgestellt, auf der sich jeweils vier Künstler ein Album teilen, um ihre Vorstellung(en) der „Drones of Minds“ zu zeigen. Teil zwei wird von dem Kalifornier Yann Novak, der auch als Video- und Installationskünstler tätig ist, eröffnet. Auf „Silent. Loop.001“ wird als Basis der Klang verwendet, der entsteht, wenn die Nadel des Plattenspielers in die Auslaufrille läuft. Hier spiegelt also das gewählte Ausgangsklangmaterial das Medium des Tonträgers wider. Weiterlesen
CRIME AND THE CITY SOLUTION: American Twilight
Da ist es nun, das endgültige Comeback von Simon Bonney und seiner Band Crime and the City Solution. Bonney stammt aus Sydney und zählt zu den Urgesteinen einer Musik, die Australien in den alten Punk’n'Wave-Tagen ein neues, in dunkle Schatten getauchtes Gesicht gegeben hat. Der geographische Kontext ist aus verschiedenen Gründen interessant. Zum einen machen momentan einige der (meist Melbourner) Veteranen durch Releases von sich reden, am lautesten geredet wird natürlich über Nick Cave, etwas ins Hintertreffen gerät leider das fantastische neue Album von Hugo Race. Zum anderen haben die meisten der alten Garde nach den ersten Aufnahmen Weiterlesen
DEPECHE MODE: Delta Machine
Alle vier Jahre veröffentlichen Depeche Mode ein Album, fragen Journalisten die meist gleichen uninspirierten Fragen (meistens zum Beziehungsgefüge innerhalb der Band) und geht die Band auf eine extensive Tour, auf der deutlich wird, dass im Fansein auch immer Fanatismus steckt. Die Kehrseite der „Devotion“ der Fans ist die extreme Intoleranz – und wer erlebt hat, wie vor etlichen Jahren mit der Supportgruppe Miranda Sex Garden umgegangen wurde, weiß wovon ich spreche. Weiterlesen
OM: Addis Dubplate 12”
„Addis“ ist nicht das erste OM-Stück, das auch in einer Dubversion vorliegt, und doch eines, das sich mit am ehesten dazu anbietet. Der Grund dafür ist inhaltlicher Natur, denn der Titel spielt auf die „neue Blume“, die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba an, die im Rastafari-Glauben eine so wichtige Rolle spielt, ebenso wie der als gottgleich betrachtete äthiopische Kaiser Haile Selassi. Rastafari, eine im frühen 20. Jh. entstandene Religion christlich-messianischer Prägung, ist eine zentrale Einflussquelle für viele jamaikanische Musikarten und ihre Ableger weltweit. Auch Christine Woodbridge und Weiterlesen
HUGO RACE FATALISTS: We Never had Control
Er ist sicher einer der aktivsten Vertreter der alten Melbourner Blues Punk-Riege: Hugo Race, der nach einer kurzen Bad Seeds-Zeit solo und mit diversen Bands aktiv war und über mehr als dreißig Jahre kaum längere Ruhepausen nötig hatte. Der stets die Grenzen der ihn formenden Kultur erweiterte und notfalls auch durchbrach – vom bluesigen Gitarrenrock Australiens zu den Tuareg in Mali, zu seinen indigenen Landsleuten, zu alten Protestsongs und zur Hippiekultur, die man in den kühlen, fatalistischen 80ern so hasste. Weiterlesen
FATHER MURPHY: ORSANTI They Called Them
Es gibt sicher eine Reihe an Gründen, von der gegenwärtigen Musik ernüchtert zu sein – es reicht schon aus, in der endlosen Variation bekannter Stile weniger die Vielfalt zu sehen, sondern eher das Inflationäre, die schiere Quantität. Es gibt jedoch ebenso viele Gründe, von Father Murphy begeistert zu sein. Mit ihrer Wucht und ihren ausgefallenen Ideen haben auch die drei Turiner die Musik nicht neu erfunden und ihre Stil-Entwicklung ist keineswegs frei von Referenzen. Sie haben sich aber zwischen vielen bekannten Feldern ein zuvor unentdecktes Weiterlesen
KING DUDE: Burning Daylight
„We are King Dude“ wird man von TJ Cowgill neuerdings auf Konzerten begrüßt, was darauf schließen lässt, dass er und seine beiden Kumpanen mittlerweile so etwas wie eine feste Band bilden. Zeit also, vom Singular auf den Plural umzusatteln? Warum nicht. King Dude ist also ein Trio aus dem Nordwesten der USA, das dunkle, balladeske Räuberpistolen über die Liebe, den Teufel und den Whiskey zum besten gibt, untermalt von monoton beschwörenden Gitarren, in steter Bewegung gehalten von einer einfachen, evokativen Drumsection, die sich hier und da Weiterlesen