AGENT SIDE GRINDER: Hardware

Ein Albumtitel wie „Hardware“ referiert natürlich auf eine Zeit, als man im Informationsbereich noch einen viel größeren Bezug zum Materiellen hatte als heute. Im Falle von Agent Side Grinder beschreibt er aber auch den Sound sehr gut, denn das Trio spielt eine analoge Musik, die melodisch, eingängig und kurzweilig ist, und jede der rund fünfundvierzig Minuten geht in Ohr und Bein. Harte Ware ist sie dennoch. Von einer Popgruppe sagt man das eher selten. Weiterlesen

To Fuck Up Tradition – Interview mit dem Folkmusiker und Verleger Alan Trench

Alan Trench befasst sich seit etwa zwei Jahrzehnten mit der Vermittlung von Folk in verschiedensten Formen und Ausprägungen – sei es als jemand, der als ein Drittel von World Serpent dazu beigetragen hat, Bands, die ihre ganz eigenen Vorstellungen und Interpretationen von Folk hatten, eine Plattform zu bieten, sei es als jemand, der selbst in einer Reihe von Formationen musikalisch aktiv ist. Am bekanntesten dürfte seine Hauptband – die aus Trench, Amanda Prouten und Tracy Dawn Jeffery bestehenden – Orchis sein. Weiterlesen

LIZ GREEN: O, Devotion!

Im Zuge der vielen (mal mehr, mal weniger gelungenen) Wiederbelebungsversuche des Folk erschien eine beachtliche Reihe an Stilmischungen auf der Bildfläche, und die Überblendung englischer und angloamerikanischer Traditionen wurde um einige interessante Facetten bereichert. Je nach Ausrichtung lassen sich solche Hybride auch kaum vermeiden, wenn man bedenkt, wie eng beide Linien miteinander verknüpft sind. Dennoch bringt die junge Engländerin Liz Green, die in der britischen Musikpresse derzeit unzählige Lobeshymnen erfährt, eine markante neue Nuance ins Spiel, denn die Bandbreite ihrer Songs geht weit über den Einbezug von Blues und Apallachian Folk hinaus. Weiterlesen

THE PROTAGONIST: A Rebours

Aufgrund seines gepflegten Stils assoziiert man den klassischen Dandy gerne mit Mode, doch in Wirklichkeit waren die Dandys des 19. Jahrhunderts recht unzeitgemäße Originale, die sich mit ihrem herausgeputzten Äußeren dem Stildiktak ihrer Zeit entgegen stellten. Ihr Protest gegen die moderne Schelllebigkeit, die uns heute nichtig erscheinen muss, war so radikal wie skurril. Es wird gesagt, dass französische Dandies Schildkröten als Haustiere hielten und sie in demonstrativer Langsamkeit an der Hundeleine vor Fabrikanlagen spazieren führten. Arbeit galt laut Oscar Wilde als eines der größten Laster der trinkenden Klassen. Weiterlesen

SKIN AREA: Rothko Field

Die Wiener Aktionisten und insbesondere Rudolf Schwarzkogler haben einen nicht unerheblichen Einfluss auf verschiedenste Industrialgenerationen gehabt. So (re)produzierte Steven Stapleton (ob intendiert oder nicht) den Mythos von Schwarzkoglers vermeintlicher Autokastration. Die Performances von COUM Transmissions wären ohne die Vorarbeit der Wiener Gruppe undenkbar gewesen. Dass oftmals der Bezug bei weniger inspirierten Künstlern ein nur oberflächlicher zu sein scheint, der eher schmückendes Beiwerk denn ernsthafte Auseinandersetzung ist, daran kranken weite Teile der Subkultur. Weiterlesen

DALE COOPER QUARTET & THE DICTAPHONES: Métamanoir

Nach der immensen Aufmerksamkeit, die dem dunklen Sound des Kilimanjaro Darkjazz Ensembles und seinem Pendant im Zeichen des Mount Fuji zuteil wurde, hätte man fast vergessen können, dass es noch ein weiteres, wenn auch kleineres Gebirgsmassiv gibt, das zumindest indirekt als Namensgeber eines bizarren Zeitlupengroove fungiert: Gemeint sind die fiktiven Twin Peaks aus der gleichnamigen Serie von David Lynch. Vor ihrer Kulisse versuchte ein FBI-Agent namens Dale Cooper einen myteriösen Mord aufzuklären. Weiterlesen

SOAP&SKIN: Narrow

Soap&Skin polarisiert. Die einen stecken ihre Songs gar zu schnell in die Ecke für sensible und leicht überdrehte Mädchenmusik – eine Drama Queen, die sich psychisch entblößt und der neurotischen Jugend von heute ihr Identitätsfutter gibt. Andere setzen auf hohen Stil und fahren schwere Geschütze klassischer Bildung auf, holen die Gedichte Trakls aus der Kiste und bemühen das romantische Kunstlied, um sich einen Reim auf die Anziehungskraft zu machen, die ihr Debüt „Lovetune for Vacuum“ vor ein paar Jahren ausstrahlte. Natürlich nicht ganz zu unrecht. Anja Plaschg, die Person hinter dem Namen, sieht sich als Popmusikerin, und ihr Unbeeindrucktsein gegenüber all den klugen Fachsimpeleien Weiterlesen

You Killed Me First: The Cinema of Transgression

Es wird immer noch gelegentlich behauptet, die 80er wären generell verklemmter und weniger freizügig gewesen als die 70er. Sicher mag das in vielen Fällen auch so gewesen sein, und warum sollte das in einer Kultur, die in vielerlei Hinsicht nach den Gesetzmäßigkeiten von Konjunkturzyklen funktioniert, auch verwundern. Relevanter ist die Beobachtung, dass das Enthemmte, Dionysische, das man mit vielen Phänomenen der Jahre um 1970 in Verbindung bringt, ein Jahrzehnt später zu einem Großteil in die Subkulturen abgewandert ist, und dort weniger die Liebe und den Frieden feiert, sondern vielmehr Weiterlesen

ELECTRIC SEWER AGE: In Final Phase

In meiner Rezension zu „The Ape of Naples“, die gleichzeitig (auch) eine Art Nachruf auf Jhonn Balance war, schrieb ich, dass Trauer oftmals etwas Egoistisches ist, man darüber betrübt sei, nicht mehr in den Genuss weiterer künstlerischer Werke der Verstorbenen zu kommen. Dabei wurde das 2005 bekannt gegebene Ende Coils durch die postumen Veröffentlichungen verzögert. Nach Sleazys Ableben hat das alles nun eine endgültige, eine finale Note und man sucht verzweifelt nach noch ungehörten und unerhörten Stücken. Weiterlesen

SUNN O))) MEETS NURSE WITH WOUND: The Iron Soul of Nothing

Stephen O’Malley und Greg Anderson, denen man nachsagt, ein recht gegensätzliches Duo zu sein, sind mit ihrem Projekt Sunn O))) nicht vom Himmel gefallen. Sie stehen in diversen Musiktraditionen, und innovativ waren sie vor allem als Missing Link, der Bereiche zusammenführt, die sich mehrfach sehr nah kamen und sich doch niemals völlig berührten. Bewegten sich Drone- und Minimalmusik in der Nachfolge von Young oder Palestine entgegen mancher Behauptungen nie vollends aus dem sogenannten E-Bereich heraus, hat sich (Doom-)Metal der Abstraktion und der völligen Auflösung Weiterlesen

VIVIAN VOID: Div.

Ob Vivian Void ihren Bandnamen von den Vivian Girls aus Henry Dargers Buch „In the Realms of the Unreal“ entlehnt haben, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen – ich vermute sogar, dass dem nicht so ist. Die enorme Graphic Novel aus der Feder eines lichtscheuen Dienstboten, die auf rund fünfzehntausend Seiten den Kampf von sieben jugendlichen Amazonen gegen ein kinderversklavendes Terrorregime erzählt, eignet sich allerdings zu gut als Aufhänger, um den Querverweis einfach unter den Tisch fallen zu lassen. Zu siebt sind Vivian Void ja schließlich auch. Weiterlesen

“Vieles, was ich mache, basiert auf Gefühl”: Ein Interview mit Timothy Renner

Das künstlerische Wirken Timothy Renners ist in den vergangenen Jahren von uns mehrfach beleuchtet worden. Seit Mitte der 90er hat er in unzähligen Inkarnationen (Timothy, Timothy Revelator, timeMOTHeye) und Formationen (Mourning Cloak, Stone Breath, Breathe Stone, The Spectral Light and Moonshine Firefly Snakeoil Jamboree, Black Happy Days, Moth Masque, Crow Tongue, Forest Beggars) Folkmusik (ein)gespielt, die (auch immer) seine spirituelle Entwicklung, seine persönlichen Obsessionen widerspiegelte. Dass er auf seinem Blog bei Interessen lapidar vermerkt: “a life of meaning and symbol”, darf da nicht verwundern. Weiterlesen

TORTURING NURSE VS. GOVERNMENT ALPHA: Split

Auf dieser lakonisch „Split“ genannten Doppel-CD treffen zwei gestandene Größen fernöstlicher Lärmkunst aufeinander. Der japanische Harshnoiser Yasutoshi Yoshida alias Government Alpha wurde hier bereits mehrfach vorgestellt, Torturing Nurse ist eine vierköpfige Band aus Shanghai und sicher die bekannteste Noisekapelle der Volksrepublik China. Bekannt sind sie unter anderem für wütende Liveshows, die an Hijokaidan denken lassen, für ätzendes Gitarrenfeedback und eine visuelle Gestaltung, die gern mit Motiven spielt, die in weniger abgeklärten Zeiten als provokativ galten. Weiterlesen

DEMDIKE STARE: Elemental (Parts 1 & 2)

In den letzten Jahren ist vermehrt deutlich geworden, dass Hybride oftmals origeneller sind als die, die sich sklavisch an mosaische Reinheitsgebote innerhalb engster Gattungs- und Genregrenzen halten. Das nordenglische Duo Demdike Stare ist schon allein aufgrund der Herkunft der beiden Beteiligten ein Vertreter ersterer Gruppe: Miles Whittaker kommt vom Techno (er ist u.a. ein Teil von den ebenfalls auf Modern Love veröffentlichenden Pendle Coven), Sean Canty – der bei dem archivarischen Label Finders Keepers angestellt ist und einmal als einer der bekanntesten Plattensammler Manchesters apostrophiert wurde – vom Hip Hop. Weiterlesen

SEWER GODDESS: Disciples Of Shit: Live Waste

Wie stellt man jemandem Sewer Goddess vor, nachdem man das Projekt in den ersten Jahren seines Bestehens sträflich vernachlässigt hat? Man könnte sich in der Erörterung von Genrezugehörigkeiten ergehen, von Power Electronics, Death Industrial und dezenten Black Metal-Einflüssen sprechen – Aspekten die omnipräsent sind in der Musik, im Auftreten und im visuellen Erscheinungsbild der Band, die man so gerne mit Frontfrau Kristen Rose gleichsetzt, zu der aber auch noch Josh Langberg gehört. Natürlich könnte man auch einmal mehr die Tatsache, wie wenige kreative Musikerinnen doch die Männerdomäne harter elektronischer Musik bevölkern, aus der Mottenkiste holen. Weiterlesen

200 YEARS: s/t

Ob 200 Years als ein langfristiges oder eher als einmaliges Projekt gedacht ist, steht wohl noch in den Sternen. Ben Chasny hat sich nie nur auf seine Band Six Organs of Admittance konzentriert, sondern mit Gruppen wie Comets on Fire und August Born stets interessante Nebenschauplätze gepflegt. Dazu kamen Gastspiele u.a. bei Hush Arbors oder Current 93, bei denen er mit seinem Gitarrenspiel die eine oder andere Spur hinterließ. Mit der Sängerin Elisa Ambrogio von den Magik Markers arbeitete er bereits auf einem Six Organs-Album zusammen. Mit 200 Years wurde jüngst das gemeinsame Projekt der beiden aus der Taufe gehoben. Weiterlesen

Like Hunting In The Wild. Interview mit Yasutoshi Yoshida alias Government Alpha

Der in Tokyo lebende Yasutoshi Yoshida ist Musiker und Grafiker, und wenn es etwas gibt, das seine brachiale Noisemusik mit seinen bunten Kollagen verbindet, dann ein Moment des Plötzlichen, das eine entfesselte Wucht unmittelbar auf den Rezipienten loslässt. Die plötzlichen Schreikaskaden während seiner Auftritte und die zum Teil schockierende Gleichzeitigkeit ganz verschiedener Bildkomponenten sind nur zwei offensichtliche Beispiele dafür. Mit seinem Projekt, das er in den frühen 90ern in Anlehnung an einen bekannten Godard-Film Government Alpha nannte, hat er in den letzten zwanzig Jahren eine große Zahl an Tonträgern heraus gebracht, zunächst auf Tape, später auch in allen anderen Formaten Weiterlesen

LANA DEL REY: Born To Die

Ich wäre in den letzten Wochen echt gerne einmal jemandem begegnet, der Lana del Rey auf eine etwas sarkastischere Art toll gefunden hätte, so nach dem Motto „ich finde Lana gut, weil das was sie macht eigentlich ziemlich normal und vorhersehbar ist, und dass ein derart offensichtliches Image-Konstrukt so reibungslos ankommt, ist auf gewisse Weise schon fast wieder bewundernswert. Wer da noch meint, den endgültigen Tod des guten ehrlichen Pop bejammern zu müssen, der ist einfach ein hoffnungslos konservativer Althippie“. Obwohl ich die konservative Althippiekiste sonst gerne bemühe, hätte ich der Person unumwunden zugestimmt, denn geteiltes Checkertum verbindet bekanntlich. Weiterlesen

SEVEN THAT SPELLS: The Death And Resurrection Of Krautrock: AUM

Die Geschichte des Krautrock wurde schon oft erzählt und bedarf nicht unbedingt einer Neuauflage. Die kroatischen Psychrocker Seven That Spells haben ihre aktuelle Trilogie allerdings genau diesem Unterfangen gewidmet. Dass sie dies in Form interessanter (Meta-)Musik tun, ist nicht ungewöhnlich. Ein gewagtes Projekt wird es erst dadurch, dass sie nicht die Entstehung des Krautrock zum Ausgangspunkt nehmen, sondern seinen Niedergang, von dem aus sie in die Zukunft blicken. Das macht das Ganze zu einer recht optimistischen Angelegenheit und gipfelt in einem Ja zu allem, was mit Revivals, Neuauflagen und historischem Retrobewusstsein zu tun hat. Weiterlesen