THIGHPAULSANDRA: The Golden Communion

Etwas Monumentales haftet dem Werk Thighpaulsandras an, und das in Zusammenhängen, die gleich die wichtigsten Säulen seines Werks als Musiker, Sänger und Performer umfassen: Die epische Struktur seiner oft ausladenden Kompositionen, ferner die dem Eindruck nach allesumspannende Weite seiner thematischen und atmosphärischen Konzepte, für die Genrebegriffe wie Soundart, Rock, Jazz, Psychedelia oder Ambient kaum eine Rolle spielen. Dann nicht zu vergessen seine raumfüllende Stimme und die großen theatralischen Gesten, die niemals aufgesetzt wirken. Man würde sich auch nicht trauen, ihm den Weiterlesen

EXPO 70: Solar Drifting

Justin Wright alias Expo 70 veröffentlicht seit Jahren in Dauerrotation spacige Soundscapes irgendwo im Graubereich zwischen psychedelischem Rock und verspielter elektronischer Avantgarde, und einige seiner interessantesten Releases erblickten auf Zoharum das Licht der Welt, so beispielsweise das Robert Anton Wilson gewidmete Konzeptalbum namens „From Earth to Sirius“ und eine mit viel Bonusmaterial ausgestattete Neuauflage seiner LP „Corridors of Infinity“. Dieser Tage erscheint ebenfalls auf dem polnischen Label eine Sammlung an Outtakes und vergriffenen Stücken unter dem Titel „Solar Drifting“. Weiterlesen

POST SCRIPTVM: Seance

Post Scriptvm zählt man gemeinhin zum Industrial oder besser Post-Industrial, und so zutreffend diese Rubrizierung auch ist, sollte man gerade im Fall der beiden in New York lebenden Osteuropäer von jedem Schubladendenken absehen und die durchaus vielfältigen Einflüsse und Parallelen im Auge behalten, die das Duo verzeichnen kann. Zu den wichtigsten Inspirationsquellen für Post Scriptvm zählen philosophische Ansätze und diverse Kunst-Avantgarden aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, was sich nicht nur im Artwork, sondern besonders in der Weiterlesen

Ô PARADIS: Llega el Amor, Asoma la Muerte

Jahr für Jahr nimmt Demian mit seinem Projekt Ô Paradis neue Alben auf und verfeinert seine so schwer zu charakterisierende Musik, betont mal die poppig beschwingten, mal die erdig folkigen, mal die verspielt elektronischen Seiten seines Stils und kommt doch immer wieder zurück ins Zentrum seines eigenen Kosmos. In der Frequenz seiner Veröffentlichungen, bei der man mit der Zeit schon mal den Überblick verlieren kann, kommt nie der Eindruck des Maschinellen auf. Warum das so ist, lässt sich nicht allein Weiterlesen

TELLAVISION: The Third Eye

Dass es das Projekt Tellavision um die in Hamburg lebende Fee Kuerthen schon ganze acht Jahre gibt, ist mir als Pop-Banause bislang entgangen, weshalb „The Third Eye“ dann für mich auch einem Sprung ins kalte Wasser gleichkommt. Der erste Eindruck war, dass es sich bei der Musikerin um eine Meisterin des Kombinierens von vermeintlich Unkombinierbarem handeln muss. Ob die Leidenschaft, mit der sie dabei vorgeht, auf antrainiertem Können oder einem gesunden Dilettantismus beruht, ist vielleicht nicht so wichtig. Dass die Weiterlesen

DBPIT / XXENA / DANIELE PINTI: Lympha Obscura

Die Vorstellung darüber, was eine Wissenschaft ist, unterliegt ständigen Veränderungen, und was heute als Irrlehre, Satire oder auch Kunst gelten würde, mag in einer anderen Epoche dem gängigen wissenschaftlichen Diskurs entsprochen haben – und umgekehrt. Das vermutlich im Norditalien des 13. Jahrhunderts entstandene Voynich-Manuskript, dessen Faszinosum jüngst in einem audiovisuellen Werk namens „Lympha Obscura“ eingefangen wurde, ist derart an der Grenze dessen angesiedelt, was heute als Outsider Art gelten würde, dass man nach wie vor nicht klären kann, mit was für einem Text man es zu tun hat. Weiterlesen

PAUL JONES: No Call From Rasmus While Jogging

Paul Jones, den einige noch von seiner Mitwirkung bei Cindytalk her kennen, spielt Figuren auf seiner meist akustischen Gitarre, die prinzipiell endlos angelegt sein könnten, ohne dabei zu langweilen – und dies nicht obwohl, sondern gerade weil seine entspannten Pickings ganz minimale Patterns entstehen lassen, bei denen man die subtilen und sicher spontan einbrechenden Variationen oft nur unterschwellig wahrnimmt. Auf diese Weise wirkt seine Musik wie ein hintergründiges, atmosphärisches Mantra. Man kann für dies das oft strapazierte Wort Minimal Music oder besser noch den eher auf Weiterlesen

PARVE: Stabilité Économique

Man soll es eigentlich nicht im Rahmen einer Plattenbesprechung sagen, aber Parve aus Jerusalem sind besonders auf der Bühne eine Macht. Yaniv Schonfeld steht nach alter Jesus and Mary Chain-Manier mit dem Rücken zum Publikum und lässt die tiefen Saiten seiner Gitarre dröhnen und pulsieren. Tomer Damsky verwandelt sich am hinteren Bühne Rand in eine lupenreine Frontfrau indem sie sich in allen Schattierungen der Verzweiflung duch die überlangen Stücke schreit und dabei ihr Schlagwerk barbeitet, dass es den Hörern die Weiterlesen

So if you don’t like it there must be something good about it. Interview mit John Murphy

John Murphy ist einer der wenigen Pioniere des Industrial, die der Musik, die sie miterfunden haben, über die Jahrzehnte hinweg treu geblieben sind. Und das muss bei Murphy schon deshalb hervorgehoben werden, weil er ein ausgesprochen vielseitiger Musiker ist, der meist mehreren Arbeiten parallel nachgeht und so manche Wandlungen und Entwicklungen vollzogen hat. John ist seit den 70ern ein renommierter Drummer, spätestens seit seiner Zeit bei SPK ist die elektronische Bearbeitung von Sounds sein zweites Standbein, und vielleicht sind seit jeher gerade die Projekte am interessantesten, bei denen er beide Fähigkeiten zusammenbringt. Weiterlesen

ROSARUBEA: Chrysalide

Ich musste bei RosaRubeas neuem Album “Chrysalide” an die Novelle “Morpho Eugenia” von Antonia Byatt denken, in dem die Verpuppung einer Raupe und ihre letztliche Verwandlung in einen Schmetterling – eingebunden in die Geschichte eines dämonischen Familiengeheimnisses – symbolisch für die Verwandlungen steht, ohne die Leben kein Leben wäre. “Chrysalide”, das nach dem Puppenstadium des Schmetterlings benannt ist und sich musikalisch erst gar nicht zwischen entrückter Kammermusik und erdiger Psychedelia entscheiden will, widmet sich ganz den vielfältigen Verwandlungen, die der Biologie, aber auch der Weiterlesen

DAWN MCCARTHY: Traveller Returning

Man muss das Wort “Nabelschau” nicht mögen, aber ein Blick zurück auf die eigenen Anfänge ist für viele Musiker interessant. Welche Unsicherheiten konnte man mit der Zeit überwinden, welche ganz persönlichen Elemente gingen andererseits mit zunehmender Erfahrung verloren? Wie lassen sie sich wiederfinden? Wann und wie entstand eine eigene Handschrift, eine eigene Stimme, die von einem bestimmten Moment an untrennbar mit einem musikalischen Werk verbunden bleiben sollte? Dawn McCarthy, die seit ihrem Album mit Weiterlesen

TROUM & YEN POX: Mnemonic Induction

Als 2002 diese 2000 entstandene Zusammenarbeit des amerikanischen Duos mit den zwei Musikern aus Bremen auf Malignant Records veröffentlicht wurde, da kamen einem zwei Gedanken: Beide Projekte arbeite(te)n mit flächigen Klängen, so dass eine Zusammenarbeit durchaus nachvollziehbar war. Auf der andren Seite machten Yen Pox „Blood Music“, Musik für ein „New Dark Age“ (um die Titel ihrer ersten beiden Alben zu zitieren) – nach langer Pause situieren sie ihr neues Album „Between the Horizon and Abyss“ an –, während Troum sich auf ihren zahlreichen Veröffentlichungen oft mit Zuständen jen- und abseits des Wachens beschäftigten, z.B. auf der fantastischen „Tjukurpa“-Trilogie. Weiterlesen

CURRENT 93: Swastikas for Noddy & Crooked Crosses for the Nodding God (2LP-Re-Release)

Für viele ist “Swastikas for Noddy” eines der essenziellen Current 93-Alben, und schon allein im Hinblick auf den musikalischen Richtungswechsel, den die Platte einleitete, spricht einiges für ihren Ausnahmestatus. In der ersten Schaffensphase der englischen Band, die sich über die gesamte Mitte der 80er Jahre hinzog, stand Current 93 für lange, alptraumhafte Soundscapes, in denen David Tibet auf Alben wie “Nature Unveiled”, “Dog’s Blood Rising” und “Dawn” seine Hörer wie ein vollends dem Wahn verfallener Vergil auf einen Höllentrip mitnahm, bei der er ein tobendes Inferno aus Okkultismus, Paranoia und apokalyptischen Visionen entfachte. Keine noch so Weiterlesen

XXENA AND DBPIT: White Stories Of Black Whales

Viele selbst gelungene multimediale Arbeiten mit Bild und Sound wirken schon deshalb zusammengepappt, weil einfach vieles immer irgendwie passt, und in den Fällen, in denen ein spontaner Jam-Charakter vorliegt, kann auch noch mal so einiges schief gehen, wenn die Beteiligten lediglich ihrem Egotrip folgen. Arianna Degni und Flavio Rivabella alias Xxena und DBPIT sind derart auf einander eingestimmt, dass sie sich immer den entsprechenden Raum geben, der für einen echten Dialog nötig ist. So gesehen ist es beinahe konsequent, dass die beiden in ihrer neuesten Arbeit den Rezipienten ebenso frei mit einbeziehen und auch im Zusammenspiel Mut zur Fragmentierung zeigen. Weiterlesen

NATURE AND ORGANISATION: Snow Leopard Messiah

Um den Werdegang von Michael Cashmore zu verstehen, muss man sich v.a. von der Vorstellung verabschieden, dass der Kopf einer Band oder eines Musikprojektes immer die Person am Mikrophon sein muss. Schon in seiner Zeit bei Current 93 war der Gitarrist weit mehr als ein ausführendes Organ, sondern drückte der Musik seinen unverkennbaren Stempel auf. Seine scheinbar einfachen, in Wirklichkeit aber äußerst feinsinnigen Kompositionen bezeugen eine ganz eigene Handschrift, die man im Vergleich zu Current 93-Alben ohne seine Mitwirkung sofort heraushört. Als in den frühen 90ern vermehrt Tonträger von Cashmores eigenem Projekt Weiterlesen

(r): All About Satan

Der Satan musste schon viele Platten über sich ergehen lassen, einige gute und zahllose schlechte, mitunter ganze Musikgenres, aber ganz sicher ist ihm das ziemlich egal, und ob er sich in einer der Vorstellungen über ihn – einer biblischen, einer mittelalterlichen, einer gegenaufklärerischen oder einer libertären – besonders wiedererkennt, bleibt sein Geheimnis. Es ist heute schwer, ihm ein Album zu widmen, mit dem man nicht abgedroschen wirkt, und genau genommen gibt es nur zwei Wege, dies auf die Beine zu bringen. Der eine besteht darin, alle Weiterlesen

TWILIGHT CIRCUS MEETS EDWARD KA-SPEL: 800 Saints In A Day

Wenn Ryan Moore vom Twilight Circus Dub Sound System mit Edward Ka-Spel ins Studio geht, dann ist dies die Wiederaufnahme einer alten Verbindung, denn Moore spielte bekanntlich fast zwei jahrzehntelang Schlagzeug und Bass bei den Legendary Pink Dots. Mit etwas Fantasie also ist ein Album wie “800 Saints A Day” auch ein Beispiel dafür, wie die Pink Dots heute klingen könnten, wenn Moore nach seiner Hinwendung zum Dub in der Band geblieben und seine Einflüsse eingebracht hätte. Weiterlesen

SYLVAIN CHAUVEAU & ENSEMBLE NOCTURNE: Down To The Bone – An Acoustic Tribute to Depeche Mode

Von allen Popgruppen mit Wurzeln im New Wave haben die Jungs aus der Londoner Trabantenstadt Basildon, die im letzten Schnipsel der 70er als Composition of Sound firmierten und sich kurz darauf in Depeche Mode umbenannten, die vielleicht konstanteste Erfolgsgeschichte hinter sich, und es gibt außerdem wenige, die in den Jahrzehnten ihres Bestehens in aller Harmlosigkeit derart polarisiert haben. In meiner Teenagerzeit, in der sich auch immer wieder Depeche Mode-Platten in meinem Regal einfanden, gab es die einen, die in der Combo fast so etwas wie ein Mysterium dunkler Avantgarde sahen und sich anhörten, als sprächen sie über Weiterlesen

IN GOWAN RING: The Serpent and the Dove

Wenn immer ein neues oder aufgewärmtes Musikphänomen auf der Bildfläche erscheint, gibt es Vorreiter, denen der Ruhm der Popularität verwehrt bleibt, dafür aber die Liebe und Anerkennung dezidierter Anhänger auch über einen Hype hinaus sicher ist. Im Folk und seinen dunklen, psychedelischen Spielarten, der im letzten Jahrzehnt in aller Munde war, ist B’ee eine solche Figur. Mitte der 90er gründete er sein Projekt In Gowan Ring, das einem kleinen, aber graduell wachsenden Kreis an Enthusiasten ein Garant für feinsinnigen entrückten Folk mit mittelalterlichen Einflüssen werden sollte. Mit Weiterlesen