POST SCRIPTVM: Benommenheit

Interessanterweise waren es v.a. deutschsprachige Denker, die seit dem 19. Jahrhundert dem Gefühl des modernen Subjekts, in einem entmenschlichten Verwertungszusammenhang gefangen zu sein, in markanten Schlagworten Ausdruck verliehen haben. Nicht nur werden die Zumutungen monotoner Arbeit und auf Konsum gründender Heilsversprechen als stählernes Gehäuse (Max Weber) betrachtet, früh wurde zudem beobachtet, wie sehr das alltägliche Räderwerk dem Einzelnen zur zweiten Natur (Lukács) wurde. Schon bald wähnte sich der Mensch in seinem fatalen Weiterlesen

ZOLA JESUS: Taiga

Dumpfer, shoegaziger DIY-Sound als Fundament für die klagende Stimme einer klassisch geschulten Sängerin – die Zeiten, als man Zola Jesus noch über diesen reizvollen Kontrast definieren konnte, gehören längst der Vergangenheit an, und Nika Roza Danilova macht nicht den Eindruck, als wollte sie sich in absehbarer Zeit auf ihre musikalischen Anfänge besinnen. Vielmehr wirkt Zola Jesus wie eine typisch amerikanische Erfolgsgeschichte, und sollte in den nächsten Jahren mal ein Buch über die Künstlerin erscheinen, dann wird Burial Hex darin wohl eine ähnlich marginale Rolle spielen wie Durtro oder die Blacklips in der breiteren Wahrnehmung Antony Hegartys. Weiterlesen

V.A.: Epicurean Escapism 1

Anlässlich des kürzlich in Berlin stattgefundenen dritten „Epicurean Escapism“-Festivals folgt eine Zusammenstellung, die sich als Ergänzung/Überarbeitung der ursprünglichen Tape/DVD-Veröffentlichung, die vor zwei Jahren während des Vorläuferfestivals erstmalig verkauft wurde, versteht.

John Murphy steuert einen Track unter dem Namen seines in den letzten Jahrzehnten nur sehr sporadisch aktiven Projekts Krank bei: Weiterlesen

THE QUASI DUB DEVELOPMENT: Little-Twister Vs. Stiff-Neck

Wann immer Menschen etwas schaffen und daraus ein Stil entsteht, erscheinen sie früher oder später auf der Bildfläche – die Puristen und die Spieler, die Meister des angelernten Könnens und die Freistil-Akrobaten mit der leichten Hand. The QDD-Gründer Luca Fadda und F.S. Blumm sind seit Jahren in die Dub-Szene involviert, wo ihnen festgefahrene Strukturen und ihre saturierten Anhänger den Nerv rauben. Mit der Comicfigur des Little Twister, der seinen großen aber ungelenken Kontrahenten Stiff-Neck aufs Kreuz legt, brechen die beiden eine Lanze für mehr spielerische Unverkrampftheit im Dub. Weiterlesen

CULT OF YOUTH: Final Days

Auch in einer Zeit, in der es eigentlich keinen Neofolk mehr gibt, gilt für die Restbestände des Phänomens die gleiche alte Unterscheidung – es gibt die sentimentalen Schöngeister, die zum Schwulst neigen, und die Bösartigen, die mit viel Spaß an der Sache einem gehässigen Pessimismus frönen. Idealismus oder Nihilismus, um es mit einem der besten deutschen Musikkenner zu sagen. Cult of Youth schreiben ihre Texte im Knast und ergänzen ihr Instrumentarium durch Körperteile toter Menschen, womit die Zugehörigkeit geklärt sein sollte. Das passt dann auch gut zu ihrer Musik, die sich in den Zeiten der großen Weiterentwicklung eben nicht in Richtung Weiterlesen

PSALM’N'LOCKER: Op. 01 Music For Dreamachine

Psalm’n'Locker ist das Soloprojekt von Luca Garino, der in der doomigen Folkband mit dem einprägsamen Namen How Much Wood Would A Woodchuck Chuck If A Woodchuck Could Chuck Wood? für düster vor sich hingrummelnde Vocals zuständig ist. Auf seinem komplett im Alleingang eingespielten Tapedebüt folgt er den Spuren Brion Gysins und Ian Summervilles, die mit ihrer in den 50er Jahren entwickelten Traummaschine halluzinogene Wirkungen durch optische Flickereffekte erzielten – vorausgesetzt, der Benutzer verfügte über die entsprechende Empfänglichkeit für repetitive optische Reize dieser Art. Ähnlich wie das 1989 von The Hafler Trio und Weiterlesen

BONNIE ‘PRINCE’ BILLY: Singer’s Grave A Sea Of Tongues

Oberflächlich betrachtet kann man Will Oldhams Werdegang als eine Entwicklung vom minimal instrumentierten Lofi-Dilettantismus hin zu einem opulenten und virtuosen Bandsound interpretieren – um dann vielleicht noch die Einschränkung hinzuzufügen, dass sich diese Entwicklung nicht vollkommen linear vollzieht. In Wirklichkeit sind die beiden Gestaltungsweisen seiner Musik, der Purismus und das virtuose Zusammenspiel mit anderen professionellen Musikern, so stark ineinander verzahnt, dass es bei genauerem Hinsehen problematisch ist, sie einfach auf unterschiedliche Werkphasen zu verteilen. Weiterlesen

RUDOLF EB.ER: Brainnectar

Rudolf Eb.er, den man auch unter dem Konzeptnamen Runzelstirn & Gurgelstøck kennt, versteht seine Arbeiten, die Musik, Performatives und Visuelles umspannen, als schamanistische Rituale, die durch reinigende psycho-physische Grenzerfahrungen die am meisten einengende psychische Zwangsjacke – das Ego – entkräften und im Idealfall überwinden sollen. Dabei agiert der in Japan lebende Künstler mit irritierenden, für sensible Gemüter schockierenden Motiven, die durchaus eine selektierende Wirkung erzielen können – nur wer wirklich bereit ist für eine undistanzierte Konfrontation Weiterlesen

LAST DOMINION LOST: Towers of Silence

Als das Album „The Tyranny of Distance“, das ursprünglich 1992 entstandenes Material enthielt, 2004 auf Tesco veröffentlicht wurde, war das für diejenigen, die sich für (Post-)Industrial interessierten, schon gewisser Beachtung wert, schließlich waren neben Jon Evans noch zwei Musiker beteiligt, die ein wenig (John Murphy) und sehr stark (Dominic Guerin unter dem Pseudonym Tone Generator) bei SPK mitgewirkt hatten. Das Material hatte dann auch durchaus einen rumpeligen Old School-Charme; dabei muss man ehrlicherweise sagen, dass es sich nicht um eine Band im eigentlichen Sinne handelte, denn es gab keine Pläne das Projekt weiter zu verfolgen und auch der Name wurde erst nachträglich gewählt. Weiterlesen

RAPOON: Cultural Forgeries

An musikalischen Ausdrucksformen unterschiedlicher Kulturen zeigte Robin Storey seit jeher ein großes Interesse – schon im Kontext der Pionierband Zoviet France, mehr noch in seinem Soloprojekt Rapoon, mit dem er die Suche nach der spirituellen Dimension ethno-schamanistischer Musik in eindringlichn Loops weiter vorantrieb und auf die vielen roten Fäden hin abklopfte, die unterschiedliche musikalische Regionen miteinander verbinden. So gesehen betritt Storey auf „Cultural Forgeries“ kein totales Neuland, indem er – wie es heißt, auf Vorschlag des Labels und seiner Betreiber PAS Musique – ausschließlich akustische Klangquellen benutzt und die live eingespielten Aufnahmen nur partiell bearbeitet. Weiterlesen

HEDEROMERUHEN: 2

Als der Grafiker Daisuke Ichiba und der Noiser Yasutoshi Yoshida vor knapp zwei Jahren ihr „Antifolk“-Steckenpferd namens Hederomeruhen ins Leben gerufen hatten, konnte man die krude Mixtur aus monotonem Geschrammel, wilden Zitaten und durchaus schönen Akustiksongs auch als einmaligen Jungenstreich abtun – schon weil einer der beiden Japaner nicht einmal primär aus der Musik kommt. Doch die beiden sind Serientäter: In regelmäßigen Abständen produziert Ichiba neue Tusche-Zeichnungen mit der gewohnt brutalen Erotik, die trotz ihrer Vielzahl an Sujets eine eigene Handschrift und die Lust an der Repetition offenbaren. Ähnliches gilt Weiterlesen

MUTE SWIMMER: Second

Schon vor einigen Jahren schrieb ich zu einer früheren Mute Swimmer-Platte, dass es sich bei Guy Dales Stücken eigentlich um unplugged gespielte Rocksongs handelt – entgegen der hin und wieder getroffenen Rubrizierung im Folk. Die spärliche Instrumentierung hat dem Briten sicher in mehrfacher Hinsicht gut getan, ließ sie ihm doch Raum zum experimentieren und die Gelegenheit, sich auf einen weiteren Aspekt seines Projektes zu konzentrieren – seine poetischen Lyrics, die in den meisten Fällen sowohl im musikalischen als auch im rein literarischen Zusammenhang funktionieren (würden). Weiterlesen

LEILA ABDUL-RAUF & TOR LUNDVALL: Ibis/Quiet Seaside 7”

Leila Abdul-Rauf und Tor Lundvall blicken bereits auf langjährige Laufbahnen zurück, wenngleich Lundvalls Name öfter fällt, ist der im Nordosten der USA lebende Maler und Musiker doch hauptsächlich unter seinem bürgerlichen Namen und solo aktiv. Die in Kalifornien lebende Gitarristin Abdul-Rauf agierte bisher v.a. im Kontext verschiedener Bands, die wie Amber Asylum, Hammers of Misfortune oder Bastard Noise eine Bandbreite von organischem Ambient über Metal bis Noise und Powerviolence abdecken. Vor zirka drei Jahren trafen die beiden sich erstmals und fassten den Plan, ihren Vorlieben für heimelig-unheimliche Ambientwelten Weiterlesen

ASMUS TIETCHENS: Humoresken und Vektoren

Humor fand sich schon immer im Werk des Hamburgers, Titelgebung auf den frühesten Platten (etwa hier) zeugten von einer Haltung, der das Karnevaleske abging, die aber (vielleicht gerade deswegen) in besonderem Maße noch immer funktioniert und auch seine (hier gesammelten) Paralipomena mit Titeln wie „Das Scheitern als eine der schönen Künste betrachtet“ sollten in diesem Kontext nicht unerwähnt bleiben. Weiterlesen

SUDDEN INFANT: Wölfli’s Nightmare

Es gibt Bands, die sich bei gefühlt jeder Veröffentlichung neu erfinden und solche, die sich über Jahrzehnte in der gleichen Umlaufbahn bewegen und ihren Stil nur minimal variieren. Wenn eine Band oder ein Künstler nach etlichen Jahren einen plötzlichen Wandel vollzieht, erregt das Aufsehen, und was für die einen der Ausverkauf, ist für die anderen eine vitale Frischzellenkur. Sudden Infant war für die letzten drei Jahrzehnte das Projekt von Joke Lanz und zwar nur Joke Lanz. Als ein solches wurde es nach einer abschließenden Tour und einem limitierten Tape vor ein paar Monaten zu Grabe getragen. Auferstanden ist Sudden Infant seit kurzem als Trio, zu dem neben Lanz nun noch ein Schlagzeuger Weiterlesen

DER BLUTHARSCH AND THE INFINITE CHURCH OF THE LEADING HAND: All To Pieces

Viele Musiker verändern ihren Stil im Laufe der Zeit, doch längst nicht alle schaffen es, dabei ein gleichbleibendes Popularitätsniveau zu halten bzw. dieses trotz aller Wandlungen noch in kleinen Schritten zu steigern. Irgendetwas muss dran sein an diesem Albin Sunlight Julius, das von all seinen Liebäugeleien mit Musikrichtungen unberührt bleibt, das sich in mittelalterlichen Soundscapes ebenso wiederfindet wie in martialischer, rockiger oder psychedelischer Gestalt. Ist es einfach nur gute PR und das Talent, das Richtige zur rechten Zeit zu machen? Ein Händchen auch für Entertainment? Weiterlesen

PJUSK: Solstøv

Instrumentale Musik kann (oftmals lediglich) durch Titelgebung und Artwork die Rezeption in eine gewisse Richtung lenken, dabei sind im Bereich des (Dark) Ambients auch immer wieder die Regionen des ewigen Eises ein beliebter Topos gewesen, man denke etwa an Thomas Köners Frühwerk oder daran, dass es inzwischen sogar ein Label namens Glacial Movement Records gibt, auf dem passenderweise das norwegische Duo Pjusk ein Album veröffentlicht hat. Weiterlesen

MALATO: Avamposto Malato

Für eine Band, die sich Malato – „krank“ – nennt, fabrizieren die fünf Italiener aus dem Dunstkreis von Ain Soph und Circus Joy eine ausgesprochen wohlorganisierte Musik – zumindest entsteht dieser Eindruck beim ersten Hördurchgang ihrer (noch) aktuellen EP „Avamposto Malato“. Die vordergründig kompakten Songs sind durchgehend auf Clubtauglichkeit getrimmt, auch wenn sie im Einzelnen ziemlich unterschiedliche Poptraditionen channeln – wavige, housige und zuguterletzt solche, die recht nah am Industrial sind. Weiterlesen

TANZ OHNE MUSIK: Between Our Body Shapes

Bei dem Boom elektronischer Retromusik der letzten Jahre wundert man sich fast, dass das Zufallsprodukt Angst Pop, das seit Ende der 90er auf unzähligen Flyern auftauchte, nicht hip geworden ist. Kühle Analogsounds in spartanischer Gestaltung, exponierte Taktschläge aus der Eismaschine, viel Vibrato und monotone Vocals zwischen Sekretärinnenerotik und nihilistischer Abgeklärtheit – es war schon ein sehr eigenes Konglomerat, das ein deutsches Paar auf einem längst renommierten Seitenprojekt entwarf, und das in seiner Reinform doch nie über die Clubs der Post Industrial-Gemeinden hinauswachsen konnte. Zum Glück, mag man kontern, und letztlich haben trotz allem Weiterlesen