Für viele ist das Wort „märchenhaft“ ein Attribut des Schönen, obwohl Märchen seit jeher umstritten sind. Der Hang vieler Märchenstoffe zu Gewalt und Grausamkeit war schon immer ein Stein des Anstoßes, ebenso die allegorischen Weltdeutungen, die bewusst den Weg des Vorrationalen gehen und die Fantasie der instrumentellen Vernunft vorziehen. Wenn selbst ein so ausgewiesener Experte wie Richard Dawkins – Spezialist für Religion, Biologie und Sozialethik und angeblich der drittwichtigste Intellektuelle unserer Zeit – ihren pädagogisch fragwürdigen Einfluss moniert, scheinen die Barometer heute eher eine märchenfeidliche Stimmung anzuzeigen. Dem steht entgegen, dass Weiterlesen
CONSUMER ELECTRONICS: Estuary English
Während der selbst so apostrophierte „animal response technician“ William Bennett es inzwischen bis in die Tate Modern geschafft hat, mit Cut Hands gern gesehener Gast auf genreübergreifenden Festivals ist und inzwischen auf hippen Labeln wie Blackest Ever Black veröffentlicht, ist der mit einer Arbeit über Burroughs, Ballard und Pynchon promovierte „dirty word specialist“ Best einen etwas anderen Weg gegangen: Seine Auftritte mit Kassengestell, Schmerbauch und inklusive Nippelreiben sind auf eine Art konfrontativ, die ihresgleichen sucht, denn obwohl es natürlich eine Inszenierung ist, ist Bests Bühnenpersona so irritierend und oft abstoßend, dass suspension of disbelief jederzeit möglich ist. Weiterlesen
MAURICE LOUCA: Benhayyi Al-Baghbaghan (Salute The Parrot)
In seiner Geburtsstadt Kairo ist Maurice Louca eine der umtriebigsten Figuren der lokalen Musikszene, die so vielfältig in Erscheinung tritt, dass man kaum noch von Underground reden kann. Mit einheimischen Musikern gründete er Bands wie Alif, Bikya und die Dwarves of East Agouza, dazu kommen zahlreiche internationale Kollborationen und Arbeiten für Film und Theater. Unter dem Titel “Benhayyi Al-Baghbaghan (Salute The Parrot)” erscheint gerade sein zweites “Solo”-Werk, das natürlich alles andere als solo eingespielt wurde. Vielmehr versuchte er in einer zweijährigen Arbeitsphase, seine wichtigsten Weiterlesen
FEE REEGA: Die Entführerin
Nie mehr Schule, nie mehr Gemüse, stattdessen Schokolade, süße Träume und ein Leben fernab all der anderen Deppen, die sowieso nur stören – wer wünscht sich das nicht ab und zu, vor allem wenn er dafür erst einmal von einer so schrägen Gangsterfrau entführt werden muss, wie sie sich in diesem Video auf Tischen und Sofas räkelt. Natürlich ist man dann, zumindest laut Karl Abraham, oral fixiert, aber das ist ebenso wie die Komplementärneurose des kidnappenden Vamps normale Härte in der Welt Fee Reegas, die seit ein paar Wochen ein neues Album draußen hat. Es liegt gleich zweimal vor, auf Deutsch unter Weiterlesen
ROBERT WYATT: Different Every Time (2CD)
Man könnte vielen Best of-Sammlungen den Titel „Different Every Time“ verpassen, denn fraglos haben sehr viele Musiker mit der Zeit markante Wandlungen durchlaufen. Selten jedoch lässt gerade dies die Konstanten des musikalischen Ausrucks und der persönlichen Aura derart deutlich aufscheinen wie bei Robert Wyatt, der in den 60ern als Schlagzeuger und einer der Sänger von Soft Machine debütierte und bis heute feinsinnige Bande zwischen den Gefilden des Prog, des Jazz und sensibler Songwritermusik knüpft. Dabei geht er stets etwas anderes vor als die meisten – gewitzter, freundlicher, bissiger und doch stets genießbar. Auch so kann man den Titel begreifen. Weiterlesen
FAUSTO MAIJSTRAL: s/t
Fausto Maijstral wurde vor vier Jahren in Berlin gegründet, doch die Wurzeln des Drone-Duos sind quasi weltumspannend. Da wäre Will Gresson aus dem neuseeländischen Auckland, der heute in London lebt und schon seit einigen Jahren solo und in Bands wie Palatial spielt. Unseren Lesern vielleicht bekannter ist die Mailänderin DuChamp, deren Debüt “Nar” bei Boring Machines auf Platte erschien und auf unseren Seiten bereits Erwähnung fand. Ihr gemeinsames Projekt, benannt nach einer Figur aus Thomas Pyncheons Roman „V“, kann schon auf eine solide Zahl an Auftritten zurückblicken, jüngst erschien dann auch ihr Debüt auf 250 Vinylscheiben. Weiterlesen
SARAH PEEBLES: Delicate Paths. Music for Shō
Die Shō ist die japanische Ausprägung einer in ganz Ostasien verbreiteten Mundorgel, die vor allem in der höfischen Musik Verwendung fand und einen eher „trockenen“ Klang hat. In früheren Epochen wurde das Holzblasinstrument im Kontext ethnobotanischer Rituale verwendet. Das ist dann auch einer der Gründe, warum die kanadische Musikerin Sarah Peebles und ihre Kollegen seinen Klang nicht nur mit anderen Instrumenten und der menschlichen Stimme zusammenbringen, sondern auch mit Naturgeräuschen verschiedener Art. Weiterlesen
CUT HANDS: Festival Of The Dead
In musikalischer Hinsicht mag man William Bennetts Übergang von Whitehouse zu Cut Hands als fließend betrachten – in einer Hinsicht jedoch hat sich etwas ziemlich abrupt geändert: Seit langem war Bennett nicht mehr so konstant produktiv wie in den letzten fünf Jahren, seit langem schon waren die Abstände zwischen seinen Releases und Gigs nicht mehr so kurz wie in den Zeiten des sogenannten Afro Noise. Zum Teil mag das damit zusammen hängen, dass Bennett nun eine lange gesuchte ästhetische Form gefunden hat und die Kreativität nur so sprudelt. Ein weiterer Grund ist aber auch, dass die Arbeitsweise eine grundverschiedene ist. Weiterlesen
WEYES BLOOD: The Innocents
So fragwürdig es auch scheinen mag, ein Album mit einem einzigen Wort zu charakterisieren, kann ich mich doch im Fall von Weyes Bloods neuer LP diesem Reiz nicht entziehen, und der entsprechende Begriff ist noch dazu heikel: nostalgisch. Heikel deshalb, weil dem Wort gerne das Klischee der Rührseligkeit, des weltfernen und eher schädlichen Schwelgens im Verlorenen angehängt wird. Dies sicher zu Unrecht, denn es gibt durchaus gehaltvolle Formen emotionaler Aufarbeitung des Vergangenen. Das vorliegende Album macht dies gerade vor. Weiterlesen
HÅKON STENE: Lush Laments for Lazy Mammal
Denkt man an klassische Experimentalmusik, v.a. an solche mit dem Typenschild “zeitgenössische Avantgarde”, kommen einem in der Regel eher Amerikaner als Briten in den Sinn, vielleicht weil Komponisten wie John Tilbury, Laurence Crane oder Gavin Bryars etwas später als Cage und Feldman auf der Bildfläche erschienen sind und bis heute konzeptuell dezenter zu Werke gehen. Die britischen Contemporaries entwerfen von westlichen Tonsystemen entkoppelte Klangobjekte, die meist ohne Atonalität oder die Herausforderungen harscher Alltagsgeräusche auskommen. Weiterlesen
What do you Know about a Good Father? Interview mit Joke Lanz von Sudden Infant
In der experimentellen Musik und im Post-Industrial sind Projekte üblicher als Bands, was man mit der Distanz zum herkömmlichen Rock’n'Roll-Lifestyle ebenso erklären könnte wie mit dem starken Konzeptcharakter vieler Arbeiten, bei denen meist die Ideen einer einzelnen Person im Zentrum stehen. Obwohl Sudden Infant eine sehr individuelle Sicht auf die Welt zum Ausdruck bringt und nicht selten persönliche Erfahrungen verarbeitet, entschied sich Betreiber Joke Lanz im vergangenen Jahr, das Einmannprojekt in ein Trio umzuwandeln, bei dem ein an Jazz und Rock geschultes Schlagzeug und ein Kontrabass mit dem altbekannten elektronischen Lärm zu einer Einheit fusionieren, die man als Weiterlesen
IRM: Closure
Im Vorfeld der Veröffentlichung des Albums wurde von Bandseite darauf hingewiesen, dass die 2008 erschienene Maxi „Indications Of Nigredo “ und das Album „Order⁴“ als Teile einer Trilogie begriffen werden, die nun mit „Closure“ ihren Abschluss findet - was sicher auch damit zu tun hat, dass seit erstgenannter 12′ der Bassist Mikael Oretoft das Klangspektrum erweitert und Erik Jarl und Martin Bladh musikalisch unterstützt. Weiterlesen
THE BIG BUMBLE BEES: s/t
Wenn Baby Dee und Eliot Bates, die sich vor einigen Jahren im Line-up von Current 93 kennen lernten, ein gemeinsames Album herausbringen, stellen sich einige Erwartungen ein. Eine der naheliegendsten Vorstellungen wäre eine anrührende Sammlung von diesmal orientalisch anmutenden Torch Songs, bei denen Bates dezente Figuren auf dem Instrument, das er in Theorie und Praxis studiert hat, der Oud, spielt, während Dee dazu schmachtvolle Verse im brüchigen Falsett anstimmt. Eventuell könnten noch andere Akteure beteiligt sein, Dee könnte gelegentlich auf die Klaviertasten hämmern und die Sache von Song zu Song etwas karnevalesker angehen. Weiterlesen
XAVIER CHARLES: 12 Clarinets in a Fridge
Dass sich Xavier Charles für den Klang seiner Küchengeräte begeistert, mag bei gestandenen Soundart-Fans zunächst Augenrollen hervorrufen. Dass der Mann eigentlich Klarinette spielt und seine beiden Metiers gerne zusammenführt, lässt schon eher aufhorchen, mehr noch die Tatsache, dass er in der Küche vor allem den versteckten, oft überhörten Geräuschen auf der Spur ist, von denen selbst der häuslichste Mensch schwören würde, sie noch nie zwischen Spüle und Geschirrtruhe vernommen zu haben. Bezeichnenderweise fiel sein Augenmerk vor Jahren schon auf den Kühlschrank, der ja allgemein als eher ruhiger Kollege gilt. Weiterlesen
PHARMAKON: Bestial Burden
Wenn es ein besonderes Alleinstellungsmerkmal bei Pharmakon gibt, dann findet man es am ehesten in den manchmal regelrecht entmenschlichten Schreien, mit denen Margaret Chardiet eher Schmerz als Wut ausdrückt und ihren postindustriellen Lärm mit einem Element anreichert, das man eher von anderen Genres, Black Metal etwa und einige Spielarten des Crustcore, her kennt. Alle anderen Eigenschaften, die gerne hervorgehoben werden – ihr Fokus auf Pathologisches, ihre etwas zu clubtauglichen Beatansätze und die Tatsache, dass sie der klugen Prollfraktion zufolge primär ein Weiterlesen
KRANK / THE GRIMSEL PATH: Verdant Hum
Betrachtet man den Werdegang des gebürtigen Australiers John Murphy, so hat man den Eindruck, dass alle Bands/Projekte, bei denen er musikalisch/konzeptionell federführend ist/war und nicht nur eine helfende Hand, einen gewissen rituellen Charakter besitzen, sei es das nun wieder aktivierte Projekt Krank, die leider nicht mehr aktiven Knifeladder, Last Dominion Lost, deren jüngst veröffentlichtes Album “Towers of Silence” sicher zu den Höhepunkten postindustrieller Musik des Jahres 2014 gehört oder aber The Grimsel Path. Rituell sollte aber natürlich bezogen auf das auf 100 Exemplare limitierte „Verdant Hum“-Tape nicht allzu eng gefasst werden. Weiterlesen
FLYING LOTUS: You’re Dead!
Jello Biafra sagte einmal in einem Interview, dass Punk schon deshalb sterben musste, damit er irgendwann wiedergeboren werden kann, statt als untotes Museumsstück in den Ramschregalen der Zuspätgekommenen zu verrotten. Steven Ellison aka Flying Lotus scheint nicht nur einen sehr positiven Blick auf die Vergänglichkeit allgemein zu haben – auch scheint er ganz ähnliche Ansichten zu der Musikart zu haben, die ihn als Großneffe der berühmten Coltranes vielleicht am meisten geprägt hat, nämlich den Jazz. Nie merkte man das dem Weiterlesen
KRISTINA JUNG: Into the Light that I have Known EP
Kristina Jungs Debüt kommt auf derart leisen Sohlen daher, dass man die Tiefe und die zum Teil abgründige Schwermut der fünf Tracks glatt überhören könnte. Kein opulentes Cover, kein markanter Bandname, keine oberflächliche Dramatik in den vordergründig so heimelig anmutenden Akustiksongs – fast so, als wollte sie sich all die beiläufigen Gelegenheitshörer vom Hals halten, denen man das Besondere mit dem Holzhammer servieren muss. Ich weiß nicht, ob Kristina das Attribut Folksängerin akzeptieren würde, dass ihre Musik an eine englischsprachige Songtradition anknüpft, steht jedoch Weiterlesen
ZEITKRATZER: Lou Reed Metal Machine Music
Es gibt Alben, die solch einen Aura umgibt, dass der eigentliche Gehalt nur noch eine untergeordnete Rolle spielt und Lou Reeds Protoindustrialalbum „Metal Machine Music“ ist da sicher ein gutes Beispiel für. Dabei gehen die (Be-)Wertungen weit auseinander. Auf der Lou Reed-Gedächtnisseite schreibt John Zorn: „Let’s not forget that Lou Reed was the man who made Metal Machine Music.“ Coil nannten damals, als sie ihr vielleicht krachigstes Album „Constant Shallowness Leads to Evil“ veröffentlichten, „Metal Machine Music“ als Referenzpunkt. Weiterlesen